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Schweizer Sportgeschichte geschrieben und dennoch draufgelegt – die harte Realität im Landhockey

Дата публикации: 13-10-2026 14:47:55

Rotweiss Wettingen gelingt als erstem Schweizer Team ein Sieg in der europäischen Königsklasse. Nationalspieler Mika Conrad erzählt, weshalb er für seinen Spitzensport nicht nur Freizeit, sondern auch viel Geld opfert.

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Beim historischen ersten EHL-Sieg traf Mika Conrad zum wegweisenden 1:0.Beim historischen ersten EHL-Sieg traf Mika Conrad zum wegweisenden 1:0.

Bild: Fredi Waelti

Es ist ein Schlusspfiff mit historischen Dimensionen. Am späten Freitagnachmittag schreibt der HC Rotweiss Wettingen auf der Anlage des Hockeyklubs Oranje-Rood in Eindhoven Schweizer Landhockeygeschichte. Mit dem 3:1-Erfolg gegen den französischen Vertreter CA Montrouge gelingt den Wettingern, was zuvor noch keiner Schweizer Mannschaft gelungen ist: ein Sieg in der Euro Hockey League (EHL), dem höchsten Klubwettbewerb Europas – und Pendant zur Champions League im Fussball.

Mitten drin stehe ich. Mika Conrad, 24 Jahre alt und 34-facher Schweizer Landhockey-Nationalspieler. Seit mehr als acht Jahren bin ich Teil der 1. Mannschaft von Rotweiss Wettingen. Zwölfmal (Hallen- und Feldtitel zusammen) durfte ich mit dem Fanionteam bereits einen Schweizer Meistertitel feiern. Doch dieser historische Erfolg auf europäischer Bühne ist auch für mich etwas Besonderes.

Vom Kunstrasen zurück an den Arbeitsplatz

Nur wenig später sieht meine Welt wieder ganz anders aus. Weil unser Rückflug annulliert wird, verzögert sich die Heimreise um einen Tag. Gerade einmal 30 Minuten liegen schliesslich zwischen meiner Rückkehr nach Hause und dem Beginn meines Arbeitstages. Kaum angekommen, sitze ich bereits wieder vor dem Computer. Der historische Erfolg ist noch frisch, doch der Alltag wartet nicht.

Was zunächst nach einem ungewöhnlichen Kontrast klingt, gehört für meine Teamkollegen und mich zum Alltag. Wir betreiben Leistungssport auf internationalem Niveau, verdienen unseren Lebensunterhalt aber abseits des Hockeyplatzes. Trotz Meistertiteln mit dem Klub, Länderspielen mit der Nationalmannschaft und Auftritten im renommiertesten Klubwettbewerb erhalten wir für unsere sportlichen Leistungen keinen Lohn. Im Gegenteil: Wir bezahlen selbst dafür. Mit Geld, Zeit und einem beträchtlichen Teil unserer Frei- und Ferientage.

Wie viel Zeit der Landhockeysport tatsächlich beansprucht, zeigt ein Blick auf eine typische Trainingswoche. Drei Trainingseinheiten und in der Regel ein Spiel pro Woche bestreite ich mit der ersten Mannschaft. Um auf internationalem Topniveau mithalten zu können, sind jedoch auch individuelle Zusatztrainings nötig. Dazu gehören zusätzliche Hockeyeinheiten alleine oder in Kleingruppen auf dem Kunstrasen, ein bis zwei wöchentliche Krafttrainings, Videostudium und eigenständige Regenerationsmassnahmen. Und das alles neben einer 100-Prozent-Anstellung oder einem Vollzeitstudium – denn wie bereits erwähnt, bleibt ein Landhockeyspieler in der Schweiz ohne jegliche finanzielle Entschädigung.

Besonders deutlich zeigte sich die Doppelbelastung in der Vorbereitung auf die EHL bei mir jeweils mittwochs. Noch vor der ersten Arbeitssitzung stand ich bereits um 7 Uhr auf dem Hockeyplatz, um eine Stunde lang an meinen Fertigkeiten zu feilen. Danach ging es nach Hause, unter die Dusche und direkt ins Homeoffice zur Arbeit. Nach Feierabend wartete bereits das nächste Mannschaftstraining, bei dem wir jeweils bis 22 Uhr auf dem Kunstrasen standen. Ins Bett kam ich an solchen Tagen meist erst kurz vor Mitternacht.

Die Spieler des HC Rotweiss Wettingen (in Rot) bei der Euro Hockey League in Eindhoven. Mit dem ersten Schweizer Sieg in diesem Wettbewerb schrieben sie Landhockeygeschichte – und das als unbezahlte Leistungssportler.Die Spieler des HC Rotweiss Wettingen (in Rot) bei der Euro Hockey League in Eindhoven. Mit dem ersten Schweizer Sieg in diesem Wettbewerb schrieben sie Landhockeygeschichte – und das als unbezahlte Leistungssportler.

Bild: Fredi Waelti

Spitzensport auf eigene Rechnung

Wer nun glaubt, dass nach einigen intensiven Wochen eine längere Pause ansteht, täuscht sich. Bereits am Freitag wartet der nächste nationale Ernstkampf, bevor am letzten Oktoberwochenende eine Doppelrunde auf dem Programm steht. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt also nicht. Und das nicht nur wegen des dicht gedrängten Spielplans.

Denn der Landhockeysport kennt kaum eine längere Saisonpause. Die Vorrunde der Feldmeisterschaft dauert von Anfang September bis Ende Oktober, bevor im November bereits die Hallensaison beginnt. Diese endet normalerweise Ende Januar, kann sich durch die Teilnahme am Europacup aber bis in den Februar ziehen.

