Die meisten Deutschen arbeiten einer Studie zufolge primär wegen des Geldes. Das liefert Stoff für die, die den Menschen mangelnde Motivation vorwerfen. Doch was tun Regierung und Unternehmen?
Wackelt selbst in der CDU jetzt die Arbeitsmoral, die Friedrich Merz von den Deutschen immer wieder fordert? Zuerst weilt Jens Spahn statt im Haushaltsausschuss auf Sardinien, dann kommt raus, dass Philipp Amthor einen Strandkorb auf dem Balkon seines Büros stehen hat.
Zwar haben die Delinquenten rasch reagiert: Spahn räumte den Ausschussposten, Amthor den Strandkorb wieder weg.
Doch die Aufregung über beide zeigt: Die Deutschen sind beim Thema Arbeit empfindlich geworden – und das nicht erst, seit der Bundeskanzler ihnen einen hohen Krankenstand und einen mangelnden Einsatz für die Volkswirtschaft vorwarf. Auch der CDU-Wirtschaftsflügel prangerte die „Lifestyle-Teilzeit“ im Land an.
Dazu passen die Ergebnisse der neuen Berufe-Studie des Versicherers HDI. 59 Prozent der Deutschen arbeiten demnach „primär nur wegen des Geldverdienens“. Das sind 17 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr und fast doppelt so viele Prozent wie 2019.
Andere Umfragen ergaben Ähnliches: Nur knapp jeder zweite Beschäftigte gibt auf der Arbeit sein Bestes, ermittelte die Beratungsgesellschaft EY vor einem Jahr. Schon seit Jahren wird über den angeblichen Trend zum „Quiet Quitting“, also zur stillen Kündigung, diskutiert.
Der Befund scheint klar: Die Deutschen haben keine Lust mehr, zu arbeiten.
Doch diese Diagnose macht allein die Beschäftigten für Probleme verantwortlich, an denen Politik und Arbeitgeber mindestens ebenso sehr ihren Anteil haben.
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Die Anschuldigungen treffen eine Nation besonders hart, in der Arbeit traditionell einen hohen Stellenwert genießt. Für den Reformator Martin Luther ist „der Mensch zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen“, der Vordenker der katholischen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning nannte es „gottgewollt, dass wir arbeiten“.
Für Karl Marx war nicht die Arbeit selbst das Problem, sondern ihre Entfremdung von Menschen. Und die Sozialdemokraten, die früher einmal die „Arbeiterklasse“ hinter sich wussten, können bis heute kaum einen Satz verlieren, ohne auf die „arbeitende Mitte“ zu verweisen.
Die stolze Identität einer Nation trifft im Jahr 2026 allerdings auf eine Realität, die keine Pause mehr kennt. „Arbeitend“ ist man potenziell rund um die Uhr. Der Arbeitstag ist geprägt von Gleichzeitigkeit, Mails und Nachrichten prasseln ein, während parallel ein Videocall läuft. Smartphones und Laptops machen Beschäftigte auch nach Feierabend erreichbar.
Ohne zwei Vollzeitjobs ist für eine Familie die Stadtwohnung kaum bezahlbar. Auf den Feierabend folgt die Arbeit ohne finanziellen Lohn: Haushalt und Kinderbetreuung, nach wie vor mehrheitlich von Frauen übernommen. Alles, was darüber hinausgeht, Engagement in Vereinen, Kultur, Begegnungen zwischen den Generationen, kommt zu kurz. Das, was uns als Gesellschaft auch zusammenhält.
Zugleich hat das Wohlstandsversprechen, für das Erwerbsarbeit in der Bundesrepublik lange Jahre stand, Risse bekommen. Eine bezahlbare Mietwohnung in einer Großstadt zu finden, ist zu einem unbezahlten Zusatzjob nach ganz eigenen Regeln mutiert. Von Eigentum oder einer auskömmlichen Rente wagen viele kaum zu träumen – geschweige denn von einer besseren Zukunft. Stattdessen wenden sich immer mehr Menschen denen zu, die Vergangenheit propagieren.
Natürlich stiftet Arbeit für viele Menschen Sinn. Aber wenn das einstige Versprechen nach Aufstieg und Sicherheit brüchig wird, ist das kein schlechtes Zeugnis für die Beschäftigten.
Adrian Schulz
Die Zukunft wird auch durch Künstliche Intelligenz infrage gestellt. Ob es in zehn Jahren noch Rechtsanwaltsgehilfen, Programmiererinnen oder Designer braucht? Ungewiss. Wenn Arbeit, für die früher Tage und Wochen nötig waren, binnen Minuten erledigt wird, wirft das bisherige Vorstellungen von Sinn, Zeit und Sicherheit über den Haufen. 42 Prozent der HDI-Umfrageteilnehmer fürchten, KI könne Jobs in ihrem direkten Umfeld ersetzen. Neun Prozent haben das bereits erlebt.
Natürlich stiftet Arbeit für viele Menschen Sinn. Aber wenn das einstige Versprechen nach Aufstieg und Sicherheit brüchig wird, ist das kein schlechtes Zeugnis für die Beschäftigten.
Die Politik ist verantwortlich, in einer immer unsicherer werdenden Welt alles zu tun, um zum einen das Aufstiegsversprechen zu bewahren und zum anderen die Mehrfachbelastungen zwischen pflegebedürftigen Eltern, Kindergeburtstags-Orga und dem nächsten Meeting abzumildern.
Jene, die die Wirtschaft lenken, müssen wiederum Strategien entwickeln, die in einer immer digitaleren, sich schneller wandelnden Welt den Beschäftigten Perspektiven bieten. Wir sehen, dass das von der Digitalwirtschaft bis zu Autokonzernen in Deutschland zu wenig gelingt.
Das alles ist natürlich komplex. Aber will man den Deutschen wieder Lust auf Arbeit machen, beginnt das für Politik wie Wirtschaft mit einer ganz einfachen Sache. Gerade Merz tut sich damit schwer: Wertschätzung.
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