China liefert den Großteil der weltweiten Solarmodule und E‑Autos. Europa spart Geld, riskiert aber neue Abhängigkeiten. Was heißt das für uns?
Stand: 15.10.2026, 18:16 Uhr

China liefert den Großteil der weltweiten Solarmodule und E‑Autos. Europa spart Geld, riskiert aber neue Abhängigkeiten. Was heißt das für uns?
Peking – Die Dimension des Vorsprungs zeigt der neue Report des Mercator Institute for China Studies (Merics) vom Oktober 2026. Demnach stammten 2025 mindestens drei Viertel der weltweit verkauften Solarmodule, Windturbinen und Elektrofahrzeuge von chinesischen Herstellern. Zugleich entfielen mindestens 57 Prozent der globalen Nachfrage nach diesen Produkten auf China selbst. Das Forschungsprojekt, aus dem der Bericht stammt, wird nach Angaben des Instituts vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt finanziert.
Als Gründe nennen die Autoren langfristige politische Unterstützung, Größenvorteile entlang der gesamten Wertschöpfungskette und technische Neuerungen. Wie diese Mischung im Alltag wirkt, zeigt ein Blick auf die Preise.
Warum China bei grünen Technologien so weit vorn liegt: Der Preiskampf als Motor des ErfolgsChinas Hersteller liefern sich seit Jahren einen erbitterten Wettbewerb, den Merics „Involution“ nennt. Gemeint ist ein Wettlauf nach unten, bei dem alle mehr leisten, aber keiner mehr verdient. Besonders deutlich wird das bei Solarmodulen. Laut Merics fielen die Preise von 2022 bis 2024 im Schnitt um 60 Prozent, die führenden Firmen schrieben 2025 Verluste von 10,75 Prozent ihres Umsatzes. Seit 2024 meldeten mehr als 150 Solarunternehmen Insolvenz oder Liquidation.

Dass solche Verluste verkraftet werden, liegt laut den Studienautoren am politischen System. Lokale Behörden stützen Firmen auch dann, wenn sie rote Zahlen schreiben, weil diese Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sichern. Peking hat den Kampf gegen die Überhitzung zwar zur Priorität erklärt, packt die Ursachen laut Merics aber nicht an. Bei Elektroautos zeigt sich ein ähnliches Bild. Gab es 2018 noch bis zu 500 Hersteller, waren es 2025 rund 100.
Warum die Überkapazitäten Europa direkt treffenFür die Unternehmen in China hat der Kampf um Marktanteile eine Folge. Sie suchen ihre Gewinne im Ausland. Wie Merics beschreibt, kostet ein und dasselbe Elektroauto in Europa bis zu doppelt so viel wie in China. Unter Managern gewinne deshalb ein Leitsatz an Zugkraft, der übersetzt lautet „Wer nicht ins Ausland geht, scheidet aus dem Markt aus.“ Europa ist inzwischen das wichtigste Zielland chinesischer Exporte von Solar-, Wind- und Elektroautotechnik. Im ersten Halbjahr 2026 verlangsamte sich der Absatz im Inland, während die Ausfuhren weiter zulegten.

Für europäische Käufer klingt das zunächst nach einer guten Nachricht. Billigere Technik senkt die Kosten der Energiewende, räumt auch Merics ein. Der Preisabstand zu europäischen Anbietern beträgt bei vergleichbarer Qualität demnach 30 bis 50 Prozent. Genau darin liegt jedoch das Risiko, denn die Lücke beeinflusst auch die Entscheidungen der Industrie.
Abhängigkeit in der Energieversorgung wächstDer Report beschreibt, dass für viele ausländische Firmen offenbar nur ein Ausweg bleibt, nämlich die eigene Produktion nach China zu verlagern. Je günstiger der Bezug aus China, desto teurer wird der Aufbau alternativer Lieferketten. Das gefährdet laut Merics auch politische Vorhaben wie den Net Zero Industry Act der EU. Die Autoren halten fest: „Chinas dominante Position in der gesamten Lieferkette macht es Europa sehr schwer, saubere Technologien einzuführen, ohne einen erheblichen Teil der Vorprodukte oder Endprodukte aus China zu beziehen.“ Grüne Technik zählt der Report dabei zur kritischen Infrastruktur.
Neue EU-Instrumente wie der Industrial Accelerator Act sollen gegensteuern. Ihre Umsetzung werde aber Jahre dauern und die Wirkung bestenfalls begrenzt bleiben, schreibt Merics . Deshalb empfehlen die Forscher keine Abschottung. Sie fordern eine Zusammenarbeit zu europäischen Bedingungen, Mindeststandards für Lieferkettensicherheit und Cybersicherheit sowie weitere Partner außerhalb Chinas. Ihre Warnung lautet: „Engagement sollte nicht auf Kosten der Abhängigkeit gehen.“
Was die Entwicklung für Deutschlands Industrie bedeutetWie sich dieser Wettbewerb auf Deutschland auswirkt, belegt eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Das Handelsdefizit mit China dürfte 2026 erstmals mehr als 100 Milliarden Euro betragen und hat sich seit 2019 mehr als versiebenfacht. Im ersten Halbjahr 2026 importierte Deutschland laut IW fast zweieinhalbmal so viele Waren aus China, wie es dorthin exportierte. Besonders betroffen sind drei Schlüsselbranchen. In der Autoindustrie, die laut IW mit fast 24 Prozent am stärksten zum Defizit beiträgt, brechen die Exporte gegenüber 2019 voraussichtlich um über 50 Prozent ein, während die Einfuhren chinesischer Autos und Autoteile um mehr als 475 Prozent steigen. Im Maschinenbau kippt ein Überschuss von fast zehn Milliarden Euro erstmals in ein Defizit von gut einer Milliarde. Die Elektroindustrie steuert rund 30 Milliarden Euro des Defizit-Zuwachses bei.
Interessant ist, was das IW über eine verbreitete Erklärung sagt. Energieintensive Branchen wie Chemie, Papier, Glas und Metalle tragen zusammen nur rund vier Milliarden Euro bei. Hohe Energiekosten erklärten die Entwicklung also nur zu einem kleinen Teil, so das Institut. Als Gründe nennt es neben Chinas technologischem Aufholen hohe Subventionen und eine stark unterbewertete Währung.
Ausgleichszölle als umstrittener AuswegAus diesen Befunden leitet das IW eine klare Forderung ab. IW-Außenhandelsexperte Jürgen Matthes sagt: „Neben heimischen Reformen braucht es daher breite und zügig umsetzbare Ausgleichszölle. Deshalb sollte der Europäische Rat die Kommission auffordern, so schnell wie möglich ein solches neues handelspolitisches Instrument zu entwickeln.“ Zugleich weist er den Vorwurf der Abschottung zurück: „Das ist kein Protektionismus, sondern sorgt für faire Wettbewerbsbedingungen.“
Ob Zölle der richtige Weg sind, bleibt dabei politisch offen. Merics betont allerdings, dass sich Europa zwischen schneller Energiewende durch günstige Importe und langfristiger Sicherheit der Infrastruktur entscheiden muss. Zudem hat China laut dem Report deutlich gemacht, von seinem Handelskurs nicht abzuweichen, weshalb verhandelte Lösungen als höchst unwahrscheinlich gelten. (Quellen: IW Köln, Mercator Institute for China Studies)(ls)
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