André Eisele hat Flugzeuge auf der ganzen Welt gestaltet. Seine Karriere begann in Schorndorf – und führte ihn bis zu den größten Airlines. Von Yvonne Weirauch
Stand: 17.09.2026, 18:00 Uhr

André Eisele hat Flugzeuge auf der ganzen Welt gestaltet. Seine Karriere begann in Schorndorf – und führte ihn bis zu den größten Airlines. Von Yvonne Weirauch
Lorch. Es gibt Künstler, von denen es weltweit nur wenige gibt. André Eisele gehört dazu. Der Schorndorfer gilt als der erfahrenste XXL-Airbrush-Künstler. Sein Name ist in der internationalen Luftfahrt bekannt, sein Unternehmen „Aircraftstyle“ auf Gestaltung und Lackierung von Flugzeugen spezialisiert. Eisele ist der künstlerische Kopf, seine vier Kinder Maximilian, Charles, Alex und Lisa gehören zum Team und unterstützen ihn, wann immer es möglich oder erforderlich ist.
Wenn ein Flugzeug zur riesigen Leinwand wirdWas André Eisele macht, ist kaum vorstellbar: Er malt Bilder jeder Größe, in nahezu jedem Stil, mit unterschiedlichen Technologien auf verschiedenste Oberflächen – künstlerisch wie technisch. Eine 2000 Quadratmeter große Filmkulisse gehört ebenso dazu wie Pop-Art im Stil von Peter Phillips.
Für Eisele scheint kaum eine Aufgabe zu groß oder kompliziert. Mit seiner Airbrush-Technik verwandelt er Flugzeuge in Kunstwerke. „Aircraftstyle“ entwickelt gemeinsam mit Kunden zunächst das Design. Dreidimensionale Machbarkeitsstudien simulieren, wie ein Flugzeug später aussehen wird.
Erst nach der Freigabe durch alle Entscheidungsinstanzen beginnt die Arbeit am Original: Die Grafiken werden mit speziellen Techniken auf den Flugzeugrumpf übertragen.
Eine Karriere zwischen Kunst, Flugzeugen und Schorndorf
Die Geschichten, die André Eisele aus einem halben Jahrhundert als Künstler erzählen kann, würden problemlos mehrere Bücher füllen. Es sind Geschichten von Menschen, Flugzeugen, Kunst und Leidenschaft – und von seiner ungewöhnlich engen Verbindung zu Schorndorf trotz weltweiter Karriere.
Sein Weg als Künstler zeichnete sich früh ab. André Eisele wurde im Gebäude am Unteren Marktplatz 21, im ehemaligen Geschäft Blumen Walter, geboren. Er ist der Sohn der Schorndorfer Ausnahmekünstlerin Dorothea Adam (1935 – 2023) und des Bildhauers Karl-Heinz Eisele (1934 – 2025). Die Familie blickt inzwischen auf vier Generationen künstlerischer Tätigkeit zurück.
Sein Großvater Eugen Adam war Meistergraveur, dessen drei Töchter waren malerisch und musikalisch hochbegabt. Eiseles Karl-Heinz war ein aufstrebender Bildhauer; bis zu seinem 35. Lebensjahr schien ihm eine große Laufbahn bevorzustehen, dann beendete ein Hirnschlag seine Karriere. „Bei ihm habe ich die Bildhauerei erlernt und 1977 die Gesellenprüfung abgelegt“, erzählt Eisele.
Von der Pop-Art zur internationalen KarriereMit fünf Jahren besuchte er mit seinen Eltern erstmals eine „Biennale“, mit zwölf stellte er eigene Pop-Art-Bilder aus. Andy Warhol faszinierte ihn schon als Kind. Dass er einmal international gefragt sein würde, war damals nicht abzusehen. In der Schule sei er, sagt er rückblickend, „nicht die hellste Kerze“ gewesen. Dafür waren sein kreativer Kopf und seine Begeisterung für Flugzeuge früh erkennbar.
Sein erstes eigenes Geld verdiente er gemeinsam mit seiner Mutter. Für die Firma Schock entwarfen sie Grafiken, Glasdekore und Ornamente für Badezimmerfliesen. Dorothea Adam prägte ihn nachhaltig. Eisele nennt sie „eine der größten Kunstkopistinnen aller Zeiten, zumindest in Europa eine der Besten – ein richtiger Knaller, die absolute Ober-Koryphäe“. Besonders beeindruckten ihn ihre Zielstrebigkeit und ihr Durchhaltevermögen. Von ihr lernte er sein bis heute wichtiges Motto: „Warum nur gut, wenn besser möglich ist?“
Mit 23 Jahren verließ Eisele Schorndorf und zog hinaus in die Welt. Zunächst verdiente er in Europa mit XXL-Großflächenmalereien für Schausteller sein Geld und übertrug dabei die Airbrush-Technik auf die Großflächenmalerei. Er arbeitete als Art Director im „Phantasialand“ in Brühl und malte Kulissen in den Filmstudios Babelsberg. Später fertigte er Pop-Art-Bilder für den gesundheitlich angeschlagenen britischen Künstler Peter Phillips, der in den 1960er-Jahren mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein und James Rosenquist ausgestellt hatte.
