Ein freundlicher Auftrag, ein weniger formeller Text: Eine Studie zeigt, wie KI auf Sprachmuster reagiert. Müssen Frauen jetzt anders schreiben?
Stand: 15.10.2026, 11:48 Uhr

Ein freundlicher Auftrag, ein weniger formeller Text: Eine Studie zeigt, wie KI auf Sprachmuster reagiert. Müssen Frauen jetzt anders schreiben?
Die Maschine soll Arbeit abnehmen. Sollen wir nun an uns arbeiten, damit sie uns richtig bedient? Weniger „vielleicht“, weniger „wir“, und bitteschön direkter formulieren? Sonst gibt es womöglich eine andere Sorte Geschäftspost. Wer daraus vor allem eine Sprachlektion für Frauen macht, verteilt die Verantwortung zu bequem.
Content-PartnerschaftDieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand.
Höflichkeit ist kein KompetenzdefizitEine Untersuchung von Katherine Van Koevering und Anjalie Field liefert den Anlass. Die Johns Hopkins Universität in Baltimore, Maryland berichtete darüber im September. Das Team nahm 427 englischsprachige Schreibaufträge für E-Mails, Bewerbungen und Kündigungsschreiben und erstellte jeweils zwei Varianten: mit Sprachmerkmalen, die häufiger mit Frauen beziehungsweise Männern verbunden werden. Bei gleicher Kernaufgabe entstanden auf die weiblich codierten Varianten tendenziell weniger formelle und sprachlich einfachere Antworten.
Anschaulich wird es bei einer Dankesmail. Die Antwort auf den männlich codierten Auftrag blieb geschäftsmäßig. Die weiblich codierte Variante schwelgte dagegen in Begeisterung und Herzenswärme. Die getesteten Modelle: GPT-4, Llama, Gemma und Mistral. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass Frauen schlechter schreiben. Oder dass die Maschine ihnen nachweislich Karrierechancen nimmt. Denn sprachlich einfacher bedeutet nicht automatisch schlechter. Die Untersuchung belegt Unterschiede in den erzeugten Texten, keine tatsächlichen Nachteile bei Einstellungen oder Beförderungen. Betroffen sein kann jeder, der die untersuchten Sprachmuster verwendet. Also auch Männer.
Seit wann ist „vielleicht“ eigentlich eine Schwäche?Eine Metaanalyse von Campbell Leaper und Rachael Robnett aus dem Jahr 2011 bündelte 29 Studien mit 3.502 Teilnehmenden. Frauen verwendeten etwas häufiger vorsichtige Sprachformen. Der Unterschied war klein und kontextabhängig. Die Forschenden deuteten die Befunde eher als zwischenmenschliche Sensibilität denn als mangelnde Durchsetzungsfähigkeit.
Ein „vielleicht“ kann Unsicherheit signalisieren – es kann aber ebenso Raum für Widerspruch und Abwägung schaffen. Ein „wir“ kann Verantwortung verwischen, aber auch Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung ausdrücken. Wer sprachliche Zurückhaltung grundsätzlich als Schwäche wertet, verwechselt Führung mit demonstrativer Härte. Professionelle Kommunikation muss nicht hart klingen, sondern klar sein.
KI nachbessern oder Frauen umprogrammieren?Die Autorinnen sehen die Anbieter in der Pflicht. Sprachgewohnheiten sind schwer bewusst zu kontrollieren. Mit Sprachassistenten könnte das Problem ihrer Einschätzung nach noch zunehmen.
Die bequeme Antwort wäre ein weiterer Ratgeber: Frauen, schreibt endlich anders! Weniger Rücksicht, weniger Gemeinschaft, mehr Ansage. Dann klappt es auch mit der Maschine. Technischer Fortschritt, bezahlt mit persönlicher Anpassung.
Ich finde: Unternehmen sollten prüfen, welche Korrekturarbeit ihre Assistenten erzeugen. Und Anbieter sollten untersuchen, ob unterschiedliche Nutzer dieselbe angemessene Unterstützung erhalten. Die geplante Forschung zu Alter, Herkunft und längerfristiger Sprachanpassung ist deshalb wichtig. Ein Werkzeug, das uns unterstützt, sollte nicht verlangen, dass wir erst jemand anders werden. Die Software braucht ein Update. Frauen keinen neuen Charakter.
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Was die Studie zeigt – und was nichtDie Untersuchung vergleicht KI-Antworten auf unterschiedlich formulierte englischsprachige Schreibaufträge. Sie zeigt Unterschiede in Sprachkomplexität und Formalität. Tatsächliche Karrierenachteile wurden nicht gemessen; eine Übertragbarkeit auf deutschsprachige Geschäftskommunikation ist damit nicht belegt.
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