Soul im Kellergewölbe, Rave in der Betonhalle und Horror im Nebenraum: So klang der Konzertauftakt des Pop-Kultur Festivals in Berlin.
Konzert Pop-Kultur Festival startet in Berlin Rave, Rock und Horror zum Auftakt
Von Kai Salander
Die ersten beiden Tage des zwölften Pop-Kultur Festivals in Berlin gehörten vor allem Podiumsgesprächen im Silent Green im Wedding. Am Dienstag liefen daneben bereits erste Live-Auftritte im Sinema Transtopia und bei Panke Culture. Nun rücken die Konzerte in den Mittelpunkt. Den Anfang machte am Mittwochabend Ray Lozano im Silent Green.
Ihre warme Soulstimme schallt durch das Kellergewölbe. In der Betonhalle spielt Ray Lozano das erste Konzert des Abends, ein Besucher lobt die gute Akustik. Die Kölnerin legt ihre seidige Stimme auf E-Piano und Hip-Hop-Beats, hin und wieder mischen sich dissonante Synthesizer-Töne in den Sound - kleine Brüche in der wohlig gebügelten Klangoase. Es sind Songs, die zum Träumen einladen. Zwischen den Nummern spricht sie wenig, kündigt Titel an und sagt kurze Sätze zum Inhalt: Das sei ein Song über Dämonen, die um die Ecke kommen. Danach geht es sofort weiter, kopfüber zurück in den Soul. Das Publikum traumtänzelt auf der Stelle.
Ähnlich ruhig geht es draußen zu. Auf dem Rasen zwischen den weißen Pavillons haben es sich die Festivalgänger in Liegestühlen bequem gemacht, entspannt wie in einem Kurort. Fast lässt sich hier vergessen, dass gleich um die Ecke die nächste wuchtige Bassdrum wartet.
Ray Lozano (Quelle: Pop-Kultur Festival Berlin)
In der Kuppelhalle erlischt das Licht. Eine einzige verzerrte Note macht die Menge neugierig. Die Gäste haben sich rings um die Rundbühne mitten im Saal versammelt, darauf Synthesizer und ein Sampler. Die Bandmitglieder kommen nacheinander dazu, alle in Schwarz, ob Kleid oder Anzug. Keine Bühnenoutfits, die Aufmerksamkeit wollen - hier zählt jeder Beat, jeder Akkord, jede Bassnote, alles möglichst präzise. Das Besondere: Diese Band existiert nur an diesem einen Abend. Danach gibt es keine Platte, kein Wiedersehen, kein Nachhören. "Before it's over" heißt das Projekt, eine Auftragsarbeit des Festivals, entwickelt von Fee Aviv Dubois, Ralph Heidel, Izzy Ment, Shanice Ruby Bennett und Andi Haberl, dem Schlagzeuger von The Notwist.
Eine Gitarristin spielt nicht enden wollende Riffs, das erinnert an die Weite vieler Krautrock-Stücke. Dazu ein Saxofon, das schön-traurig klingt, irgendwo zwischen Abschiedshymne und Sonnenuntergang über dem Tempelhofer Feld. Der Schlagzeuger legt lässige Jazz-Beats darunter. Wer zur Kuppeldecke blickt, sieht wie durch einen Wald in den Nachthimmel, zwischen Ästen und Wolken stehen Sterne. Passend zur Musik verdunkelt sich der Himmel auch mal, etwa als nur das Saxofon bedrohlich aufspielt, mit einem Hallraum so groß wie in einer Kathedrale. Danach kurze Stille - niemand rührt sich, auch die Band nicht.
Im Publikum stehen auch viele Akteurinnen und Akteure der Musikbranche. Das heißt: mehr hinhören, Songs und Bands analysieren, weniger Hedonismus als bei anderen Festivals, bei denen die Feierfreude im Vordergrund steht. Dadurch bekommen einige Auftritte einen dezenten Highbrow-Faktor. Manche Besucher blicken kritisch prüfend, als legten sie jede Note auf die Waagschale. Für die Bands ist dieses Publikum deshalb auch eine große Chance: Sie stehen hier mitten auf dem Präsentierteller für Booker und Labels.
Gleich darauf gibt es in der Betonhalle ein Wiedersehen - zumindest für regelmäßige Clubgänger. Auf der Bühne steht Avalon Emerson. Als DJ tourt sie regelmäßig um den Globus. Während die 37-Jährige Flächen am Synthesizer spielt, singt sie dazu. Auf ihrer hohen Stimme liegen Effekte, die nach einem vorbeifliegenden Jet klingen. Dann donnert eine Bassdrum aus den Boxen, mit einer Wucht wie nachts im Club: sauber produziert, mit viel Druck. Die US-Amerikanerin kennt diesen Bassdruck - sie zog 2013 nach Berlin und erspielte sich eine Berghain-Residency.
