Als Michelle Spiess aus Aarau ein Kanti-Austauschjahr in den USA absolvierte, entdeckte sie ihre Begeisterung für Lacrosse. Nun reist sie an die Weltmeisterschaft nach Polen.

Bild: André Albrecht
Schnelle Pässe, harte Zweikämpfe und ein Ball, der am Ende im Netz landen soll: Nein, hier geht es ausnahmsweise nicht um Fussball, sondern um eine ganz andere Sportart, um Lacrosse.
Eine Rarität in der Sportwelt, die viele Schweizerinnen und Schweizer wohl nur aus amerikanischen Filmen und Serien wie «American Pie» oder «Teen Wolf» kennen. In den USA und Kanada hingegen ist Lacrosse längst etabliert: Dort gibt es Profiligen, in Kanada gilt der Sport neben Eishockey sogar als Nationalsport.
Stichwort USA: Hier beginnt auch die Lacrosse-Geschichte von Michelle Spiess, aus Aarau. An der Alten Kantonsschule Aarau entscheidet sich die heute 26-jährige für einen Austauschaufenthalt in den Staaten, landet damals – wir befinden uns im Jahr 2017 – bei einer Gastfamilie im Bundesstaat Utah.
Anders als hierzulande, wo Sportvereine meist unabhängig von der Schule organisiert sind, gehören Jugendliche dort häufig einem Schulteam an. Da sie bei ihrer Ankunft das Auswahltraining des Fussballteams bereits verpasst hatte – zuvor spielte sie seit der Bezirksschule beim FC Rohr –, entscheidet sie sich auf Anregung ihres Gastvaters, das ihr damals noch unbekannte Lacrosse auszuprobieren. Und ist direkt begeistert von dieser Sportart mit dem langen Schläger, Brille – «Goggles» genannt – und Mundschutz. «Beim Lacrosse kann ich den Kopf komplett ausschalten. So vollkommen vertieft bin ich im Alltag sonst bei nicht vielem», sagt sie zu ihrer Leidenschaft.
Von Utah, wo sie fünfmal in der Woche für zwei Stunden trainiert und an den meisten Wochenenden ein Spiel hat, geht es nach zehn Monaten wieder zurück in den Aargau. Von den USA, wo Lacrosse als älteste Teamsportart mit Wurzeln im 17. Jahrhundert gilt, in die Schweiz, in der die Sportart kaum bekannt ist.
Trotzdem startet sie ein Jahr später beim Verein «Olten Saints» mit Lacrosse. Das Team im Solothurnischen ist die nächstgelegene Anlaufstation zu ihrem damaligen Wohnort bei ihrer Familie in Suhr – bevor sie 2024 nach Aarau zieht. Seit sieben Jahren spielt sie nun dort.
Und in diesem Jahr gibt es einen Höhepunkt: Im Juli vertritt sie die Schweiz an der Lacrosse-Weltmeisterschaft in Polen.
Insgesamt zwölf Nationen messen sich zwischen dem 11. und 18. Juli im polnischen Breslau. Spielen wird die Schweiz gegen Norwegen, Mexiko, Polen, Hongkong/China und Italien. Die «grossen» Lacrosse-Nationen wie die USA, Kanada, Grossbritannien und Australien treten in einem separaten Turnier in einer anderen Stärkeklasse gegeneinander an. Nichtsdestotrotz: Es ist eine Chance, sich auf internationaler Bühne zu behaupten.

Bild: ZvG/Swiss Lacrosse
Seit April steht das 20-köpfige Kader fest, der Nominierungsprozess läuft seit letztem Dezember.
Bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft spielt Michelle Spiess als «Middie», wie sie es nennt, also als Mittelfeldspielerin. «Diese ist auf dem ganzen Spielfeld unterwegs. Da läuft man schnell mal acht Kilometer pro Spiel», sagt die Aarauerin. Schnelligkeit, Ausdauer, Spielübersicht und Agilität sind dabei Grundvoraussetzungen.
