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3,69 Treffer pro Partie: Pulverisiert die Bundesliga ihren 40 Jahre alten Torrekord?

Дата публикации: 23-10-2026 14:33:00




Die Bundesliga liefert so viel Offensivspektakel wie keine andere europäische Top-Liga. Mit den aktuell 3,69 Treffern pro Spiel würde der eigene Torrekord aus den 1980er-Jahren deutlich überboten werden. Wie kommt das? Es gibt dafür einige Erklärungen – nicht alle sind gut für die deutschen Teams.



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3,69 Treffer pro Partie Pulverisiert die Bundesliga ihren 40 Jahre alten Torrekord?

23.10.2026 · 16:33 Uhr

Garant für viele Tore: Leverkusens Patrik Schick erzielt das 2:1 gegen den SC Freiburg.

Garant für viele Tore: Leverkusens Patrik Schick erzielt das 2:1 gegen den SC Freiburg.

Foto: Federico Gambarini/dpa/Federico Gambarini

Analyse | Düsseldorf · Die Bundesliga liefert so viel Offensivspektakel wie keine andere europäische Top-Liga. Mit den aktuell 3,69 Treffern pro Spiel würde der eigene Torrekord aus den 1980er-Jahren deutlich überboten werden. Wie kommt das? Es gibt dafür einige Erklärungen – nicht alle sind gut für die deutschen Teams.

„Yabba Dabba Doo!“ Immer wieder „Yabba Dabba Doo!“: Kaum eine Tormusik bringt deutsche Fußballfans so sehr an den Rand der Verzweiflung wie der Jingle des FC Bayern München. Kein Wunder: Musste doch so gut wie jeder Anhänger schon einmal mitansehen, wie sein Team nach allen Regeln der Kunst aus der Allianz Arena geschossen wurde – während nach jedem Treffer das penetrante „Yabba Dabba Doo“ von Fred Feuerstein durchs Stadion schallte.

In dieser Saison erging es den Fans des VfB Stuttgart, von Union Berlin und RB Leipzig so. 5:1, 7:0, 6:0 – 18 Treffer haben die Münchner in den drei Heimspielen schon erzielt und damit mal wieder einen neuen Rekord aufgestellt. So viele Tore nach nur drei Spielen vor heimischem Publikum hatte ein Bundesligist bislang noch nie auf dem Konto. Insgesamt steht der Spitzenreiter aus München vor dem 7. Spieltag bei 22 erzielten Toren.

In der Frühphase der Saison zeigt sich aber nicht nur das Team um Starstürmer Harry Kane in Offensivlaune: Auch die Sturmreihen von Bayer Leverkusen, Augsburg, Leipzig (alle 16 Tore), dem SC Freiburg (15) und Mainz (14) laufen bereits auf Hochtouren. 199 Treffer sind in dieser Bundesliga-Saison nach sechs Spieltagen gefallen – im Schnitt 3,69 Tore pro Partie. Mit dieser Quote würde der über 40 Jahre alte Rekord aus der Saison 1983/1984 mit 1097 Treffern pulverisiert werden.

Zum Vergleich: In den anderen vier europäischen Top-Ligen fallen im Schnitt deutlich weniger Tore. In Spanien (3,08) und Frankreich (3,05) sind es immerhin noch knapp drei pro Partie, in Italien (2,96) sowie England (2,9) sogar weniger. Woher kommt diese Flut an Toren im deutschen Fußball? Und wird am Saisonende ein neuer Torrekord aufgestellt? Ein Blick auf die Statistiken, die aus Sicht der Bundesligisten nicht nur positiv ausfallen.

In Spanien und Italien erleben Profis im hohen Alter häufig noch einmal ihren zweiten Frühling, aus Frankreich kommen die größten Talente und nach England zieht es die besten Spieler der Welt: Und die Bundesliga? Die hat sich selbst auf die Fahne geschrieben, eine Ausbildungsliga zu sein. Mit Ausnahme der Bayern lautet das Geschäftsmodell bei allen deutschen Vereinen wie folgt: Junge Spieler scouten, entwickeln und mit Gewinn verkaufen.

Bei den Bundesligisten gehen also deutlich mehr „unfertige“ Profis ihre ersten Schritte im Profifußball als in den anderen europäischen Top-Ligen. Und das hat Folgen: individuelle Fehler im Abwehrverhalten oder beim Spielaufbau, die zu Gegentoren führen. Fehler, die gestandenen Profis in der Premier League oder den Supertalenten aus Barcelonas Kaderschmiede „La Masia“ deutlich seltener passieren.

Das Spielsystem vieler Bundesligisten baut auf dem Prinzip Pressing-Gegenpressing auf. Die gegnerische Mannschaft wird im Aufbau aggressiv angelaufen, um Ballverluste zu provozieren. Bei eigenem Ballverlust jagen die umliegenden Spieler der Kugel hinterher – statt sich sofort in die defensive Ordnung zurückzuziehen. So sollen Umschaltmomente kreiert werden.

Mit der Statistik „Gepresste Sequenzen“ des Datenanbieters Opta kann gemessen werden, wie effektiv das Pressing ist. Je höher dieser Wert ist, desto öfter zwingt eine Mannschaft den Gegner dazu, den Ball in der eigenen Hälfte unter Bedrängnis wieder herzugeben. Der Schnitt aller Bundesligisten liegt mit 11,71 Pressingsequenzen pro 90 Minuten deutlich vor den anderen Ligen (Italien 10,25; England 10,67). In keiner anderen Liga wird also so effektiv und hoch gepresst wie in Deutschland.

