Das Duo Extrawelt gilt als einer der renommiertesten Liveacts der Techno-Szene. Beim „Tra’vers“-Festival“ spielen sie gemeinsam mit dem Saarländischen Staatsorchester. Uns haben sie verraten, wie sie eine gemeinsame Sprache gefunden haben und warum vor allem der Dirigent sich warm anziehen sollte.
Interview | Saarbrücken · Das Duo Extrawelt gilt als einer der renommiertesten Liveacts der Techno-Szene. Beim „Tra’vers“-Festival“ spielen sie gemeinsam mit dem Saarländischen Staatsorchester. Uns haben sie verraten, wie sie eine gemeinsame Sprache gefunden haben und warum vor allem der Dirigent sich warm anziehen sollte.
14.10.2026 , 17:03 Uhr
Arne Schaffhausen von Extrawelt (hinten), Dirigent Kaan Bulak und Arrangeur Peter Hinderthür bei einer gemeinsamen Studio-Session. Wayan Raabe bleibt lieber hinter der Kamera.
Foto: Wayan RaabeUnter dem Namen Extrawelt machen die Hamburger Arne Schaffhausen und Wayan Raabe seit 2005 gemeinsam Musik. Mit ihrem hypnotischen, dunklen und doch tanzbarem Sound prägen sie seither die nationale wie internationale Technoszene – und sind vor allem für ihre notorischen Livesets bekannt, bei denen sie Studio-Produktion und improvisierte Bühnenenergie verbinden. Peter Hinderthür studierte Popularmusik und arbeitet heute als Orchester-Arrangeur und Filmkomponist. 2023 erhielt er den Deutschen Filmmusikpreis für „Meinen Hass bekommt ihr nicht“. Für das „Tra’vers“-Festival (28. bis 31. Oktober) von Kulturgut Ost und dem Saarländischen Staatstheater hat er Tracks von Extrawelt so arrangiert, das sie vom Orchester erweitert werden können. Zu hören ist das Ganze am Freitag, 30. Oktober, um 20.30 Uhr im Großen Haus des Saarländischen Staatstheaters.
Elektronische und orchestrale Musik liegen für viele Menschen wohl an den entgegengesetzten Polen des Musikspektrums, scheinen wenig gemein zu haben, schwer vereinbar zu sein. Wie blickt ihr darauf?
WAYAN Das sehe ich anders. Schon dadurch, dass beides Instrumentalmusik ist, haben Klassik und Techno mehr miteinander gemein als sagen wir, Techno und Bierzeltmusik. Trotzdem haben manche es geschafft, Letztere erfolgreich miteinander zu verbinden. Es gibt unendlich viele unterschiedliche Arten von Musik, Musiksprachen oder wie auch immer man das nennen will. Barrieren dazwischen entstehen in der Regel erst bei den Hörenden. Für mich gibt es die gar nicht in der Form, die Übergänge sind eher fließend. Und grundsätzlich gibt es immer nur gute Musik oder Musik, die einem nicht gefällt. Und das ist eher orts- und zeitabhängig – die richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt ist viel wichtiger, als was für ein Stil das gerade ist.
PETER Extrawelt kommen aus dem Nachtleben, Orchestermusik findet eher am Nachmittag, am frühen Abend statt. Das sind schon zwei unterschiedliche Zeitzonen, sogar zwei unterschiedliche Kulturzonen. Dass man nun zwei Klangkörper aufeinander loslässt, die aus so unterschiedlichen Kontexten kommen, macht den Abend für mich spannend. Es passt ja tatsächlich nicht unbedingt zusammen. Die Denke von Orchestermusikern unterscheidet sich ganz stark von der Elektronikerdenke, alleine schon in der Art, wie die Musik erzeugt wird. Die Kraftanstrengung diese Pole jetzt in einem Raum zu bringen und aufeinander loszulassen, macht den Reiz aus.
Wayan, Arne, ihr habt schon zu einer Zeit elektronische Musik gemacht, als diese noch gar nicht als echte Musik wahrgenommen wurde. Jetzt könnt ihr in einem Staatstheater spielen. Findet gerade eine Domestizierung der elektronischen Musik statt, hat sie ihren subversiven Charakter verloren?
WAYAN Ich tue mich ein bisschen schwer damit, für die gesamte elektronische Musik zu sprechen. Es gibt ganz viele Spielrichtungen, von Avangardistik bis Elektropop, nicht alle sind oder waren jemals subversiv und domestiziert ist einiges längst, man muss nur das Radio einschalten. Die Frage zielt ja darauf ab, ob die subversive, oder ernste elektronische Musik jetzt mit Klassik vielleicht den nächsten Schritt macht. Wer weiß? Allerdings ist dieses Konzept nicht neu, schon 2008 hat Carl Craig das „Re-Composed“ Album veröffentlicht. Wir haben mit Peter nun einen etwas anderen Ansatz verfolgt, sodass unser musikalisches Ergebnis sich von dem unterscheidet, was bisher versucht wurde, wenn Elektronik und Klassik gemischt wurden.
