Einsatzkräfte in SH erleben vermehrt Respektlosigkeit und Gewalt - eine Kampagne soll jetzt die Wertschätzung stärken.
Stand: 01.10.2026 20:25 Uhr
Beleidigungen, Behinderungen und Gewalt gehören für Einsatzkräfte zum Alltag. Am 1. Oktober startet auch im Kreis Steinburg die Kampagne "Respekt für Retter", die für mehr Wertschätzung sorgen soll.
von Sophie Apelt
Es ist kurz vor 1 Uhr in der Nacht, als ein Pflasterstein auf Kopfhöhe durch die Frontscheibe eines Streifenwagens kracht. Eine 25-jährige Polizistin wird an der Hand und am Sprunggelenk verletzt. Ihr Kollege kommt mit einem Schrecken davon. Der Vorfall im Kieler Stadtteil Mettenhof am 2. Juni wird in die Polizeiliche Kriminalstatistik für dieses Jahr eingehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes.
Pro Jahr mehr als 1.000 Angriffe auf PolizistenAus einem Hochhaus in Kiel-Mettenhof ist im Juni ein Pflasterstein auf einen Streifenwagen geworfen worden.
Seit 2018 werden tätliche Angriffe auf Polizeibeamte in der Kriminalstatistik erfasst. Die Bilanz seitdem: In jedem Jahr gab es in Schleswig-Holstein mehr als 1.000 Angriffe auf Polizeibeamte - mit leicht steigender Tendenz.
Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehren liegen im Vergleich auf einem deutlich niedrigeren Niveau.
Die Kieler Polizei nahm im Rahmen der Ermittlungen Speichelproben von den Bewohnern des Hochhauses - die Abgabe war freiwillig.
Das Landeskriminalamt erklärt den Unterschied unter anderem mit der Art der Konfrontation: Polizeivollzugsbeamtinnen und -beamte werden wesentlich häufiger mit Personen konfrontiert, die sich einer polizeilichen Maßnahme widersetzen. Widerstand und tätlicher Angriff seien deshalb bei der Polizei besonders naheliegende Delikte.
Bei Rettungsdiensten und Feuerwehr entstehe Gewalt dagegen häufiger situativ aus einem konkreten Einsatzgeschehen heraus, so das LKA - etwa dann, wenn eine Einsatzkraft eine Person behandeln, fixieren oder aus einer Situation entfernen müsse.
Rettungsfachkraft: "Nach Situationen differenzieren"Christian Mandel hat Verständnis, wenn Menschen in Ausnahmesituationen emotional reagieren. Aber es gebe Grenzen, mahnt er.
Christian Mandel ist seit mehr als 30 Jahren Notfallsanitäter und Sprecher der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein, kurz RKiSH. Er sagt: Entscheidend sei, je nach Situation zu differenzieren.
Dass Menschen in absoluten Ausnahmesituationen stecken, wenn beispielsweise Angehörige in Gefahr sind, sei verständlich, so Mandel. Auch dass Menschen dann emotionaler reagieren oder ihnen etwas nicht schnell genug gehe, könne er nachvollziehen.
"Unsere Leute sind dazu angehalten, zu deeskalieren, aber es muss sich keiner verhauen lassen." Christian Mandel, Sprecher der Rettungsdienst-Kooperation SHDie Statistik zeigt nur einen Teil des Problems
Die Statistik sei, so ordnet Mandel ein, nur die "Spitze des Eisbergs". Denn erfasst werden dort vor allem Fälle, die strafrechtlich relevant sind - und nur dann, wenn eine Anzeige gestellt wird.
Einsatzkräfte in SH erleben immer wieder Angriffe und Respektlosigkeit - die Kampagne "Respekt für Retter" will dem begegnen.
Einen deutlich größeren Anteil im Alltag machten aber Beleidigungen, Drohungen oder Behinderungen bei Einsätzen aus, die zwar belastend seien, aber eben nicht die Grenze zur Strafbarkeit überschreiten. Dazu gehörten Pöbeleien, kleinere Handgreiflichkeiten sowie ausländerfeindliche oder sexistische Sprüche.
