Das frühere Saarbrücker Messegelände am Schanzenberg wandelt sich immer mehr zu einem interessanten Stadtquartier. Jetzt steht das Richtfest für ein „Boardinghouse“ an. Was sich dahinter verbirgt.
Saarbrücken · Das frühere Saarbrücker Messegelände am Schanzenberg wandelt sich immer mehr zu einem interessanten Stadtquartier. Jetzt steht das Richtfest für ein „Boardinghouse“ an. Was sich dahinter verbirgt.
14.10.2026 , 20:13 Uhr
Das neue Gebäude auf dem alten Messegelände, fotografiert am Dienstag im Saarbrücker Nieselregen.
Foto: Thomas SchäferGinge es doch bloß an anderen Stellen in Saarbrücken ebenfalls so rasant voran: Nur ein knappes Jahr nach dem ersten Spatenstich für ein „Boardinghouse“ genanntes Studentenwohnheim auf dem ehemaligen Messegelände wird diese Woche das Richtfest gefeiert. An diesem Donnerstag ist es so weit, Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU), Baudezernent Patrick Berberich und zahlreiche Gäste haben ihr Kommen zugesagt, Conradt will eine Rede halten. Es ist nicht seine erste auf dem sich in einer gewaltigen Transformation befindlichen Riesen-Gelände am Schanzenberg direkt an der Stadtautobahn. Und dürfte nicht seine letzte Rede bleiben.
Dass sich dort seit Jahren einiges tut, sehen täglich Tausende Autofahrer. Die in Bayern beheimatete Investorenfamilie Reichenberger, die das Gelände 2019 für knapp acht Millionen Euro von der Stadt gekauft hat, hat große Pläne und schon etliche Teile ihres Plans in die Tat umgesetzt. Nach den ersten Mietern wie dem Nahrungsergänzungsmittel-Spezialisten GSE und der Krankenkasse AOK sind weitere Firmen dazugekommen, auch eine offenbar vortrefflich genutzte Halle für den tennisartigen Trendsport Padel ist seit einem Jahr in Betrieb. Chefin ist die Frauenfußballlegende Dzsenifer Marozsán.
Bald wird noch mehr los sein auf dem Gelände, noch viel, viel mehr Leben wird einziehen, Menschen aus aller Welt, „Internationals“, wie sie Eva Lorentz nennt, die für die Eigentümerfamilie das Quartier betreut. Sie spricht euphorisch von „einem der modernsten Boardinghäuser Deutschlands“, alles werde digital vonstattengehen, niemand, der dort einziehe, benötige mehr einen klassischen Schlüssel.
Wer einziehen soll und überhaupt darf ab dem Wintersemester 2027: Studenten und Azubis und „temporäre Fachkräfte“. Sage und schreibe 340 Apartments wird es geben, geplant sind 320 Single-Wohnungen, vier Doppel-Apartments und 16 etwas größere Apartments, in denen grundsätzlich jeder wohnen kann, etwa Gastdozenten der nahen Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW), Gäste oder neue Mitarbeiter von am Schanzenberg angesiedelten Firmen oder Geschäftspartner. Voraussetzung zum Einzug in die allermeisten Wohnungen ist eine Immatrikulationsbescheinigung oder ein Ausbildungsvertrag.
Dass man dennoch nicht von einem Studentenwohnheim, sondern einem „Boardinghouse“ spricht, hängt mit der besonderen rechtlichen Situation auf dem alten Messegelände zusammen, die Wohnen dort eigentlich gar nicht vorsieht. Daher werden die Studenten auch stets nur ein halbes Jahr lang in einer Wohnung bleiben können, danach müssen sie im Zweifel ein Zimmer weiterziehen.
Nach Angaben von Eva Lorentz wird man die Apartments spätestens ab April buchen können. Da das Wohnangebot staatlich gefördert ist, mit der „Rekordsumme“ von rund 17 Millionen Euro, wie Saar-Bauminister Reinhold Jost (SPD) beim ersten Spatenstich betonte, sind vergleichsweise niedrige Preise möglich. Im schicken Prospekt für das Boardinghouse ist von einer monatlichen Kaltmiete für ein circa 21 Quadratmeter großes Single-Apartment ab 275 Euro die Rede. Die wenigen Doppel-Apartments sollen ab 550 Euro pro Monat kosten.
Jedes Apartment ist mit einer kleinen Küche und einem eigenen Bad ausgestattet, außerdem sind sie möbliert und damit „sofort bezugsfertig“. Das Besondere, so Lorentz: Neben der Basisausstattung können die Bewohner zusätzliche Leistungen individuell dazubuchen, beispielsweise einen Wäscheservice, eine wöchentliche Reinigung, ein Fahrrad oder besonders schnelles Internet.
Knapp 20 Meter hoch wird das Boardinghouse direkt am Waldrand, man wohnt auf den sechs Geschossen mehr oder weniger mitten im Grünen und kann die Natur von vielen Seiten aus aufgrund bodentiefer Fenster auch anschauen und genießen. Im Erdgeschoss wird es Gemeinschaftsräume geben, unter anderem einen mit Automaten für Getränke, Essen und Güter des täglichen Bedarfs, sogar ein Fitnessstudio ist vorgesehen. Ziel sei es, sagt Lorentz, dass Menschen nicht nur in dem Haus wohnen, sondern dort ein Zuhause auf Zeit vorfinden und sich mit Gleichgesinnten verbinden können.
Das ist seit Jahren die Vision der Eigentümer aus Bayern: Gleichgesinnte sollen den Saarbrücker Schanzenberg zum Chancen-Berg machen, zu einem „hochwertigen Gewerbe-Quartier“ mit einem breiten Nutzungsmix aus Wohnen, Gewerbe, Sport und Begegnung. Der nächste Schritt auf diesem (langen) Weg wird jetzt gemacht. Einige werden 2027 folgen, so soll mit dem Bau eines weiteren Bürogebäudes neben der Padelhalle begonnen werden. (ter)