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Zu viele Meetings rauben den Fokus

Дата публикации: 03-09-2026 13:56:00

Volle Kalender gelten in vielen Unternehmen als Zeichen von Produktivität. Doch zu viele Besprechungen können Beschäftigte ausbremsen und mental erschöpfen.


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Volle Kalender gelten in vielen Unternehmen als Zeichen von Produktivität. Doch zu viele Besprechungen können Beschäftigte ausbremsen und mental erschöpfen.

Besprechung um 9 Uhr. Abstimmung um 10 Uhr. Jour fixe um 11 Uhr. Projektmeeting nach dem Mittagessen. Danach noch ein „kurzer Call“, der eine Stunde dauert. Viele Beschäftigte verbringen inzwischen mehr Zeit in Meetings als mit ihrer eigentlichen Arbeit. Die Folge ist eine neue Form der Erschöpfung: Zoom-Fatigue – oder allgemeiner: Besprechungsmüdigkeit.

Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. 

Fallbeispiel: „Ich arbeite eigentlich erst, wenn alle anderen Feierabend haben“

Als Sabine M., 42 Jahre alt, Projektmanagerin in einem internationalen Industrieunternehmen, vor fünf Jahren ihre Stelle antrat, liebte sie ihren Beruf. Sie koordinierte Projekte, entwickelte Strategien und arbeitete gerne gemeinsam mit ihrem Team an kreativen Lösungen. Heute sieht ihr Kalender völlig anders aus. Montagmorgen beginnt mit einem einstündigen Teammeeting. Danach folgt eine Projektbesprechung, anschließend ein Abstimmungstermin mit einer anderen Abteilung. Nach dem Mittagessen stehen ein Status-Update, ein Kundenmeeting und ein sogenannter „Alignment Call“ auf dem Programm.

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Dazwischen bleiben höchstens zehn Minuten, bevor bereits die nächste Einladung aufpoppt. Viele dieser Besprechungen hätte sie aus ihrer Sicht gar nicht besuchen müssen. Oft spricht sie kaum ein Wort. Nicht selten werden Inhalte vorgestellt, die genauso gut per E-Mail oder in einem kurzen Protokoll hätten verschickt werden können. Das eigentliche Problem beginnt jedoch erst nach 17 Uhr.

Dann, wenn die meisten Meetings vorbei sind, startet ihre eigentliche Arbeit: Angebote prüfen, Konzepte schreiben, Präsentationen erstellen oder schwierige Entscheidungen vorbereiten. Regelmäßig sitzt sie deshalb bis in den Abend am Schreibtisch. Nicht weil ihre Aufgaben zu umfangreich wären, sondern weil ihr tagsüber schlicht die Zeit fehlt. Sie beschreibt ihren Arbeitsalltag so: „Ich arbeite den ganzen Tag – aber nicht an meiner Arbeit.“ Mittlerweile fühlt sie sich ständig gehetzt. Nach mehreren Stunden Videokonferenzen oder Besprechungen fällt es ihr zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Kreative Aufgaben schiebt sie auf, Entscheidungen dauern länger, und sie reagiert gereizter als früher.

Psychologisch betrachtet befindet sie sich in einer klassischen Erschöpfungsspirale: Hohe Kommunikationslast, permanente Unterbrechungen und fehlende Phasen konzentrierter Arbeit führen zu mentaler Überlastung – obwohl objektiv vielleicht gar nicht mehr gearbeitet wird als früher.

Unser Gehirn ist nicht für Dauerkommunikation gebaut

Viele Unternehmen gehen noch immer davon aus, dass mehr Abstimmung automatisch bessere Zusammenarbeit bedeutet. Aus psychologischer Sicht stimmt das jedoch nur bis zu einem gewissen Punkt. Jede Besprechung verlangt vom Gehirn erhebliche kognitive Leistungen:

  • Aufmerksamkeit aufrechterhalten
  • Gesprächsverläufe verfolgen
  • soziale Signale interpretieren
  • eigene Beiträge planen
  • zwischen unterschiedlichen Themen wechseln
  • Entscheidungen treffen

Besonders Videokonferenzen erhöhen diese Belastung zusätzlich. Der ständige Blick auf den Bildschirm, minimale Verzögerungen bei Sprache und Bild, die eigene Kameradarstellung sowie das Fehlen vieler nonverbaler Signale sorgen dafür, dass unser Gehirn permanent „nacharbeiten“ muss. Die Folge ist mentale Ermüdung.

Der eigentliche Produktivitätskiller heißt Kontextwechsel

Noch gravierender als die reine Besprechungsdauer ist jedoch etwas anderes: der permanente Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben. Die psychologische Forschung spricht von „Task Switching“. Jedes Mal, wenn wir von einer konzentrierten Tätigkeit in ein Meeting wechseln und anschließend wieder zurückkehren, benötigt unser Gehirn Zeit, um erneut in die ursprüngliche Aufgabe einzutauchen. Diese sogenannte Wiederanlaufzeit wird häufig unterschätzt. Schon wenige Unterbrechungen pro Stunde reichen aus, um komplexes Arbeiten erheblich zu erschweren.

Gerade kreative Tätigkeiten, strategisches Denken oder anspruchsvolle Problemlösungen benötigen längere Phasen ungestörter Konzentration. Genau diese verschwinden jedoch zunehmend aus dem Arbeitsalltag.

