Schüler des Französischen Gymnasiums in Berlin blockieren ihre Schule und demonstrieren. In sozialen Medien kursieren Aufrufe für weiteren Protest.
Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums
Foto: Elias Inan Christe
Die Welle der Schulproteste in Frankreich sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Selbst US-Präsident Donald Trump sah sich zu einem rassistischen Kommentar genötigt. Er sagte, die Proteste seien die Folge »unkontrollierter Massenmigration« und der Islam wolle das Land übernehmen. Das Störfeuer aus den USA hat der Bewegung aber keinen Abbruch getan. Nachdem sich die Bewegung auf Belgien ausgeweitet hat, verdichten sich die Anzeichen dafür, dass der Protest auch die Bundesrepublik erreicht.
Den Auftakt machte Berlin: Mehr als 200 Schülerinnen und Schüler des Französischen Gymnasiums im Bezirk Mitte blockierten am Montagmorgen die Zugänge zu ihrer Schule. Einzig einen schmalen Durchgang vermochte die Schulleitung gemeinsam mit den Kräften der Berliner Polizei durchzusetzen. Mit Mülltonnen und Fahrradschlössern wurden die Tore versperrt, um vor dem Gebäude ein unübersehbares Streikzeichen zu setzen. Die Forderungen reichen von Finanzierung bis hin zu Bildungsgerechtigkeit über Grenzen hinweg. »Wir brauchen mehr Geld im öffentlichen Dienst und leichtere Aufnahmebedingungen für die Studienzulassungen in Frankreich – und zwar ohne Vorurteile«, bringt der Schüler Arthur im Gespräch mit »nd« die Anliegen auf den Punkt.
An der Schule wird nach französischen Lehrplänen unterrichtet, Schüler*innen können sowohl das französische Baccalauréat als auch das deutsche Abitur machen. Den Plan zu protestieren hatten die Schülerinnen und Schüler spontan am Vorabend gefasst. Die Jugendlichen streikten in doppelter Solidarität: Einerseits stellen sie sich mit ihrem Protest an die Seite der streikenden Jugendlichen in Frankreich, andererseits schlägt er den Bogen zur Politik der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz. Nach mehreren Stunden der Blockade wandelte sich die Aktion in einen spontanen Demonstrationszug um, der sich in die Richtung der französischen Botschaft am Pariser Platz in Bewegung setzte.
Den Jugendlichen ging es bei ihrer Aktion ausdrücklich nicht um Krawall oder Randale, wie sie in Berichten über die Proteste in Frankreich skandalisiert werden, sondern um eine friedliche Demonstration gegen soziale und kulturelle Missstände – hier wie dort. Es gehe um die Verteidigung gesellschaftlicher Freiräume, sagt die Schülerin Anouk zu »nd« »Keine Zukunft ohne Kultur«, fasst sie ihre Befürchtungen zusammen.
»Wir stehen zu dem Kampf der Schülerinnen und Schüler in Frankreich und denken, dass sie unseren Kampf mittragen.«
Rebecca Schülerin
Dass der Anstoß für die Proteste von Jugendlichen ohne Partei- oder Organisationszugehörigkeit kommt, mag auf den ersten Blick überraschen. In den sozialen Netzwerken aber ist das Ziel, die französischen Proteste nach Deutschland zu tragen, für die Angehörigen der »Gen Z« seit Tagen ein bestimmendes Thema. In Chats und Foren vernetzen sich Jugendliche blitzschnell, tauschen Erfahrungen aus und organisieren sich eigenständig. »Wir stehen zu dem Kampf der Schülerinnen und Schüler in Frankreich und denken, dass sie unseren Kampf mittragen«, erklärt die Schülerin Rebecca »nd«. Obwohl sich die Jugendlichen durchgehend friedlich verhielten, kam es zu einer Festnahme durch die Polizei. Die Stimmung blieb dennoch besonnen.
Schließlich erreichte der Demonstrationszug die französische Botschaft am Pariser Platz. Dort gelang ein konkreter Erfolg: Eine Delegation konnte direkt mit dem Verantwortlichen für Kultur und Bildung der Botschaft sprechen und die Anliegen der streikenden Schülerinnen und Schüler übermitteln. Im Anschluss fand die Aktion ihren lautstarken Abschluss, als die Jugendlichen gemeinsam skandierten: »Liberté, Égalité, Solidarité!« – »Freiheit, Gleichheit, Solidarität«, in Abwandlung des Wahlspruchs der französischen Republik.
Der Protest in Berlin-Mitte könnte nur der Auftakt einer größeren Welle an Demonstrationen gewesen sein. Auf sozialen Medien kursieren zahlreiche Aufrufe, am 31. Oktober bundesweit auf die Straße zu gehen. In ganz Deutschland bilden sich neue Gruppen, Schüler*innen organisieren sich. Die Jugendlichen des Französischen Gymnasiums könnten die Vorboten einer neuen Schülerbewegung in Deutschland sein. Klar ist schon jetzt: Die »Gen Z« erlebt auch wegen der Proteste in Frankreich derzeit eine spürbare Politisierung.
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