Diese taktische Herangehensweise sorgt gleich vor beiden Toren für Gefahr: Denn ein hoher Ballgewinn und ein schnelles Umschalten können die gegnerische Abwehr schnell überrumpeln. Befreit sich der Gegner aber aus diesem Pressing, hat er häufig selbst die Gelegenheit, die entstandenen Räume zu nutzen und Chancen zu kreieren. So oder so – Tore fallen durch diese Spielweise, die auch Bundestrainer Jürgen Klopp gefallen dürfte, in jedem Fall.

In der vergangenen Saison hat Mikel Arteta mit dem FC Arsenal eindrucksvoll bewiesen, wie weit eine Mannschaft durch die immense Stärke bei Standardsituationen gebracht werden kann: Ein gewichtiger Pfeiler beim Gewinn der englischen Meisterschaft und dem Einzug ins Finale der Champions League waren Tore nach ruhenden Bällen. Ein Blick auf die Zahlen verrät, dass aktuell in keiner Top-Liga so viele Standardtore fallen wie in der Bundesliga – im Schnitt 0,45 Treffer pro 90 Minuten. Erst Frankreich kommt dann mit 0,25 Treffer dahinter.

Lewis Holtby wurde schon früh deutlich: „Ich sage mal so: ‚Viel Spaß Torhüter‘“, erklärte der Ex-Profi vor der Saison mit Blick auf den neuen Spielball der Bundesliga, den er einen „Flummi“ nannte. Nach acht Jahren, in denen der Sportartikelhersteller Derbystar die Bälle lieferte, wird seit dieser Saison wieder mit der „Torfabrik“ von Adidas gespielt. Und der Name scheint Programm zu sein. „Man kann ihn gut schießen – also ist er eher feldspielerfreundlich. Als Torhüter hat man durch die schnellere Flugkurve etwas weniger Reaktionszeit“, sagte Heuer Fernandes, Keeper vom Hamburger SV, gegenüber der Sport Bild.

Die Zahlen belegen diesen Eindruck nach sechs Spieltagen: Denn in keiner Top-Liga stehen die Torhüter statistisch so schwach da wie in Deutschland. Nur sechs Stammkeeper der Bundesliga weisen beim Wert „Tore verhindert“ einen positiven Wert auf. So haben die beiden Führenden dieser Statistik – Augsburgs Finn Dahmen (6,3) und Schalkes Loris Karius (4,4) – durch ihre starken Paraden deutlich weniger Treffer kassiert, als anhand der Abschlüsse der Gegner zu erwarten war. Bei fast allen anderen Keepern steht in dieser Liste allerdings ein negativer Wert. Sie haben also häufiger hinter sich greifen müssen.

In keiner anderen Top-Liga sind die Stammtorhüter in diesem Ranking so schwach vertreten. In Frankreich haben beispielsweise 14 Keeper einen positiven Wert, in England sind es immerhin noch elf.

Die Sommerpause ist für Vereine auch immer eine Zäsur – alte Spieler und Taktiken raus, neue Profis und Ansätze rein. Nicht selten nehmen sich Mannschaften dabei vor, auf spielerischer Ebene den nächsten Schritt zu gehen und eine offensivere Ausrichtung zu wählen. Das leuchtet ein, wenn doch der Endspurt der vergangenen Saison – bei dem es im Kampf um Europa oder den Klassenerhalt um jeden Punkt ging –, vorbei ist und nun das defensive Korsett wieder ein wenig gelockert werden kann.

Dabei kommt es aber immer wieder vor, dass die in der Vorbereitung minutiös ausgearbeiteten Offensiv-Taktiken der Trainer nach einem schwachen Saisonstart schnell wieder über Bord geworfen werden, um zur bekannten Stabilität zurückzukehren. In dieser Saison traf das beispielsweise für den Hamburger SV zu: Merlin Polzin stellte den spielerischen Wandel auf mehr Präsenz und Eigeninitiative nach zwölf Gegentoren in drei Spielen erst einmal hinten an und stabilisierte die Defensive. Seitdem kassierten die Hanseaten nur drei weitere Gegentreffer. Auch Union Berlin und Schalke 04 fingen sich zuletzt viel weniger Treffer als noch zu Saisonbeginn.

Diese Beispiele zeigen: Es ist keineswegs untypisch, dass Mannschaften gerade zu Saisonbeginn viele Tore kassieren. Es ist sogar in den Statistiken zu sehen, dass der Toreschnitt an den frühen Spieltagen häufig deutlich höher ist als am Saisonende. Trotz der aktuellen Torflut ist es also eher unwahrscheinlich, dass die 1097 Treffer aus der Rekordsaison 1983/1984 eingestellt – oder gar pulverisiert – werden. Vielmehr dürfte eine Angleichung an die vergangenen Jahre stattfinden: Dort lag der Toreschnitt meistens bei rund 3,2 Treffern pro Partie.

Die Begebenheiten im deutschen Fußball sprechen aber dennoch dafür, dass es in der Bundesliga auch ohne neuen Torrekord spektakulär weitergehen wird. Ganz sicher gilt das für Spiele in der Münchner Allianz Arena. „Yabba Dabba Doo!“

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