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Tom Neuwirth alias Conchita Wurst: „Ich glaube an radikale Freundlichkeit"

Дата публикации: 14-10-2026 13:59:00




Als Conchita Wurst wurde Tom Neuwirth 2014 berühmt. In Düsseldorf ist der Schauspieler, Musiker und Moderator bald in Aufführungen des Musicals „Romeo und Julia“ zu sehen. Hier erzählt er, was ihn am Genre begeistert und was er im Gasthaus seiner Eltern gelernt hat.



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Tom Neuwirth alias Conchita Wurst „Ich glaube an radikale Freundlichkeit"

14.10.2026 · 15:59 Uhr

Freundlicher Typ mit Hang zum Morbiden: Der österreichische Musiker und Schauspieler Tom Neuwirth

Freundlicher Typ mit Hang zum Morbiden: Der österreichische Musiker und Schauspieler Tom Neuwirth

Foto: Lukas Feix / WURSTTV.com/Lukas Feix

Interview | Düsseldorf · Als Conchita Wurst wurde Tom Neuwirth 2014 berühmt. In Düsseldorf ist der Schauspieler, Musiker und Moderator bald in Aufführungen des Musicals „Romeo und Julia“ zu sehen. Hier erzählt er, was ihn am Genre begeistert und was er im Gasthaus seiner Eltern gelernt hat.

Als bärtige Diva Conchita Wurst gewann Tom Neuwirth vor zwölf Jahren den ESC, und ja, man erkennt ihn natürlich, wie er da in die Kamera lächelt, auch wenn Zeit vergangen ist – und er die Haare gerade kurz trägt. In Düsseldorf steht Neuwirth an ausgewählten Terminen auf der Bühne: Er spielt den Todesengel in dem Musical, das die Rosenstolz-Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer aus dem Shakespeare-Drama „Romeo und Julia“ geschaffen haben. „Ausgerechnet!“, denkt man sofort. Denn im Videogespräch ist von Düsternis nichts zu spüren, der Österreicher strahlt nichts als fröhliche Herzlichkeit aus. Ernst wird er zwischendurch trotzdem.

Die Handlung des Musicals Kostenpflichtiger Inhalt „Romeo und Julia – Liebe ist alles“ ist sehr nah am Original, aber der „Todesengel“ ist eine Figur, die dazuerfunden wurde, die gibt es ja bei Shakespeare nicht. Was hat Sie daran gereizt?

Tom Neuwirth Der Tod ist allgegenwärtig. Und ich glaube, gerade wir Menschen aus Wien haben eine sehr romantische Vorstellung vom Tod, das Morbide gehört bei uns so ein bisschen dazu: Die Weltuntergangsstimmung, die Darkness und das Glorifizieren von diesen Dingen.

Wie kamen Sie zu der Rolle?

Neuwirth Ich wurde damals zur Premiere von „Romeo und Julia“ eingeladen, und dadurch entstand eine Verbindung zu Peter und Ulf. Und die hat sich gehalten. Irgendwann kam die Anfrage von Peter, ob ich denn nicht für die „Special Edition“-Aufnahme den Todesengel singen möchte. Im Studio lief es so gut, dass sich die zwei, glaube ich, dann gedacht haben: Na ja, das könnte er ja auch auf der Bühne machen, wenn er Lust hat.

Ich weiß nicht, wie gut Sie die Gegend hier kennen, aber der Rheinländer hat’s nicht so mit dem Morbiden, der steht eher fürs Lebensbejahende… Gibt es einen Grund, warum Sie, außer in Wien, ausgerechnet in Düsseldorf auftreten?

Neuwirth Ich habe über den Ort, ehrlich gesagt, gar nicht so viel nachgedacht. Ich freue mich, dass ich dadurch mal ein bisschen länger in Düsseldorf sein kann, weil ich bisher ja meistens nur auf der Durchreise oder für irgendein Event da war und dann zwei Tage später wieder weg. Und die Zeit jetzt mit meinem Cast, mit den Personen, mit denen ich auf der Bühne stehe, gemeinsam zu erleben – darauf freue ich mich schon auch.

Mich haben bei dem Musical vor allem die Kostüme beeindruckt. Sie haben ja eine Modevergangenheit, was Ihre Ausbildung angeht. Haben Sie einen besonderen Blick auf die Ausstattung – oder haben Sie die Modewelt längst hinter sich gelassen?

Neuwirth Nein, nein, das verlässt mich nicht! Ich finde bei den Kostümen toll, dass sie historisch zuzuordnen sind, aber sie sind trotzdem auch im „Jetzt“. Das fand ich gerade bei den Tempelszenen extrem clever gelöst. Und die Farben sind wunderschön. Es gibt ja jeweils einen „Colour-Code“, die Montagues und die Capulets haben ihre eigenen Farben, die sich aber dann mit den anderen verblenden. Es ist gerade auf dieser Ebene auch extrem detailreich gearbeitet worden. Und dann gibt es natürlich noch mein eigenes Kostüm, das meine eigene Interpretation ist. Dass ich mir das herausnehmen konnte, fand ich schon toll.

Sie haben eigentlich alles schon gemacht: gesungen, Theater gespielt, Filme gedreht. Was reizt Sie besonders am Musical?

