In Frankreich setzte ein Clan-Boss Kinder für Raubzüge ein, in Schweden ködern kriminelle Gangs Minderjährige als Auftragsmörder. Ähnliche Exzesse könnte es in Deutschland geben.
In Frankreich wurde ein Clan-Boss verurteilt, der Kinder für Raubzüge einsetzte und damit Millionen scheffelte. In Schweden ködern kriminelle Gangs Minderjährige als Auftragsmörder. Experten warnen vor ähnlichen Exzessen in Deutschland.
Roberto H., Oberhaupt einer Roma-Familie bosnischer Herkunft, gilt als Prototyp eines Clan-Gangsters. Gemeinsam mit seinen Getreuen führte er ein Leben im Luxus. Designerkleidung, Fünf-Sterne-Hotels, Edelrestaurants, protzige Autos, rauschende Casino-Nächte – nichts ließ die Familie aus. Sprösslinge wurden nach Verbrechern wie „Al Capone“ oder Luxusmarken wie „Dior“ benannt.
Um sein kriminelles Imperium zu finanzieren, spannte Clan-Boss H. laut der französischen Tageszeitung „Le Monde“ eine Art Kinder-Armee ein. Der 48-Jährige leitete in Frankreich ein Netzwerk aus minderjährigen Dieben und zwang sie zu Raubzügen in der Hauptstadt Paris. Die Kinderbanden mussten in der Metro, am Flughafen und im Disneyland Touristen beklauen. Meistens warteten sie in der Nähe von Bankautomaten, beobachteten Kunden beim Abheben, umringten sie und stahlen das Geld.
Die professionellen Diebe, darunter 10 Jahre alte Mädchen, brachten dem Verbrecherboss pro Tag durchschnittlich 25.000 Euro ein. Insgesamt soll der Familien-Clan mit seinen Straftaten ein Millionen-Vermögen angehäuft haben, berichtete die britische Zeitung „The Guardian“.
Der Fall ist deshalb weit über Frankreich hinaus interessant, weil er ein Muster offenlegt, das kriminelle Banden seit Längerem und immer stärker nutzen, auch in Deutschland. Gemeint ist der Einsatz von Minderjährigen, die noch nicht strafmündig sind, also laut Gesetz nicht eingesperrt werden können. Während sie im Auftrag von Clan-Bossen zum Teil schwere Straftaten begehen, bleiben die Drahtzieher im Hintergrund und kassieren ab.
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Das Phänomen „Kinderdiebe“ ist in Deutschland, wo Jungen und Mädchen unter 14 Jahren keine strafrechtliche Verfolgung fürchten müssen, seit Jahren bekannt. Vor allem Banden aus Rumänien nutzen die Regelungen zur Strafmündigkeit aus, ob in Berlin, Hamburg oder Köln. Aus der Rhein-Metropole wurden Fälle bekannt, in denen Kinder aus Roma-Familien bei ihren Klau-Touren mehrere Zehntausend Euro erbeutet haben, die sie den Clan-Führern abgeben mussten.
Die Kinder stammen meistens aus zerbrochenen, instabilen und verwahrlosten Familien. Sie haben keine Wurzeln und keine Zukunft; sie haben nichts zu verlieren. Genau das macht sie zu idealen Opfern für kriminelle Organisationen. Angeworben werden sie sowohl online als auch in der „realen Welt“. Vor allem in Berlin hat der Clan-Forscher Mahmoud Jaraba solche Entwicklungen in letzter Zeit verstärkt beobachtet.
„Wir sehen heute teilweise 12- oder 13-Jährige im Umfeld krimineller Gruppen“, so der Politikwissenschaftler im Gespräch mit FOCUS online. Dafür seien vor allem die jüngeren Mitglieder traditioneller Clans verantwortlich. Sie knüpften vermehrt Kontakte außerhalb ihrer Familien – in Parks, vor Schulen, in sozialen Brennpunktsiedlungen.
Bei den Treffen mit Kindern und Jugendlichen komme es dann „zur Anwerbung für kriminelle Aktivitäten“, weiß Jaraba. Die Angesprochenen, um die sich sonst kaum jemand kümmert, fühlten sich in den Gruppen wohl. „Hier finden sie Zugehörigkeit, Anerkennung, Geld, Schutz und Status.“ Im Prinzip sei es oft nur eine Frage der Zeit, bis die Kinder für Geld Straftaten begehen.
