Zweimal haben sie ihn blutig geschlagen. Zweimal ist Branko Rodić danach wieder in die erste Reihe gegangen. Am Sonntag wählt Serbien, und der Architekturstudent aus Novi Sad rechnet mit dem Schlimmsten.
Stand: 23.10.2026, 19:04 Uhr

Zweimal haben sie ihn blutig geschlagen. Zweimal ist Branko Rodić danach wieder in die erste Reihe gegangen. Am Sonntag wählt Serbien, und der Architekturstudent aus Novi Sad rechnet mit dem Schlimmsten.
Novi Sad – Der 1. November 2024 ist ein sonniger Freitag in der nordserbischen Stadt Novi Sad. Brankos Familie sitzt auf der Terrasse und trinkt Kaffee, als um 11:52 Uhr das Vordach des frisch renovierten Bahnhofs abstürzt und 16 Menschen unter sich begräbt.
Branko Rodić, 27, ist eigentlich Architekturstudent. Seit diesem Tag hat er nicht mehr viel studiert. Seit diesem Tag ist er Teil der Rebellion, wie er den – vor allem von Studenten ausgehenden – Widerstand gegen den autoritären Machthaber Aleksandar Vučić nennt.
Als sich die Nachricht in der Stadt verbreitet, kommt erst die Trauer, dann die Wut. Eine Wut, die bis heute anhält und dem Protest, der mittlerweile das ganze Land erfasst hat, Treibstoff gibt. Am Sonntag, 25. Oktober, sind Parlamentswahlen. Aleksandar Vučić will damit seine Macht neu zementieren. Für Branko und den Widerstand ist es der Tag der Entscheidung.
Zurück zum 1. November 2024, 11:52 Uhr. Die Uhrzeit ist wichtig, sagt Branko. „Keiner wird sie je vergessen, solange er lebt.“ Um 11:52 Uhr hörte das alte Leben in Novi Sad auf. In der einst quirligen, jungen, lebensfrohen Multi-Kulti-Stadt an der Donau ist es still geworden. Als laufe man über einen Friedhof. Die Leute gehen in Gruppen. Steht irgendwo ein Polizist, wechseln sie die Straßenseite.

Warum mussten die 16 Menschen unter dem Dach sterben? Die regierungsnahen Behörden sagen, es war ein Unfall. Das Dach habe zudem gar nichts mit der Renovierung zu tun gehabt. Die meisten Menschen in Novi Sad sehen das anders. Für sie ist der 1. November ein Sinnbild für das, was Serbien krank macht. Veruntreuung, Pfusch, Korruption. Bei der Sanierung hat man die alten Anker und Stahlseile entfernt, die das Dach eigentlich sichern. Zudem wurde mehr Gewicht aufgeladen, erklärt der Architekturstudent Branko Rodić. Fliesen, schweres Glas, damit die Front hübscher wird. Ein Ingenieur, der öffentlich gewarnt hatte, wurde vom Projekt entfernt. Laut Branko hat das Ganze vier- bis fünfmal so viel gekostet wie nötig, die Aufträge sind an Firmen aus dem Umfeld der Regierungspartei SNS gegangen.
Die Regierung nennt den Tod der 16 Menschen einen Unfall. Branko nennt es „Mord“. Und der Schuldige heißt Aleksandar Vučić und sein Umfeld aus Günstlingen.
Ćaci oder MenschSerbien kannte viele Gräben: Fußballvereine, Parteien, auf welcher Seite die Familie im Zweiten Weltkrieg stand. Die Opposition war meist hoffnungslos zersplittert. Seit dem 1. November 2024 gibt es nur noch einen. „Bist du Ćaci oder bist du ein Mensch?“ Ćaci nennen die Demonstranten alle auf der Seite der Regierung. Die Bezeichnung geht auf einen Schreibfehler bei einem Graffiti von Regierungsaktivisten zurück. „Ćaci oder Mensch“ – dieser Graben zieht sich durch Nachbarschaften, Freundeskreise, Familien.
Am Anfang gehen die Studenten auf die Straße. Doch dabei bleibt es nicht. Immer mehr Serben bekennen Farbe – und erklären sich offen als Gegner des Vučić-Regimes. Teils Hunderttausende gehen in den Monaten nach dem Einsturz des Vordaches in Novi Sad in allen Städten des Landes auf die Straße.

Am 3. Dezember 2024 steht Branko zum ersten Mal ganz vorne – unfreiwillig. Eine Menge steht vor dem Provinzparlament der Vojvodina. So heißt die Region im Norden Serbiens, ein flaches, fruchtbares Land am Donauufer. Branko und ein Freund mittendrin. Plötzlich stürmen die Demonstranten das Parlament und reißen die beiden mit. Branko schafft es noch, seinen Freund von einer Wand aus Polizisten wegzuziehen, nur um dann selbst durch die Polizeikette gedrückt zu werden. Auf der anderen Seite empfangen ihn zwei private Sicherheitsleute, ziehen ihm die Jacke über den Kopf und prügeln auf ihn ein.