Ein paar hundert Menschen lassen sich hier in den Sound fallen, ein Konzert mit Rave-Charakter, sehr viel Energie in Synthie-Effekten und stampfenden Beats. Ihre Band begleitet Avalon Emerson an Gitarre und Bass, die Beats kommen aus einer Drummachine. Durch Bühnennebel und Stroboskoplicht sind schemenhaft Naturbilder auf dem Bildschirm dahinter zu erkennen: ein Sonnenuntergang, dann wieder ein Waldspaziergang. Zwischen zwei Nummern folgt ein Liebesgeständnis an Berlin. Sie habe hier viele Freunde und freue sich sehr, wieder in der Stadt zu sein, betont Avalon Emerson mit breitem Grinsen.
Avalon Emerson (Quelle: Pop-Kultur Festival Berlin)
Eines der Highlights ist für viele das Konzert von Bar Italia am späteren Abend, ebenfalls in der Betonhalle. Frontfrau Nina Cristante trägt Minirock, schwarzes Top und High Heels, der Ventilator verweht ihre langen braunen Haare. Dazu schwingt sie lässig den Schellenkranz. Nur ist ihr Mikrofon an diesem Abend viel zu leise eingestellt, der Gesang ihrer Bandkollegen klingt deutlich lauter. Egal: Sie hebt die Arme über den Kopf, kreist mit ausgestrecktem Arm, verliert sich ganz im Rock-Sound - und das Publikum schunkelt mit.
Es ist die klassische Bandformation: Rhythmus- und Leadgitarre, Bass und Schlagzeug, schnörkelloser Rock. Auffallend ist, mit welcher Leichtigkeit die Band diese Power auf die Bühne bringt und wie groß die Dynamik ist - vom preschenden Schlagzeug und kräftigen Riffs bis zu den ruhigen Passagen, in denen Cristante mit hauchzarter Stimme singt und verträumt ins Publikum blickt. Mal singt Cristante, mal einer der Gitarristen. Eine eingespielte Truppe, die daheim längst auf den großen Bühnen angekommen ist: Im März hat das Londoner Trio das Roundhouse bespielt, sein bis dahin größtes eigenes Konzert.
Von Dämonen, die einfach so um die Ecke kommen, hat am frühen Abend schon Ray Lozano gesungen. In einem Raum neben dem Eingang zur Betonhalle nehmen VÍZ (Réka Csiszér) und Tekla Valy das offenbar wörtlich. Ihre Arbeit "I will not disappear in your fears" verwandelt das Transmediale Studio in eine düstere Installation. Der Raum ist wie ein Wohnzimmer möbliert: Teppich, Stehlampe, alles in grünes Licht getaucht. Darin kauert eine Frau in schwarzem Leder und hohen Stiefeln, die langen hellen Haare fallen ihr komplett über das Gesicht, sie spricht in Zungen. Unter die Wörter mischt sich ein Rauschen. Neben ihr stapeln sich drei Röhrenfernseher. Darauf: zwei Frauen in bodenlangen schwarzen Kleidern auf einem Hof, ein mit Kreide gezogener Kreis voller Zeichen auf dem Asphalt, ein riesiges Auge, dazwischen flimmernde Störmuster in Rot und Grün. Eine Szene zwischen Okkultismus und Horror.
Im Nebenraum steht plötzlich eine Frau in einem roten Kleid auf einem runden Podest. Mit weit aufgerissenen Augen blickt sie ins Leere, geht schließlich zu einer Reihe von Effektgeräten, die ihren sakralen Gesang verzerren und in Endlosschleife wiederholen. Auf dem Bildschirm hinter ihr laufen Szenen wie aus einem Horrorfilm - in den Hauptrollen die Performerinnen. Im Video gehen sie durch einen dunklen Wald, mal stehen sie hinter Bäumen und blicken stumm in die Kamera. Auf dem Höhepunkt des Schreckens werfen sich drei Frauen einen abgetrennten Kopf hin und her wie einen Ball. Die Arbeit ist ebenfalls eigens für das Festival entstanden, gespeist aus széklerisch-ungarischer und finnischer Folklore sowie aus dem Horrorkino. Ein dunkler Nebenschauplatz, der das Publikum packt, weil die Szenen im Raum und auf den Bildschirmen perfekt aufeinander abgestimmt sind. Horror-Ästhetik, verstörende Posen, Sound und Kostüme wirken bis ins Detail ausgefeilt.
Das Festival läuft noch bis Sonntag. Am Donnerstag geht es im Festsaal Kreuzberg weiter, am Freitag und Samstag bildet die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg das Herzstück des Live-Programms. Den Abschluss macht am Sonntag die isländische Band múm im Pierre-Boulez-Saal in Mitte.
Sendung: rbb24 Inforadio, 27.08.2026, 7:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 27.08.2026, Kai Salander
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