Woher kommt ihre Faszination für den Sport? «Lacrosse ist extrem vielfältig. Es gibt nicht nur drei verschiedene Diszipline, die alle auf ihre Art speziell sind, er verlangt auch unterschiedlichste Fertigkeiten. Er ist physisch extrem anspruchsvoll, aber auch ein sehr durchdachtes und mentales Spiel.»
Feld: Klassische Variante mit zehn Spielern pro Team, wird mit einem kleinen Hartgummiball und Schläger mit Netz, der zum Fangen, Passen und Tragen des Balls genutzt wird, gespielt. Dauert viermal 15 Minuten. Ziel: mehr Tore als das andere Team zu erzielen. Die Weltmeisterschaft in Polen wird im Feld-Format gespielt.
Sixes: Schnelle und kompakte Version von Feld-Lacrosse. Das Spielfeld ist kleiner, die Spielzeit kürzer und jedes Team besteht nur aus sechs Spielern.
Box: Die Hallenvariante von Lacrosse, welche oft in umgebauten Eishockeyhallen gespielt wird. Erlaubt mehr Körperkontakt und folgt anderen Regeln bezüglich Ausrüstung und Spielablauf.
Wie üblich bei Randsportarten ist die Finanzierung kein Selbstläufer. Von Swiss Olympic gibt es zwar Förderbeiträge – für das Jahr 2026 belaufen sich diese auf 104’000 Franken für Swiss Lacrosse – die Nationalteams sind aber grösstenteils selbsttragend. Sprich: Reise, Unterkunft, Verpflegung, Ausrüstung und Vorbereitung müssen für das bevorstehende Turnier von den Spielerinnen selbst getragen werden. Die Gesamtkosten für den WM-Spass? Rund 3000 Franken pro Spielerin. Mit einem Fundraising wird nun versucht, den finanziellen Aufwand für die Athletinnen zu reduzieren.
Ein happiger Betrag, besonders, wenn man nebenbei noch in der Ausbildung ist. Für Michelle Spiess, die selbst noch ihren Master in Psychologie macht, lohnt sich dieser Aufwand für die gewonnene Erfahrung trotzdem. «Ich freue mich auf die Zeit mit dem Team – gemeinsam auf und neben dem Platz. Alle Spielerinnen sind extrem motiviert, das spürt man. Ich freue mich darauf, zu zeigen, wofür wir gearbeitet haben», meint sie.
Das Ziel? «Go for Gold, oder?», meint Michelle Spiess lachend. Dann aber etwas nüchterner: «Unser Ziel ist es, die Arbeit, die wir in die Vorbereitung gesteckt haben, belohnt zu sehen. Und dabei natürlich die Zeit zu geniessen und die Möglichkeit, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, voll auszukosten.»
Ein Blick auf die vergangenen Resultate des Teams zeigt, dass es sich an grossen Turnieren bisher eher im mittleren und hinteren Rangbereich platziert hat. Am diesjährigen Osterturnier der Europäischen Lacrosse-Föderation in Brüssel sicherten sich die Schweizerinnen jedoch die Silbermedaille und mussten sich nur Südafrika geschlagen geben.
Und langfristig? Für Michelle Spiess ist der Sport noch lange nicht so bekannt, wie er sein sollte. «Natürlich bin ich da voreingenommen», sagt sie. Immerhin: Die Disziplin «Sixes» wird ab 2028 – 120 Jahre nachdem Lacrosse zuletzt Teil der Olympischen Spiele war – wieder ins olympische Programm aufgenommen. Ein erster Schritt, die Sportart auch hier etwas populärer zu machen. Das Interesse sei aber durchaus vorhanden: «Wenn ich mit meinem Schläger unterwegs bin, werde ich ab und zu gefragt, was ich spiele.» Und wer weiss – vielleicht wächst mit dieser Neugier auch die Bekanntheit von Lacrosse in der Schweiz langsam weiter.