Von Europa bis China: Eiseles Arbeitsradius wächstEiseles Arbeitsradius wuchs: von Irland bis in die Slowakei, von Estland bis Spanien, von Frankreich bis Russland. Einsätze führten ihn in die USA, Kalifornien und Texas, Brasilien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Südafrika und China. Länger lebte er in Schorndorf, Bochum, Willebadessen, Helmstedt, London und Heinsberg.
Seine Heimat fand er schließlich in Schlesien durch die Liebe zu Gabriela, die er 1995 heiratete und mit der er vier Kinder großzog. Gerne kommt er nach Schorndorf – meistens mit dem Motorrad. Auch hier hat er ein Domizil: „Ich bin gerne hier, genieße die Landschaft und die schwäbische Küche“, sagt er.

Genauso gerne fährt er aber wieder nach Schlesien. Nun wird André Eisele bald 70 – Anlass für einen Rückblick auf seinen Weg zum Flugzeugkünstler der größten Airlines der Welt.
Ein Flugzeug ist für Eisele eine riesige RöhreDie Erzählung beginnt mit einem simplen Vergleich: Ein Flugzeug sei im Grunde eine riesige Röhre. Bei einem großen Verkehrsflugzeug beträgt der Durchmesser rund sechs Meter. Eine Boeing 777-300ER ist über 70 Meter lang und etwas mehr als sechs Meter dick. „Da hat man ganz locker 1400 Quadratmeter zu bearbeiten.“ Für eine 2000 Quadratmeter große Filmkulisse hatte Eisele drei Wochen Zeit, für einen „Widebody“ maximal fünf, mit Glück sechs Tage.
Danach muss die Maschine aus der Halle, denn ein Flugzeug kostet während eines solchen Aufenthalts mehr als eine Viertelmillion Euro pro Tag. „Bräuchte ich zwei Tage länger, hätte ich ein richtiges Problem – ich unterschreibe Verträge mit sechsstelligen Konventionalstrafen.“
Wenn im Hangar die Uhr läuft
Trotz dieses enormen Zeitdrucks ist es gerade das Gefühl, das sich bei Eisele entfaltet, wenn er einen solchen Auftrag beginnt: „Wenn ich einen Hangar betrete und den Riesenvogel einfarbig lackiert vor mir sehe – das ist schon ein Granaten-Moment.“ Das Anschleifen und Waschen übernimmt die Lackiererei.
Auch die gesamte Vorarbeit und die abschließende Versiegelung mit Klarlack gehören nicht zu Eiseles Aufgaben. Sobald Eisele den Hangar betritt, läuft die Uhr. „Natürlich habe ich eine super Truppe. Wenn sie Zeit haben, sind alle meine vier Kids am Start.“ Sie waren bereits mit ihm weltweit unterwegs – von Brasilien bis Uljanowsk, von East Midlands bis China.
Der eigentliche Auftrag beginnt früher: Im Kundengespräch werden Wünsche anhand erster Skizzen konkretisiert. Eisele erstellt daraus 3D-Entwürfe und Animationen, in denen der Kunde sein Flugzeug später in Originalgröße sehen kann. Dann kommen die „Entscheider“: „Das geht durch die Gremien, denn jeder hat da irgendetwas zu sagen.“ Eisele modifiziert die Grafiken, bis das Projekt endgültig abgesegnet ist.
Qatar Airways stellt höchste AnsprücheEin besonders anspruchsvoller Kunde sei Qatar Airways. Für die von Eisele als „weltweit die absolute Top-Airline“ bezeichnete Airline fertigt er seit 15 Jahren sämtliche Sonderlackierungen. Der Qualitätsanspruch sei „jenseits von Gut und Böse“: „Ich kenne keine Airline, die diesen Anspruch auch nur ansatzweise toppt.“
Eisele beschreibt sich als „verdammt schnelle Malmaschine“. Seit 50 Jahren macht er diese Arbeit, eine Mischung aus Routine und Talent. „Jeden Abend, wenn ich aus dem Hangar gehe, sehe ich den Fortschritt und habe die nächsten Schritte für den nächsten Tag schon im Kopf.“ Schnelligkeit ist auch organisatorisch nötig. Da gleichzeitig beide Rumpfseiten bearbeitet werden, brauche es einen exakt abgestimmten Rhythmus. Hinzu komme das Lackmaterial, das den Zeitplan mitbestimme.
Flugzeuglack muss extreme Temperaturen aushaltenDer Lack besitzt eine sogenannte offene Zeit, also eine maximale Verarbeitungszeit von zwei Stunden. Danach härtet es in der Spritzpistole aus und das Werkzeug ist unbrauchbar. „Flugzeuglack ist dermaßen brutal hart, weil er in zehn Kilometern Höhe minus 40 Grad aushalten muss.“ Doch nicht nur extreme Kälte gehört zu den Anforderungen.