Davon berichten auf Anfrage des NDR Schleswig-Holstein unter anderem das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Johanniter, der Landesfeuerwehrverband, das Technische Hilfswerk und die Gewerkschaft der Polizei.
Es sind Erfahrungen, die sich nur schwer in Zahlen abbilden lassen - aber das Bild wird klar: Der früher vorhandene grundsätzliche Respekt vor Einsatz- und Rettungskräften ist nicht mehr selbstverständlich.
"Man geht keine Einsatzkraft an, das macht man nicht. Schon gar nicht, wenn diese in einem Einsatz gebunden ist, wo es gerade um Leben und Tod geht." Nils Schöning, Kreisfeuerwehrverband Segeberg
Wie schnell eine Situation eskalieren kann, zeigte sich im Juli bei einem Einsatz in Kaltenkirchen im Kreis Segeberg. Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr wurden zu einem medizinischen Notfall in einer Arztpraxis gerufen. Weil eine Drehleiter benötigt wurde, musste die Straße gesperrt werden.
Ein Autofahrer hatte dafür offenbar kein Verständnis und wollte den gesperrten Bereich durchqueren. Nachdem ein Feuerwehrmann ihn auf den laufenden Einsatz hingewiesen hatte, pöbelte der Autofahrer erst und ging den Retter dann sogar körperlich an. Beim Wegfahren brachte der Mann noch weitere Einsatzkräfte in Gefahr.
Einsätze filmen und ins Internet stellen - auch ein ÜbergriffNils Schöning, Sprecher des Kreisfeuerwehrverbands Segeberg, weist außerdem auf ein weiteres Problem hin: Immer häufiger erlebten er und seine Kollegen, dass Einsätze gefilmt und ins Internet gestellt würden. Das sei ebenfalls ein Übergriff. Auch das Technische Hilfswerk in Schleswig-Holstein berichtet von solchen Erfahrungen. Sven Neumann von der Gewerkschaft der Polizei fordert deshalb eine Klarnamenpflicht in den sozialen Medien.
Besonders heikel ist die Situation nach Einschätzung des Landesfeuerwehrverbands, wenn Menschen stark alkoholisiert sind. Dann steige das Risiko für Respektlosigkeit, Aggression und Gewalt - gerade in der Silvesternacht.
Deeskalationstraining für EinsatzkräfteFür Polizeibeamte, Rettungskräfte und Feuerwehren gibt es je nach Organisation unterschiedliche Trainings und Unterstützungsangebote. Dazu gehören psychosoziale Beratung, Einsatznachsorge und Deeskalationstrainings. Ein weiterer Bereich ist die Prävention. Dazu gehören auch Kampagnen wie "Respekt für Retter", die am 1. Oktober im Kreis Steinburg startet.
Nach Ostholstein, Stormarn, Lübeck und Pinneberg ist Steinburg der fünfte Kreis, der mit der Kampagne für mehr Anerkennung und Wertschätzung gegenüber Einsatzkräften werben will.
Steinburgs Kreispräsident Peter Labendowicz sieht ein größeres Problem in der gesamten Bevölkerung.
"Ich weiß nicht, was in unserer Gesellschaft da vorgegangen ist, aber irgendwas ist da passiert, dass die Leute nicht mehr darüber nachdenken, was diese Retterinnen und Retter, Helferinnen und Helfer tun." Peter Labendowicz, Kreispräsident Steinburg
Von der Kampagne "Respekt für Retter" erhofft er sich, dass die Menschen hinsehen, kurz innehalten und die Botschaften verinnerlichen.
Sie werden beschimpft, bespuckt und geschlagen: Rettungskräfte am Einsatzort. Der Respekt gegenüber ihrer wertvollen Arbeit nimmt ab, und sie werden teilweise selbst zu Opfern.
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