Mitte März beginnt dann bereits wieder die Rückrunde auf dem Feld, die bis Mitte Juni dauert. Und wer zusätzlich für die Nationalmannschaft aufläuft, hat auch danach nicht zwingend frei. In diesem Jahr blieben mir nach dem Ende der Meisterschaft gerade einmal fünf Tage, bevor mit dem Nationalteam die Vorbereitung auf die nächsten internationalen Einsätze begann.

Auch in der Halle auf höchstem europäischen Niveau konkurrenzfähig: Mika Conrad im Einsatz an der Hallen-Europameisterschaft in Heidelberg im vergangenen Januar.Auch in der Halle auf höchstem europäischen Niveau konkurrenzfähig: Mika Conrad im Einsatz an der Hallen-Europameisterschaft in Heidelberg im vergangenen Januar.

Bild: Fredi Waelti

Dass bei diesem Trainingspensum kaum Freizeit übrig bleibt, ist die eine Sache. Wobei: Ich verbringe meine Freizeit ja gerne auf dem Hockeyplatz. Dass wir für unseren Spitzensport aber auch noch selbst tief in die Tasche greifen müssen, ist die andere – und wohl weniger erfreuliche – Seite.

Denn in einem Jahr wie diesem kommt einiges zusammen. Mit der Nationalmannschaft nahm ich sowohl in der Halle an einer Europameisterschaft als auch auf dem Feld an einem EM-Qualifikationsturnier teil. Das bedarf logischerweise auch einiger Vorbereitungsturniere und Lehrgänge. Dazu kommen mit dem Verein internationale Einsätze in der Hallen- und Feldsaison. Unter dem Strich summieren sich die Eigenbeteiligungen, Mitgliederbeiträge sowie Lizenz- und Materialkosten auf rund 2500 Franken. Nicht eingerechnet sind dabei Verpflegungskosten, die wir teilweise selbst tragen müssen, sowie Fahrten zu Trainings und Spielen.

Die Schweiz im Vergleich mit den Niederlanden
Gleicher Sport, andere finanzielle Welten

Während Schweizer Landhockeyspieler teilweise mehrere Tausend Franken pro Saison aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, sieht die Realität im Austragungsland der diesjährigen ersten Runde der EHL, den Niederlanden, deutlich anders aus.

Wie gross die finanziellen Unterschiede sind, zeigt eine auf Instagram veröffentlichte Übersicht der Seite «dedataducks» . Basierend auf Branchenkenntnissen und Expertenaussagen werden darin die geschätzten Einkünfte in den beiden höchsten niederländischen Männerligen aufgelistet. Bereits Nachwuchsspieler können demnach bis zu 2200 Euro pro Saison verdienen. Erfahrene Akteure bei den schwächeren Vereinen der höchsten Liga erhalten schätzungsweise zwischen 5000 und 15'000 Euro, bei den Topklubs sind es zwischen 15'000 und 25'000 Euro.

Noch höher fallen die geschätzten Verdienste etablierter Nationalspieler aus. Leistungsträger der führenden Vereine sollen zwischen 30'000 und 50'000 Euro pro Saison erhalten. Absolute Weltklassespieler können gemäss der Übersicht sogar die Marke von 50'000 Euro überschreiten. Ein Spieler der Kategorie «Weltklasse» ist beispielsweise Joep de Mol. Er führte das Heimteam Oranje-Rood bei der diesjährigen EHL-Austragung als Captain aufs Feld.

Ob zu den Lohnbeträgen weitere Leistungen wie vom Verein finanzierte Wohnungen, Fahrzeuge oder die Übernahme von Reise- und Materialkosten hinzukommen, geht aus der Übersicht nicht hervor. Es ist jedoch anzunehmen, dass die meisten Vereine solche Zusatzleistungen selbst oder mithilfe von Sponsoren abdecken.

Die Zahlen verdeutlichen dennoch den finanziellen Unterschied zum Schweizer Landhockey: Während hierzulande selbst erfolgreiche Nationalspieler für ihren Sport bezahlen, bietet die niederländische Spitzenliga zumindest einem Teil ihrer Akteure die Möglichkeit, mit Landhockey Geld zu verdienen – in vielen Fällen sogar davon zu leben. (mco)

Ein Moment für die Ewigkeit

Neben dem finanziellen Aufwand fallen auch jene Momente ins Gewicht, auf die wir wegen des Sports verzichten müssen. Seien es Familienfeste an Feiertagen, Geburtstage, gemütliche Treffen mit Freunden oder Ferien, die wir statt am Strand auf irgendeinem Kunstrasenplatz irgendwo in Europa verbringen.

Doch in Momenten wie jenem in Eindhoven, als wir gemeinsam mit Familien und Freunden einen Meilenstein für das Schweizer Landhockey feiern durften, zahlt sich der ganze Aufwand aus. Bei meiner dritten EHL‑Teilnahme – der insgesamt fünften von Rotweiss – ging für mich mit dem historischen Sieg ein Traum in Erfüllung. Es ist der Lohn für 20 Jahre Landhockey. Für all die Arbeit, die Energie und die Emotionen, die meine Mannschaftskollegen – oder vielmehr: meine Freunde und meine zweite Familie – und ich in diesen Sport investiert haben und weiterhin investieren werden.

Für solche Momente lohnt sich jede Minute und jeder Franken, den wir für unseren Sport aufwenden. Auch wenn uns der Alltag kurz nach der Rückkehr bereits wieder einholt. Der Alltag als Vollzeitbeschäftigte, nicht als Profisportler.

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