Die Umweltgruppe Guter Grund beschäftigt sich mit Landwirtschaft und kämpft gemeinsam mit Bürgerinitiativen gegen Konzerne, die Grundwasser ausbeuten.
Guter-Grund-Aktivistin Leonie Ehlerding beklebt Wasserflaschen bei Aldi mit Infos darüber, wie der Hersteller zur Wasserkrise beiträgt.
Foto: Jonas Gehring
Rote Rosen und eine Grabkerze legen vier Aktivist*innen auf einem Stapel in Plastikfolie eingeschweißter Wasserflaschen der Marke Quellbrunn ab. Drei von ihnen halten ein Schild hoch mit der Aufschrift »Wir trauern um Wasser – Konzerne machen Profit«. Die vierte, Leonie Ehlerding, hält die »Trauerrede« auf das Grundwasser, dem unter anderem durch die Getränkemarken Red Bull, Adelholzener und Quellbrunn der Todesstoß versetzt werde: »Während wir Bürger*innen Wasser sparen sollen, können Konzerne immer weiter ungehindert unsere Lebensgrundlage abpumpen und damit auch noch richtig Geld verdienen.«
Aldi Nord zahlt 0,01 Cent pro Liter Wasser. Verkauft wird die 1,5-Liter-Flasche der Eigenmarke Quellbrunn für 29 Cent, umgerechnet also fast das 2000-Fache. An die »Trauergemeinde«, von der an diesem Mittwochnachmittag bei Aldi in der Neuköllner Karl-Marx-Straße allerdings nicht viel zu sehen ist, appelliert Ehlerding: »Von Trauer zu Wut zu Widerstand: Wir sind Guter Grund und lassen aus gutem Grund nicht zu, dass unsere Lebensgrundlage verscherbelt wird.«
Erst als die vier zu singen beginnen, eine umgedichtete Version des Anti-Kriegs-Liedes »Sag mir, wo die Blumen sind«, geht ein Mitarbeiter dazwischen, den jedoch vor allem die Video-Aufnahmen der Aktion stören. Zu Ende singen dürfen sie. »Sag mir, wo das Wasser ist. Wo ist es geblieben?«, trällern die schwarz gekleideten Aktivist*innen. Dann nehmen sie ihre Blumen und die Kerze und verlassen den Discounter.
Es ist der dritte Supermarkt-Aktionstag der Umweltgruppe Guter Grund. Die Idee bei der Gründung vor zwei Jahren: weg von der Beschäftigung mit der globalen, oft unüberwindbar erscheinenden Klimakrise, hin zum Lokalen, zur persönlichen Betroffenheit. Da landet man schnell beim Thema Landwirtschaft. Die ist, wenn es um Klima und Biodiversität geht, »Opfer und Täter zugleich«, sagt Ehlerding zu »nd«. Gerade erst hat der Deutsche Bauernverband bekannt gegeben, dass die Ernten in diesem Jahr aufgrund von Hitze und Trockenheit in vielen Teilen Deutschlands weit unter dem Durchschnitt liegen.
Gleichzeitig hat vor allem die konventionelle Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie den Anbau in Monokulturen extrem negative Auswirkungen auf die ökologische Vielfalt. Wie die Landwirtschaft zum Gamechanger werden kann, wollen die knapp 100 Guter-Grund-Aktivist*innen aus ganz Deutschland selbst erfahren und arbeiten dafür regelmäßig auf Bauernhöfen mit, auch um Brücken zu schlagen: Oft entstehe in der Branche das Gefühl, Klimaaktivist*innen wären gegen sie, sagt Ehlerding. Dabei verdiene die harte Arbeit von Bäuer*innen und die Produktion von Lebensmitteln höchste Wertschätzung.