Andere würden nach so einem Tag zu Hause bleiben. Branko macht das Gegenteil, seitdem ist er immer an vorderster Front bei den Demos. „Es ist meine Verantwortung“, sagt er. Branko ist 1,80 Meter groß und 110 Kilo schwer, er ist Boxer. „Was mir nur Kopfweh macht, ist für jemand anderen eine Gehirnerschütterung oder eine Nacht in der Notaufnahme.“
Branko war seitdem auf vielen Protesten. Richtig übel wird es ein knappes Jahr später. Warum Branko am 5. November 2025 überhaupt in der Innenstadt steht, hat mit einem Mann zu tun, der von Anfang an Studenten umsonst zu Protesten fuhr. Jemand zerstörte seine Busse, mutmaßlich die Schergen des Regimes. Mit Spenden kaufte ihm die Protestbewegung zwei neue Busse, doch dann kamen Strafzettel und Geldstrafen, bis der Unternehmer vor dem Ruin stand. Als die Behörden seine Busse beschlagnahmen wollen, gehen in Novi Sad Tausende auf die Straße.
Bei dem Protest sieht Branko, wie die Faust eines Polizisten das Gesicht seiner Schwester trifft. Er will sie da rausholen. Dann trifft ihn der Schlagstock. Branko, der Boxer, hält seine Fäuste vors Gesicht. „Was machen Sie da?“, ruft er. „Meine Hände sind oben.“ Der Polizist schlägt weiter, auf die Arme, die den Kopf schützen.
Erst als er aufhört, lässt Branko die Deckung sinken. Er sieht, wie der Einsatzleiter die Augen aufreißt und seinen Mann aus der Reihe zieht. Eine Kennzeichnung trägt der Beamte nicht. Blut strömt Branko über das Gesicht. Er muss im Krankenhaus mit sieben Stichen genäht werden.
Die Szene im VideoDie Polizei spricht von rechtmäßigem Vorgehen gegen gewalttätige Demonstranten. Vučić nennt die Studentenbewegung jene, die „unser Land zu Fall bringen wollten“. Wie weit die Lesarten auseinandergehen, zeigt ein Fall aus Brankos Stadt: Im Januar 2025 brachen SNS-Aktivisten vor ihrem Parteibüro einer Kunststudentin den Kiefer. Vučić begnadigte die vier Angeklagten im Juli 2025, das Verfahren wurde eingestellt. Ex-Premier Miloš Vučević sagt, die junge Frau habe sich selbst bei einem Gerangel verletzt.
Vučić bestimmt Serbiens Politik schon lange. Bis 2000 war er Minister unter Slobodan Milošević, der 2006 in seiner Zelle in Den Haag starb, kurz bevor er als Kriegsverbrecher verurteilt werden konnte. Vučić blieb, wurde Vizepremier, ab 2014 Regierungschef, ab 2017 Präsident.
Die US-Organisation Freedom House stuft Serbien seit 2019 nur noch als „teilweise frei“ ein, zuletzt mit 53 von 100 Punkten, und spricht von demokratischem Rückschritt. Die Opposition ist zersplittert. Außenpolitisch sitzt das Land zwischen den Stühlen: EU-Beitrittskandidat seit 2012, aber mit guten Drähten nach Moskau und Peking.
Der Tag der EntscheidungAm 27. September ist Vučić als Präsident zurückgetreten, um die Liste seiner Partei als Spitzenkandidat anzuführen. Kurz vor seinem Abgang begnadigte er 49 Menschen. Wer 26 von ihnen sind, ist bis heute nicht bekannt. Gegen ihn tritt die „Studentenliste“ an – ohne führenden Kopf oder Ministerpräsidentschaftskandidaten, aber unterstützt von rund 18 Oppositionsparteien.
Dass die Wahlen von Anfang an manipuliert sind, daran hat Branko keinen Zweifel. Die Wahlbeobachter der OSZE teilen einige seiner Sorgen.
In ihrem Zwischenbericht haben sie einiges notiert: knapp eine Milliarde Euro Einmalzahlungen an Rentner, Familien und Erwachsene, beschlossen Ende August. Auffällig viele Wähler an einzelnen Adressen. Zweifel an der Neutralität der Wahlverwaltung. Und nur 93 Wahllokale im Ausland, verteilt auf 37 Länder, viel zu wenige, sagt die Opposition. Das Außenministerium nennt die Kritik daran politischen Druck.
Was tun gegen offenen Wahlbetrug? Brankos Miene versteinert sich. Details will er nicht nennen, um die Machthaber nicht darauf vorzubereiten. Nur so viel: „Es ist klar, was in jedem europäischen Land passieren muss, wenn Stimmen gestohlen werden.“
Ob die Studenten eine Chance haben gegen Partei, Staatsapparat und Polizei? „Natürlich. Bis zur letzten Minute. Bis zum letzten Herzschlag.“
Eine Woche nach der Wahl, am 1. November, jährt sich der Einsturz zum zweiten Mal. Um 11:52 Uhr wird es in Novi Sad wieder sehr still werden – oder sehr, sehr laut.
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