„Wir müssen unbedingt verhindern, dass wir eine Entwicklung wie in Schweden bekommen“, warnt Jaraba. „Dort werden Kinder und Jugendliche teilweise gezielt von kriminellen Netzwerken für schwere Gewalttaten angeworben – bis hin zu Schießereien, Sprengstoffanschlägen und Auftragsmorden.“
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Tatsächlich gilt Schweden als eine Art „Mutterland“ für diese Form von Verbrechen. Immer wieder stößt die Polizei auf Fälle, in denen kriminelle Gangs Kinder oder Jugendliche für Tötungsdelikte oder Sprengstoffanschläge angeheuert haben. Auch in Deutschland sind Fälle aktenkundig, die in dieses Raster passen.
So warf Anfang August 2025 ein gerade mal 15-jähriger Niederländer einen Brandsatz in ein Café im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Der Staatsanwaltschaft zufolge handelte es sich „um eine Auftragstat“, für die der Jugendliche „gezielt rekrutiert und bei der Tatausführung konkret angeleitet worden ist“. Ein Gericht verknackte ihn später wegen versuchten Mordes zu vier Jahren und drei Monaten Haft. Dabei wurde er nach dem – in der Regel milderen – Jugendstrafrecht verurteilt.
Auch im sogenannten „Kölner Drogenkrieg“, der 2024 eine der schwersten Gewaltwellen in der Rheinstadt auslöste, begingen Jugendliche im Auftrag von Schwerkriminellen schwere Straftaten. Der Chef der Kölner Kriminalpolizei Michael Esser sagte damals: „Die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen nimmt zu, und das wird ein Problem sein, was wir so schnell nicht wegkriegen.“
In seinem „Bundeslagebild Organisierte Kriminalität“ für 2024 warnte auch das Bundeskriminalamt (BKA) eindringlich vor Gruppen, die „Minderjährige im Alter von etwa 13 bis 17 Jahren für schwere Auftragstaten wie Brandanschläge oder Tötungsdelikte rekrutieren“. Das unter dem Namen „Crime as a service“ bekannte Phänomen gewinne „europaweit an Relevanz“.
Die europäische Polizeibehörde Europol berichtete 2025 im „Annual Terrorism Situation and Trend Report“, dass die Beteiligung sehr junger Täter an Terrorismus und gewalttätigem Extremismus im Jahr 2024 weiter zugenommen hat. So waren über 29 Prozent aller festgestellten Terrorverdächtigen zwischen 12 und 20 Jahre alt, davon rund 53 Prozent minderjährig.
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Erst im Februar 2026 erschien eine BKA-Kurzstudie zur „Rekrutierung von Minderjährigen über Online-Dienste für Gewaltstraftaten“. Darin trägt die Autorin Ronja Zannoni Fälle aus europäischen Staaten zusammen und skizziert den typischen Verlauf einer Anwerbung im Internet.
BKA-Forscherin Ronja Zannoni stellt klar, warum die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen als „kriminelle Dienstleister“ für die Bosse so attraktiv ist: Sie minimieren ihr eigenes Risiko und sparen dabei sogar noch Geld. Denn Kinder und Jugendliche geben sich mit verhältnismäßig geringen „Löhnen“ zufrieden.
Obwohl das Phänomen seit Jahren bekannt ist und die europaweiten Fallzahlen in den vergangenen Monaten gestiegen sind, hat der deutsche Staat laut BKA bislang nicht reagiert. „Es sind bislang keine Präventionsmaßnahmen zur Rekrutierung Minderjähriger über Online-Dienste in Deutschland bekannt“, kritisiert die Studie und mahnt „eine bundesweite Sensibilisierung für das Phänomen“ an.
Andere Länder sind da weiter. So hat die schwedische Polizei Ende 2024 eine Social-Media-Kampagne gestartet, die Jugendliche vor Anwerbeversuchen durch Gangkriminalität warnt. Die Kurzclips wurden auf TikTok, Snapchat, YouTube, Instagram und Facebook veröffentlicht, also dort, wo Kinder und Jugendliche viel Zeit verbringen. Außerdem diskutiert die schwedische Regierung aufgrund der verschärften Lage eine Senkung der Strafmündigkeitsgrenze auf 13 Jahre.