Meetings vermitteln oft das Gefühl von Produktivität

Ein weiterer psychologischer Mechanismus verstärkt das Problem. Besprechungen erzeugen Aktivität. Kalender sind voll, viele Menschen sprechen miteinander, Entscheidungen scheinen vorbereitet zu werden. Dadurch entsteht leicht der Eindruck hoher Produktivität. Tatsächlich wird jedoch häufig lediglich über Arbeit gesprochen, statt sie zu erledigen.

Dieses Phänomen ähnelt dem sogenannten „Busy Bias“: Menschen bewerten sich und andere oft als besonders leistungsfähig, wenn sie sichtbar beschäftigt wirken – unabhängig davon, ob tatsächlich Ergebnisse entstehen. Ein voller Kalender wird so zum Statussymbol.

Warum niemand Meetings absagt

Eigentlich wissen viele Mitarbeitende, welche Besprechungen wenig Mehrwert bringen. Trotzdem erscheinen sie.

Dafür gibt es mehrere psychologische Gründe: Zum einen möchte niemand wichtige Informationen verpassen („Fear of Missing Out“). Zum anderen gilt Anwesenheit in vielen Unternehmen noch immer als Zeichen von Engagement. Wer Einladungen ablehnt, befürchtet schnell, als wenig teamorientiert oder unkooperativ wahrgenommen zu werden. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Sobald viele Personen eingeladen werden, fühlt sich kaum noch jemand persönlich verantwortlich. Entscheidungen werden vertagt, Verantwortlichkeiten verschwimmen, Diskussionen verlängern sich. Das Ergebnis kennen viele Beschäftigte nur zu gut: Eine Stunde Meeting endet mit dem Satz: „Dann treffen wir uns nächste Woche noch einmal.“

Besonders belastend: die Meeting-Kaskade

Viele Unternehmen planen Besprechungen inzwischen im Halbstundentakt. Was auf dem Kalender effizient aussieht, ist für unser Gehirn problematisch. Zwischen zwei Meetings bleibt oft keine Zeit,

  • Informationen zu verarbeiten,
  • Entscheidungen umzusetzen,
  • E-Mails zu beantworten,
  • konzentriert zu arbeiten
  • oder schlicht einmal tief durchzuatmen.

Die geistige Belastung summiert sich im Laufe des Tages. Viele Beschäftigte erleben deshalb bereits am frühen Nachmittag einen deutlichen Konzentrationseinbruch – nicht wegen körperlicher Anstrengung, sondern wegen permanenter kognitiver Beanspruchung.

Fünf Wege aus der Besprechungsfalle

Unternehmen müssen deshalb nicht weniger kommunizieren – sondern intelligenter.

1. Jede Einladung braucht einen klaren Zweck

Vor jeder Besprechung sollte beantwortet werden können: Welches konkrete Problem wird gelöst? Welche Entscheidung soll am Ende getroffen werden? Fehlt diese Antwort, ist das Meeting meist überflüssig.

2. Nur die Personen einladen, die wirklich benötigt werden

Informationsweitergabe ist kein Grund für eine Teilnahme. Wer lediglich informiert werden soll, erhält anschließend ein kurzes Protokoll oder eine Zusammenfassung. Jede nicht notwendige Einladung spart Arbeitszeit.

3. Fokuszeiten konsequent schützen

Immer mehr erfolgreiche Unternehmen reservieren im Kalender sogenannte Fokusblöcke ohne Meetings. In diesen Zeitfenstern sind Besprechungen grundsätzlich tabu. Erst dadurch entstehen wieder längere Phasen konzentrierter Wissensarbeit.

4. Meetings deutlich kürzer planen

Warum dauern Besprechungen fast automatisch 30 oder 60 Minuten? Oft nur deshalb, weil Kalenderprogramme diese Zeiten voreinstellen. Psychologisch wirkt die verfügbare Zeit wie ein Gummiband: Diskussionen dehnen sich so lange aus, bis die vorgesehene Zeit verbraucht ist. 20 oder 25 Minuten reichen häufig völlig aus.

5. Das Ende zuerst planen

Jedes Meeting sollte mit einer klaren Antwort enden:

  • Welche Entscheidung wurde getroffen?
  • Wer übernimmt welche Aufgabe?
  • Bis wann?
  • Braucht es überhaupt ein Folgemeeting?

Ohne konkrete Ergebnisse war die Besprechung vermutlich keine gute Investition.

Fazit: Weniger Meetings bedeuten oft mehr Zusammenarbeit

Kommunikation bleibt das Herzstück moderner Unternehmen. Doch Kommunikation ist kein Selbstzweck. Wenn Beschäftigte den größten Teil ihres Tages damit verbringen, über Arbeit zu sprechen, bleibt immer weniger Zeit, die eigentliche Arbeit tatsächlich zu erledigen.

Zoom-Fatigue ist deshalb weit mehr als Müdigkeit nach Videokonferenzen. Sie ist Ausdruck einer Arbeitskultur, die Aktivität häufig mit Produktivität verwechselt. Vielleicht sollten Unternehmen deshalb künftig nicht mehr fragen: „Wie viele Meetings hatten wir heute?“ Sondern: „Wie viel Arbeit konnten wir heute tatsächlich erledigen?“

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