Eine Studie aus Norwegen zeigt die Folgen höherer Vermögensteuern. Warum der Umgang mit Reichen für die Wirtschaft entscheidend sein könnte.
Eine Studie aus Norwegen zeigt: Höhere Vermögensteuern können Reiche vertreiben. Doch noch schwerer wiegt womöglich, wenn Unternehmer zu Sündenböcken statt zu Vorbildern werden.
Eine neue Studie des Ökonomen Marius A. K. Ring, die im Oktober 2026 vom amerikanischen National Bureau of Economic Research (NBER) veröffentlicht wurde, wie reiche Norweger auf die Erhöhung der Vermögensteuer zwischen 2021 und 2024 reagierten. Die Studie zeigt, einerseits, dass höhere Steuern tatsächlich dazu führten, dass wohlhabende Menschen Norwegen verließen.
Die Abwanderung konzentrierte sich auf die reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung. Ring schätzt, dass höchstens 100 Personen unmittelbar aufgrund der Steuererhöhungen auswanderten. Das zeige, dass selbst erhebliche Steuererhöhungen nicht zwangsläufig eine Massenabwanderung wohlhabender Menschen auslösen.
Ja, die meisten Reichen bleiben, auch wenn der Staat den Spitzensteuersatz erhöht oder die Vermögensteuer einführt. Das hat viele Gründe. Auch Unternehmer sind Menschen und nicht einfach „Homo Oeconomicus“. Viele lieben ihr Land, trotz allem.
Sie möchten ihren Freundeskreis nicht aufgeben. Viele Reiche sind schon älter und tun sich schwer mit anderen Sprachen. Manche hoffen auch einfach, dass sich die politischen Verhältnisse in ihrem Land bessern. Andere gehen einfach deshalb nicht, weil der Staat es ihnen mit einer hohen Wegzugsbesteuerung schwer macht.
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Aber die schlimmsten Folgen hoher Steuern liegen nicht darin, dass viele abwandern, sondern in der gesellschaftlichen Atmosphäre und der Stimmung in einem Land, die erst zur Einführung von hohen Steuern führen. Ich habe für meinen Film „Schweden und der Mythos des demokratischen Sozialismus“ mit Unternehmern in Schweden gesprochen, die sich an die 70er- und 80er-Jahre erinnern, als Schweden exorbitant hohe Steuern hatte.
Sie erinnerten sich vor allem an eine Atmosphäre, in der Unternehmer Feindbilder waren und als „verdächtig“ galten. Die wichtigste Änderung, die sie in den vergangenen Jahrzehnten wahrgenommen hatten, war, dass Unternehmer heute in Schweden als Vorbilder gelten, gerade auch für viele junge Menschen. Sie sind nicht mehr Sündenböcke, sondern man bewundert sie und eifert ihnen nach.
Wie erfolgreich dieser Wandel war, zeigt sich an der außergewöhnlich lebendigen Start-up-Szene Schwedens: Unternehmen wie Spotify, Klarna, King und iZettle sind international erfolgreich geworden. Stockholm zählt heute zu den führenden europäischen Zentren für die Gründung sogenannter Unicorns, also Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar.
Nach Angaben von Business Sweden hat das Land bereits 46 Unicorns hervorgebracht und liegt bei ihrer Zahl pro Einwohner an der Spitze Europas. Auch bei Börsengängen ist Schweden außergewöhnlich erfolgreich: Zwischen 2014 und 2025 gingen dort laut OECD 1114 Unternehmen an die Börse, und 2025 war Stockholm sogar Europas führender Börsenplatz für Neuemissionen.
In den 70er Jahren wäre so etwas nicht denkbar gewesen: Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger schrieb damals über Schweden: „In einer solchen Gesellschaft haben die Reichen, so scheint es, wenig zu lachen. Ja, wenn es nur die Steuern wären! Die wollen sie, als anständige Staatsbürger, wenn auch ungern, so doch pünktlich bezahlen. Was sie viel mehr kränkt, ist der Umstand, dass niemand Verständnis für ihr Los aufbringt.“ Schweden habe sich zu einem Land entwickelt, in dem sich die Reichen „überflüssig, missachtet und ausgeschlossen“ fühlten, so Enzensberger.
Heute ist der Sozialneid in Schweden geringer als in vielen anderen Ländern – in Frankreich und Deutschland beispielsweise gibt es viel mehr Sozialneider als in Schweden. Die Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuer sind längst abgeschafft.
Man muss verstehen: Wenn ein Land die Steuern für Reiche erhöht, dann ist das meist nur der Endpunkt einer mentalen Veränderung des Landes. Hohe Steuern für Reiche werden in der Regel dann eingeführt, wenn schon über viele Jahre eine Neidkampagne von Medien und linken Parteien lief, die Reiche als Sündenböcke an den Pranger stellten. Die hohen Steuern sind nicht das eigentliche Übel, sondern sie sind eine Folge solcher Kampagnen.
Diese Kampagnen führen aber nicht nur dazu, dass die Politik letztendlich mit der Einführung höherer Steuern reagiert. Sie führen dazu, dass Unternehmer sich nicht mehr gewertschätzt fühlen. Es ist ein Unterschied, ob Reiche in einem Land vorwiegend als Sündenböcke gesehen werden – wie etwa in Frankreich und Deutschland – oder als Vorbilder – wie etwa in Polen und Vietnam.
Die bereits erwähnte Untersuchung in 13 Ländern zeigt, dass in Frankreich und Deutschland der Sozialneid am höchsten ist und in Ländern wie Polen und Vietnam nur gering. Die größere wirtschaftliche Dynamik in Ländern wie Polen und Vietnam hat auch etwas mit dieser anderen Sicht auf Reiche zu tun, die dort als Vorbilder gelten und nicht als Sündenböcke.
Wenn Ökonomen die Folgen höherer Steuern analysieren, schauen sie nur auf die Zahlen, also darauf, wie sich die Belastung für Unternehmen ändert oder wie viele Reiche das Land verlassen. Sie schauen zu wenig auf die psychologischen Wirkungen von Einstellungsänderungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft. Die hohen Steuern sind nur die letzte Folgewirkung einer vorausgegangenen Änderung in der Mentalität eines Landes; sie sind nicht die Ursache, sondern vor allem der Indikator einer Fehlentwicklung.
Die Einführung hoher Steuern für Reiche ist das Ergebnis eines dominanten Zero-Sum Mindsets in der Gesellschaft – damit ist der Glaube gemeint, dass Reiche nur auf Kosten der Armen reich geworden und die Ressourcen begrenzt sind.
In einem solchen Land verändert sich das gesamte Denken: Es geht nicht mehr um die Schaffung von Werten, sondern nur noch um die Umverteilung. Ein Land, in dem Unternehmer Vorbilder sind und junge Menschen ihnen nacheifern, wird eine andere wirtschaftliche Dynamik entfalten als ein Land, in dem das Wort „reich“ zum Schimpfwort geworden ist. Diese Wirkungen sind viel schädlicher als die direkt messbaren Wirkungen der Abwanderung.
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