Fachleute wie der Clan-Forscher Mahmoud Jaraba plädieren für eine Neubewertung der Altersgrenze auch in Deutschland. „Ich glaube, dass wir ernsthaft über das Alter der Strafmündigkeit diskutieren müssen. Wir haben viele präventive Instrumente ausprobiert. Wenn aber Kinder im Alter von 12 oder 13 Jahren gezielt von kriminellen Netzwerken eingesetzt werden, müssen wir früher und wirksamer eingreifen können“, so Jaraba zu FOCUS online. „Wir dürfen nicht warten, bis aus einem 13-jährigen Jugendlichen ein 20-jähriger Intensivtäter geworden ist.“
Natürlich weiß Jaraba, dass man das Problem allein mit dem Strafrecht nicht lösen wird. Zumal es gewichtige Stimmen gegen eine Alterssenkung gibt.
So warnt die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen, das Strafmündigkeitsalter von 14 Jahren sei „zwingend beizubehalten“. Schließlich reagiere der Staat auf abweichendes Verhalten in diesem Alter auch heute schon mit einem Bündel an Maßnahmen. Ähnlich sieht es Andreas Taube, Chef des Anti-Terrorismuszentrums beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg: „Die Rekrutierung Jugendlicher lässt sich nicht allein mit dem Strafrecht verhindern.“
Eine aktuelle Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen durch Organisierte Kriminalität“ stellt fest, dass Deutschland wohl schon bald ein „ernstzunehmendes Sicherheitsproblem“ bekomme. Für den Staat bestehe „dringender Handlungsbedarf“. Eine erfolgreiche Bekämpfungsstrategie setze nicht nur „auf die Zerschlagung krimineller Netzwerke, sondern auch auf den Ausbau niedrigschwelliger Präventionsangebote in Schulen und Jugendhilfen“, so die Autoren.
Der Politikwissenschaftler Jaraba stimmt dem zu: „Wir brauchen beides: einen konsequenten Rechtsstaat und sehr frühe Prävention.“ Wie das funktionieren kann, machten andere Länder vor.
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In den Niederlanden erhalten 27 Gemeinden, die Probleme mit Armut, Verschuldung und Kriminalität haben, finanzielle Unterstützung vom Staat. Das Geld fließt in Präventionsprogramme für kriminalitätsgefährdete 8- bis 25-Jährige. Bezahlt werden Ansprechpartner in Schulen, neue Räumlichkeiten für Jugendarbeit oder Betreuungsangebote nach einer Jugendstrafe. Schottland hat bereits 2019 ein erfolgreiches Präventionsprogramm gegen Jugendkriminalität eingeführt.
In Deutschland sind solche vorbeugenden Initiativen die Ausnahme. Doch es gibt sie, etwa in Nordrhein-Westfalen. Dort hat das Innenministerium schon 2011 das Projekt „Kurve kriegen“ gestartet. Ziel des Programms ist es, gefährdete Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 15 Jahren individuell zu betreuen und gemeinsam mit Schulen und Eltern vor einem dauerhaften Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren. Die Bilanz kann sich nach Angaben der Initiatoren sehen lassen:
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In anderen Teilen Deutschlands sieht es weniger erfreulich aus. In vielen Städten bleiben Kinder und Jugendliche auf sich allein gestellt, weil es keine Angebote für sie gibt. Jugendclubs und Begegnungsstätten mussten schließen oder stehen vor dem Aus, da die Kommunen einen strikten Sparkurs fahren müssen und kein Geld mehr für die Jugendarbeit haben. Überall fehlt es an Einrichtungen und geschulten Mitarbeitern.
Die Folgen könnten dramatisch ausfallen, warnt Clan-Forscher Jaraba. „Wenn Sozialarbeiter fehlen, wenn Jugendprojekte gekürzt und Präventionsprogramme gestrichen werden, dann sollten wir uns nicht wundern, wenn andere Akteure diese Lücke füllen“, so der Fachmann.
Andere Akteure – das sind in der Regel Anführer krimineller Banden wie in Schweden oder Frankreich. Dort hat der Staat jetzt zumindest einen Clan-Boss und sein engstes Umfeld aus dem Verkehr gezogen.
Ein Gericht in Paris verurteilte den Chef der „Kinder-Diebe“ Roberto H. zu acht Jahren Haft, sechs weitere Familienmitglieder zu Freiheitsstrafen zwischen fünf und sieben Jahren – wegen Menschenhandels, organisiertem Diebstahl, Verführung Minderjähriger, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Außerdem müssen die Verurteilten Geldstrafen von bis zu 500.000 Euro zahlen. Nach der Haftverbüßung werden sie ausgewiesen und dürfen nicht wieder nach Frankreich einreisen.