Von Claudia Kasemann
Von Claudia Kasemann
03.10.2026 , 19:05 Uhr
Blick aus Richtung Leuchtturm zur Albert I Promenade.
Foto: Oostende Brugge Kusttram Foto Claudia Kasemann„Fischburger und Pommes! Fertig!“ Sichtbar erwartungsfroh nehmen die ersten Kunden in der langen Schlange ihre Bestellungen entgegen, da zischen in der Frituur Franky schon wieder neue Köstlichkeiten ins heiße Fett. Der kleine Laden in der Karel Janssenslaan 53 ist weit mehr als eine Pommesbude - er ist eine Institution in Ostende, dem belgischen Nordseebad, an dem sich die Geister scheiden. „Furchtbar hässlich“, sagen die einen und schimpfen die Stadt im Nordwesten des Landes eine Betonwüste. „Entspannt und cool“, sagen die anderen und kommen immer wieder gern her.
Ein verlängertes Wochenende in Ostende (niederländisch Oostende) ist ein bisschen wie ein Treffen mit jemandem, der zunächst vielleicht nicht besonders attraktiv erscheint – sich aber nach kurzer Zeit als unglaublich sympathisch herausstellt. Optisch ist Ostende in der Tat das Gegenteil eines pittoresken Seestädtchens. Der Küstenort wirkt rau, oft windig und architektonisch gewöhnungsbedürftig. Vor allem die kilometerlange lange Reihe unschöner Hochhäuser entlang der Promenade schreckt so manch einen Besucher erst einmal ab.
Doch schon bald nach der Ankunft am Bahnhof mit seinem 113 Jahre alten Empfangsgebäude wird klar, dass hinter Ostende mehr steckt als eine Ferien(hoch)haus-Kulissenstadt. Es gibt einen Hafen, Fischerboote, Fähren, moderne Architektur, alte Belle-Époque-Gebäude, breite Strände, Strandbars und eine lebendige Innenstadt. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten gehört der Kursaal, bis heute Wahrzeichen der Stadt. Das große Gebäude an der Promenade beherbergt unter anderem einen Konzertsaal und ein Casino. Gleich daneben liegen die Königlichen Galerien, eine lange, überdachte Säulenhalle aus der Zeit König Leopolds II. Sie verband einst das königliche Palais mit dem Kursaal und bot der vornehmen Gesellschaft Schutz vor Wind und Regen. Auch das Fort Napoleon ist einen Besuch wert. Die sternförmige Festung liegt etwas außerhalb des Zentrums in den Dünen und erzählt von Ostendes militärischer Vergangenheit. Wer sich für die maritime Seite der Stadt interessiert, kann das Mercator-Schiff besichtigen, ein ehemaliges belgisches Schulschiff.
Ein weiterer lohnender Spaziergang führt durch das Hafenviertel und entlang der Promenade bis zum Oosteroever. Dort zeigt sich Ostende von einer etwas moderneren und ruhigeren Seite. Kunstinteressierte können außerdem The Crystal Ship erkunden: Überall in der Stadt und in den Außenbezirken finden sich großformatige Wandbilder und Installationen internationaler Künstler.
Besonders gut passt das Ensor-Museum zur eigenwilligen Atmosphäre Ostendes. Der Maler James Ensor wurde 1860 hier geboren und verbrachte einen großen Teil seines Lebens in der Stadt. Sein ehemaliges Wohnhaus in der Vlaanderenstraat ist heute als Museum zugänglich. Ensors Kunst ist geprägt von Masken, Skeletten, grotesken Figuren und einer oft bissigen Gesellschaftskritik. Nach dem Museumsbesuch sieht man die Stadt zuweilen mit anderen Augen: Die Masken, Fassaden, Hochhäuser und Menschen auf der Straße wirken plötzlich wie Teile einer großen, leicht surrealen Ensor-Komposition.
Spannend ist der Kontrast zwischen dem mondänen Ostende vergangener Zeiten und der heutigen Skyline. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem beliebten Seebad für Könige, Aristokraten und wohlhabende Gäste. Eisenbahnverbindungen und die Nähe zur Fähre nach England machten Ostende gut erreichbar. König Leopold II. förderte den Ausbau der Küste, und es entstanden prächtige Hotels und Promenaden – die Stadt wollte ein elegantes europäisches Seebad sein.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein großer Teil der Bebauung an der Küste beschädigt oder zerstört. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau – und mit ihm die Zeit, in der Urlaub am Meer nicht mehr nur ein Privileg der reichen Oberschicht war. Mehr Menschen konnten sich Ferien leisten, und die Nachfrage nach Wohnungen am Strand explodierte.
Die alten Hotels und Belle-Époque-Villen wurden vielerorts durch große Appartementhäuser ersetzt. Statt weniger Gäste in einem einzigen Hotel konnten sie Dutzende Familien gleichzeitig beherbergen. Meerblick wurde zum Verkaufsargument, und entlang der Promenade entstand eine fast geschlossene Wand aus Apartments. Aus heutiger Sicht ist diese Architektur durchaus kritisch zu sehen. Viele Gebäude wirken einfallslos, verwechselbar, abweisend gar. Aber sie erzählen eben auch die Geschichte von der Entwicklung des Tourismus in der Region, mit Meerblick für viele Menschen.
Für die der Strand nicht selten die Hauptattraktion darstellt. Bei Ebbe ist er besonders breit und wirkt fast endlos. Man kann kilometerweit spazieren, per Fahrrad entlang der Dünen radeln – oder mit der legendären Kusttram fahren: Die längste durchgehende Straßenbahnlinie entlang der belgischen Nordseeküste verbindet auf mehr als 67 Kilometern De Panne an der französischen Grenze im Südwesten mit Knokke-Heist an der niederländischen Grenze im Nordosten.
Hingucker: die rot-orangen Skulpturen „Rock Strangers“ des flämischen Künstlers Arne Quinz.
Foto: Oostende Brugge Kusttram Foto Claudia KasemannOstende versucht auch heute nicht, ein romantisches Bilderbuchstädtchen zu werden. Dafür gibt es andere Orte. Brügge zum Beispiel. Die historische Stadt ist mit dem Zug schnell erreichbar und wirkt wie ein Gegenentwurf zu Ostende: Kopfsteinpflaster, Kanäle, mittelalterliche Giebelhäuser und enge Gassen bestimmen das Stadtbild. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gehören der Markt mit dem Belfried, der Burgplatz, die Heilig-Blut-Basilika und die zahlreichen Kanäle, die Brügge den Beinamen „Venedig des Nordens“ eingebracht haben.
Der Klassiker, eine Bootsfahrt dort, vermittelt einen besonders schönen Blick auf die historischen Fassaden. Auch das Groeningemuseum mit Werken flämischer Meister oder das Sint-Janshospitaal sind lohnende Ziele für Kunst- und Kulturinteressierte. Brügge ist deutlich ansehnlicher und geschlossener als Ostende, kann aber nicht nur in der Hauptsaison voller und stärker auf den Tourismus ausgerichtet wirken. Gerade deshalb ergänzen sich beide Städte gut: In Brügge erlebt man die mittelalterliche Geschichte Flanderns, in Ostende die moderne, maritime und manchmal widersprüchliche Seite der belgischen Küste.
Nach einem Tag zwischen Kanälen und historischen Gassen ist es dann angenehm, abends wieder in Ostende am Meer zu stehen, den Wind zu spüren – und sich eine knusprige Portion echter belgischer Pommes schmecken zu lassen.
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