Neuwirth Mich reizt immer das aktuelle Projekt, das, was gerade vor mir ist. Aber ich muss sagen, ich habe einen irren Respekt vor meinen Musical-Kolleginnen und Kollegen. Das ist beinharte Arbeit, und die machen das teilweise über Jahre hinweg, acht Shows die Woche: tanzen, singen, schauspielern. Neben der körperlichen und mentalen Anstrengung muss man es auch immer wieder schaffen, die Rolle neu zu entdecken. Sonst kann das sehr schnell zur Routine werden – und im Resultat leblos wirken. Diese Herausforderung liebe ich.

Das Musical hat eine große queere Fangemeinde. Und es gibt auch zarte, homoerotische Andeutungen in der Handlung. Was haben Sie für ein Gefühl, wenn Sie sich diese Community angucken – vor dem Hintergrund, dass es wieder mehr Queerfeindlichkeit gibt und dass rechte Parteien an Einfluss gewinnen?

Neuwirth Zum einen finde ich schön, wie Peter und Ulf das im Musical abgebildet haben. Es wird nicht besonders betont, sondern hat eine Selbstverständlichkeit. Ich glaube, dass es in den letzten Jahren einen großen Fortschritt gegeben hat, was die Awareness für die queere Community angeht. So wie wir auch extrem viel über Rassismus gelernt haben als weiße Gesellschaft. Man hatte das Gefühl, dass sich da viel zum Positiven entwickelt hat. Dass dieses Pendel jetzt in die andere Richtung ausschlägt, war geschichtlich gesehen wahrscheinlich vorhersehbar. Aber deswegen ist es nicht weniger beunruhigend.

Entmutigt Sie das?

Neuwirth Wenn Queerness abgebildet wird, geht es eigentlich um viel mehr als darum, ob ein Mann einen Mann küsst oder eine Frau eine Frau. Das steht für Menschenrechte insgesamt. Ich lasse mir die Selbstverständlichkeit, mit der wir das zeigen, nicht nehmen. Vielleicht verändert die eine oder andere Person dadurch sogar ihre Ansichten, wer weiß? Das kann Kunst auch. Das ist immer schon wichtig gewesen, aber jetzt ist es leider wieder extrem wichtig, dass wir das zeigen – und zwar auch einem Publikum, das vielleicht sonst mit der Queerness nicht so in Verbindung kommt.

Sie haben mal gesagt: „Ich glaube an radikale Freundlichkeit.“ Glauben Sie in Zeiten wie diesen, in denen sich alle Fronten zu verhärten scheinen, immer noch daran?

Neuwirth Ich werde immer den Weg der Empathie wählen und versuchen, etwas Verbindendes zu kreieren. Zum Glück erlebe ich in meinem Alltag selten offene Konflikte. Aber natürlich gibt es Situationen, in denen man merkt: Okay, die andere Person ist jetzt irgendwie auf Streit aus, und um das zu deeskalieren, reagiere ich mit radikaler Freundlichkeit. Hundert Prozent, jedes Mal. Ich finde auch, dass Menschen, die wie ich in der Öffentlichkeit stehen und die Möglichkeit haben, mehrere Leute zu erreichen, eine besondere Verantwortung haben. Da Stellung zu beziehen, ist extrem wichtig.

Andererseits ziehen Sie durch diese Öffentlichkeit auch Aufmerksamkeit – und zuweilen Ablehnung – auf sich. Ich weiß noch, was es damals nach Ihrem ESC-Gewinn für Debatten gab. Die Kunstfigur Conchita Wurst, eine Frauenfigur mit Bart auf der Bühne: Das hat gereicht, um Hass und wütende Reaktionen – auch politische – auszulösen. Erleben Sie derartige Reaktionen noch?

Neuwirth Also, das tut mir gar nichts. Und in der direkten Situation ist mir das vielleicht zweimal passiert. Und selbst das wurde deeskaliert, weil ich das nicht an mich herangelassen habe. Ich habe gedacht: Ja, sprich dich halt aus, whatever.

Wie kommt man zu so einer Gelassenheit?

Neuwirth Ich bin sicher, ich habe das von meinen Eltern. Die hatten ein Gasthaus, und da galt der Grundsatz: Die Gäste werden mit Respekt behandelt. Und ich glaube, das habe ich von klein auf einfach mitbekommen: Wie man in den verschiedensten Situationen mit Menschen umgeht – die auch vielleicht betrunken sind oder so. Wie verhalte ich mich am klügsten? Besonders meine Mutter hat mich beeindruckt, sie ist einfach die Geduld und die Güte in Person. Ich glaube, das hat sie uns Kindern weitergegeben.

Das Gasthaus als Schule fürs Leben, sozusagen.

Neuwirth Genau.

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie daran glauben, dass Kunst Menschen verändern kann – was wäre denn jetzt, wenn Sie auf die Musical-Tour gucken, Ihr Wunsch? Was möchten Sie erreichen?

Neuwirth Dass wir so überzeugend sind und so echt in unserer Darstellung, dass die Menschen mit uns fühlen. Dass sie emotional investiert sind für diese zweieinhalb Stunden. Und natürlich wäre es schön, wenn es nachhallt und wenn man sich dann mit den Personen, mit denen man im Theater war, oder die man zu Hause trifft, darüber unterhält. Den Austausch über Kreativität und über Fantasie und Theater finde ich immer sehr bereichernd. Künstlerische Aufführungen in jeglicher Form triggern etwas ganz tief Liegendes in uns. Und ich glaube, wenn man das erreicht, dann ist man ehrlich miteinander und wohlwollend. So wie Kinder es sind.

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