Am Boden müssen die Lackierungen ebenso mit enormer Hitze klarkommen. In Dubai herrschen auf der Piste rund 60 Grad, auf der sonnenbeschienenen Oberfläche sogar 80 oder 90 Grad. „Da kannst du locker auf dem Flugzeug kochen. Deshalb ist das Lackmaterial so heftig.“ Für Eisele ist das ein „komplex organisierter Arbeitseinsatz, der keine Zeit lässt zum Herumspielen oder Ausprobieren“. „Es ist auch jedes Mal eine richtig große Show.“ Wann immer er ein Flugzeug bemalt, sind Filmteams dabei. Die Airlines wollen das Making-of anschließend für ihre Werbung nutzen.
Zwei Herzen in neun StundenKein Auftrag gleicht dem anderen. Eine Ausnahme sei das „Sunny Heart“, das Logo von Thomas Cook, gewesen. Eisele lackierte rund 14 Exemplare beziehungsweise 28 Herzen, weil eine Heckflosse zwei Seiten hat. Für das erste Sunny Heart in Ostrava vor rund 16 Jahren brauchte er drei Tage. „Zum Schluss habe ich beide Herzen in neun Stunden gemacht.“ Zwei Herzen in neun Stunden – nach seiner Darstellung hatte das weltweit niemand zuvor geschafft. Unter Insidern erhielt er den Spitznamen „The German Paint Machine“.
Das Tigerface auf der Boeing 747Sein spannendstes Objekt ist für Eisele ein XXL-Tigergesicht auf der Nase einer Boeing 747. Seine Söhne Max und Charles waren bei diesem Projekt dabei. Im Vertrag standen fünf Arbeitstage. Dann kündigte sich überraschend Airbus bei der Lackierfirma in Rom an. Der CEO wollte nicht, dass Eisele der Airbus-Delegation im Hangar begegnete.
Der erste Arbeitstag fiel aus, die Deadline blieb bestehen. Eisele und seine Söhne mussten während der Inspektion draußen bleiben. Airbus prüfte die Firma für künftige Aufträge. „Das kriegen wir trotzdem hin“, war sich Eisele sicher. Weiteres Problem: Ein Mitarbeiter riss mit der linken, hängenden Arbeitsplattform ein faustgroßes Loch in den hinteren Stabilizer des Jumbo-Jets. Zusätzlich fiel eine Plattform wegen eines Steuerungsfehlers aus; aus fünf Tagen wurden dreieinhalb.
„Wir haben es aber trotz aller Widrigkeiten geschafft!“ Das Tigerface auf der Boeing 747, gemalt in Rom, bezeichnet Eisele als „etwas richtig Herausragendes“.
Von Putin bis Disney: außergewöhnliche AufträgeDas zweite Tiergesicht ging schneller: Ein Jahr später gestaltete Eisele in Uljanowsk eine Boeing 777 mit Leopardengesicht – für Wladimir Putin. Dessen Freund sei Tierschützer gewesen, und Putin habe ihm die gesamte Maschine geschenkt.
Weitere Projekte waren ein mit Sohn Max für Disney in Fort Worth, Texas gestalteter Flieger; kurz darauf ein Bombardier Global 6000. Dafür hatte Eisele ungewöhnlich viel Zeit: drei Wochen. Es war ein Privatjet. Dem Kunden war die Fertigstellung um Tage egal. Der Hangar kostete rund 10.000 Euro täglich, spielte aber ebenso keine entscheidende Rolle.
Flugzeuge als fliegende WerbungEisele versteht seine Arbeit nicht nur als Kunst, sondern auch als außergewöhnlich wirkungsvolle Werbung für Airlines und Marken: „Ich mache unheimlich gute Werbung für die Airlines.“ Ein Beispiel ist der Airbus A320 OO-SNE von Brussels Airlines. Als sechste „Belgian Icon“ ist er dem flämischen Maler Pieter Bruegel dem Älteren gewidmet. Auch dieser Auftrag war für Eisele besonders.
Brussels Airlines gab ihm den Entwurf eines „ziemlich durchgeknallten Künstlers“, den er flugzeugtauglich machen sollte. Ausschnitte aus Bruegels Gemälden wurden im Stil des Malers zu einer riesigen Collage komponiert und mit einem Vergrößerungsfaktor von zehn auf das Flugzeug übertragen. Wieder musste alles in Rekordzeit geschehen. „Vom künstlerischen Aspekt her war das eine echte Herausforderung.“
Vier Kinder gehören inzwischen zum TeamWie viele Flugzeuge er allein für Qatar Airways gestaltet hat, weiß er selbst nicht mehr. Bei Brussels Airlines stammt die gesamte Flotte aus seiner Arbeit. Für Disney gestaltete er zwei Maschinen: eine zur „Eiskönigin“, eine zu „Toy Story“. Was bleibt einem Künstler, der nahezu jede Dimension und Oberfläche bemalt hat, als Wunsch? André Eisele antwortet: „Einen richtig großen Staudamm würde ich gern einmal machen, eine megagroße Staudamm-Wand.“ Vielleicht wird das Wirklichkeit – möglicherweise nicht mehr durch ihn selbst: „Das wird wohl irgendwann mein Junge machen.“
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