Inwiefern?
PETER Ich gehe ganz stark von der wirklichen, realen Konzertsituation aus. Und eben nicht von einer Audioproduktion. Ich denke mich als Gast in das Konzert und sehe zwei unterschiedliche Klangkörper, die etwas zusammen versuchen. Ich habe es total begrüßt, die stilistischen Unstimmigkeiten zwischen Elektronik und Orchester in Kauf zu nehmen und damit zu arbeiten statt sie sinnlos miteinander verschmelzen zu lassen. Die dürfen sich auch lange Zeit aneinander reiben oder miteinander kämpfen um die Aufmerksamkeit des Publikums. Ich weiß auch, dass es für Arne und Wayan hier und da auch schmerzvoll war, welche Parts jetzt dem Orchester gegeben wurden. Aber ich habe immer argumentiert: Wir dürfen eine Menge machen. Aber wir dürfen nicht dem Orchester langweilige Parts geben, die es dann für 90 Minuten brav abspielen soll. Man könnte ganz leicht mit langen, elegischen Arrangements dieses Orchester dazu packen und wir würden alle in Ästhetik untergehen. Aber es wäre nicht aufregend.
Habt ihr gleich eine gemeinsame Sprache gefunden oder gab es auch Herausforderungen?
WAYAN Von unserer Seite war es überraschend, wie gut Peter unsere musikalische Sprache verstanden hat. Wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die Musik in einem fremden Gewerk machen, trägt das immer Früchte. Man lernt unglaublich viel, sobald man die eigene Blase verlässt.
PETER Ich sehe das genauso. Womit ich mich zum Beispiel aber erst einmal auseinandersetzen musste, anfreunden, waren diese wahnsinnig langen Bögen, die die Jungs in ihrer Musik haben. Ich komme ursprünglich aus der Popmusik. Habe damit angefangen, Acht-Takter zu schreiben. Wir mussten gute Refrains finden und Radiotime generieren. Das war meine erste Schule. Und dann sitze ich vor einem achtminütigen Extrawelt-Stück und muss da erst einmal reinkommen. Diese prinzipielle Dramaturgie war für mich eine Herausforderung.
Peter, du hast die Tracks von Extrawelt so umgeschrieben, dass auch das Orchester Platz hat. Wie bist du vorgegangen, welche Instrumentenfarben haben besonders gut gepasst?
PETER (schmunzelt) Was besonders passend war, wissen wir tatsächlich erst, wenn man es hört. Ich kann zwar Demos von dem machen, was ich plane, und wir diskutieren auch viel. Aber das wirkliche Ergebnis hören wir erst bei der Probe mit Band und Orchester. Wir haben versucht, der ganzen Show einen sinnvollen Aufbau zu geben, der auch von der Energie des Orchesters stark beeinflusst ist. Es wird nicht gleich von Anfang an alles im Orchester verraten und es spielt auch nicht gleich alles mit. Deswegen haben wir auch eine Range von wirklich ganz feinen Texturen bis hin zu brachialem Wahnsinn.
ARNE Der ganze Rahmen dieses Konzertes gibt uns andere Freiheiten, als zum Beispiel bei Club-Auftritten, wo quasi ein Dance-Diktat für uns herrscht. Wir haben die letzten zwei Jahre schon ein paar Konzerte veranstaltet und da konnten wir uns diesen Freiraum nehmen, alles langsamer aufzubauen, mit Dynamik zu spielen und nicht jeden Track beatmixen zu müssen, damit die Leute weitertanzen. Und die Zusammenarbeit mit dem Orchester erweitert das Spektrum eben noch einmal ungemein und befreit auch.
Wie viel gemeinsame Probenzeit habt ihr?
WAYAN (grinst) Wir haben eine Generalprobe.
Habt ihr also Angst vor dem Abend?
ARNE Das gesamte Spektrum an Gefühlen ist dabei, aber wir haben uns ja von Anfang an darauf eingestellt.
PETER Wer sich auf jeden Fall richtig in die Hose machen sollte, ist unser Dirigent Kaan Bulak (lacht). Er muss ja das Orchester quasi auf die sequenzierte Musik von Extrawelt setzen. Viel Spaß dabei. (ter)
Ganzes Festivalprogramm und Tickets unter: www.staatstheater.saarland