»Wir lassen aus gutem Grund nicht zu, dass unsere Lebensgrundlage verscherbelt wird.«
Leonie Ehlerding Guter Grund
Neben den Protesten und Hofeinsätzen gehört Organizing zu den »drei Säulen« des Aktivismus von Guter Grund. Gemeint ist die Politisierung durch lokale Herausforderungen und Probleme, wie sie häufig in Form von Bürgerinitiativen geschieht. Guter Grund schließt sich unterschiedlichen Initiativen an: so zum Beispiel der Wassergruppe im bayerischen Treuchtlingen. Dort füllt das Aldi-Tochterunternehmen Altmühltaler Mineralbrunnen GmbH das Wasser für Quellbrunn ab.
Lange Zeit hat der Konzern bis zu 250 000 Kubikmeter Tiefengrundwasser jährlich umsonst abgepumpt. Erst seit Juli gibt es in Bayern ein Wasserentnahmeentgeld – von 10 Cent pro Kubikmeter Trinkwasser. Derweil zahlten die Bürger*innen 3,30 Euro pro Kubikmeter, und die Kommune selbst sei hoch verschuldet. »Eine Ungerechtigkeit«, findet Ehlerding.
Die 25-Jährige, die in Potsdam Geoökologie studiert, ist seit einem Jahr bei Guter Grund aktiv, schätzt den Kontakt mit den Bürger*innen vor Ort und mit der kommunalen Politik. Die Angst vor der Wasserknappheit verbinde die Menschen »und spaltet nicht so sehr wie Klima«, so ihre Erfahrung. Sie selbst habe in ihrem Erasmus-Semester in Südspanien Dürre erlebt und blickt mit großer Sorge auf die zunehmende Austrocknung Brandenburgs.
Außerdem unterstützt Guter Grund eine Bürgerinitiative im bayerischen Bergen, die der Adelholzener Alpenquellen GmbH vorwirft, zum Rückgang der Grundwasserneubildung beizutragen, und eine weitere im brandenburgischen Baruth, wo jährlich rund 2,35 Millionen Kubikmeter Wasser der sogenannten Urstromquelle zur Herstellung des Energydrinks Red Bull entnommen werden. Grundlage seien zum Teil geheime Verträge und veraltete Gutachten.
Diese drei Getränkemarken – Quellbrunn, Adelholzener und Red Bull – nimmt Guter Grund nun im Rahmen der Kampagne »Wassernotruf« ins Visier und führt in Supermärkten verschiedene kreative Aktionen durch: mal im Bademantel, mal in Trauerkleidung. An diesem Mittwoch geht es noch zu einem zweiten Aldi, wo die vier Aktivist*innen etwas weiter gehen: Statt Blumen und Kerze ziehen sie nun Plakate und Sticker aus ihren Taschen und kleben diese auf Flaschen und über Preisschilder. »Einfach Wasser abgraben. Mehr Dürre« steht auf einem Plakat, »Redbull verscherbelt dein Wasser. Eiskalt« auf einem der Aufkleber.
»Genau genommen werten wir die Produkte damit auf, weil unsere Sticker teurer waren als das Wasser«, sagt Ehlerding. Dann spannt sie noch rot-weißes Flatterband zwischen den Wasserstapeln und legt Flyer darauf aus, auf denen die Forderungen von Guter Grund stehen: Industrielle Wasserentnahme müsse fair bepreist werden, Genehmigungen sollten nur anhand aktueller und unabhängiger Gutachten erfolgen und sämtliche Verträge der Getränkekonzerne offengelegt werden. Einige Kund*innen wundern sich über die Aktion, manche lassen sich gerne aufklären.
Von den Mitarbeitenden bekommt diesmal niemand etwas mit, also beschließen die Aktivist*innen, nicht noch einmal zu singen, kein weiteres Aufsehen zu erregen und schnell zu verschwinden, sodass ihr Infomaterial möglichst lange kleben und liegen bleibt. »Super entspannt« fand einer der vier, Jonas Graf, die beiden Aldi-Besuche. Bei anderen Aktionen seien sie schon sehr früh rausgeworfen worden, einmal seien sogar Aktivist*innen festgenommen worden. Dafür konnten sie diesmal nicht mit allzu vielen Kund*innen ins Gespräch kommen. Aber Guter Grund wird weiter protestieren, um auf die Wasserkrise aufmerksam zu machen.
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