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Mobilitätswende | Berlin: Kampf um den bedrohten Radweg auf der Kantstraße

Дата публикации: 25-08-2026 14:20:00

Jeden Montag demonstriert der ADFC mit einer Fahrraddemo gegen die Pläne des Senats, Radverkehr und Busspur zusammenzulegen. Nun könnte es ernst werden.

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Montagabend wird die ganze Kantstraße zum Radweg – aus Protest gegen den drohenden Rückbau der Fahrradspur.

Montagabend wird die ganze Kantstraße zum Radweg – aus Protest gegen den drohenden Rückbau der Fahrradspur.

Foto: nd/Louisa Theresa Braun

Immer mehr Fahrradfahrende stoßen an diesem Montagabend auf den Savignyplatz in Charlottenburg, der von der Abendsonne in warmes Licht getaucht wird. Seit fast zwei Jahren treffen sie sich hier regelmäßig, anfangs einmal im Monat, zuletzt jeden Montag, manchmal bis zu 100, heute eher um die 50 Rad-Aktivist*innen. Allmählich holen sie Fahnen und Demo-Schilder aus ihren Rucksäcken. »Das Stadtbild braucht Radwege!« steht auf einem, »Verkehrswende jetzt« auf einem anderen.

Mit einer Fahrradfahrt durch Westberlin demonstrieren sie für den Erhalt des Radweges auf der Kantstraße, die durch den Savignyplatz führt. Dieser bedroht den Brandschutz, so lautet zumindest das Argument der Senatsverkehrsverwaltung. 2020 richteten die Charlottenburg-Wilmersdorfer Grünen den Pop-up-Radweg ein, nachdem dort ein Fahrradfahrer von einem Raser im BMW totgefahren worden war. Der Parkstreifen für Autos rückte in die Mitte der Straße und trennt zurzeit Auto- und Radspur.

Die Feuerwehr stellte daraufhin fest, dass sie die Gebäude im Brandfall nicht mehr per Leiterwagen erreichen würde. Der Radweg sei für die Einsatzfahrzeuge zu schmal und die Autospur zu weit weg von den Häusern. »Dann hat die CDU eine Weile Panik verbreitet, von wegen die Wohnungen müssten geräumt werden«, sagt Henning Voget zu »nd«. Er ist im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) Berlin, der gemeinsam mit Initiativen wie Changing Cities und Respect Cyclists zur regelmäßigen Fahrraddemo aufruft.

Fazit der CDU-geführten Verkehrsverwaltung: Die parkenden Autos müssen wieder an den Straßenrand und der Fahrradweg muss weg. Radfahrende sollen sich zukünftig einen Fahrstreifen mit Bussen teilen. Ein »Zusammenpferchen der Radfahrenden mit wahlweise Bussen oder zu Fuß Gehenden« führt laut Voget zu »gefährlichen Interessenkonflikten«. Im Fall eines sogenannten Bussonderfahrstreifens müssen Busse und Fahrräder abwechselnd auf die Pkw-Spur ausweichen, um einander zu überholen: der Bus das Rad während der Fahrt und das Rad den Bus, wenn er an einer Haltestelle steht und die Spur blockiert. Auf einem eigenen Radweg sind Radfahrende deutlich sicherer – sofern er nicht von Autos zugeparkt wird.

In einem offenen Brief an die Senatsverkehrsverwaltung und die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bezirksstadträte schilderte die Stadtteilgruppe City-West des ADFC Berlin im vergangenen Jahr eine Stichprobe: Dort, wo der Kantstraßen-Radweg ungeschützt auf dem mittleren Fahrstreifen liege, auf der Höhe des Kantkinos, werde er mindestens 64 Prozent der Zeit verkehrswidrig zugeparkt, sodass Radfahrende in den motorisierten Verkehr ausweichen müssten. »Derartiges Ausweichen ist in vielen Fällen für Radfahrende lebensgefährlich«, heißt es in dem Brief.

ADFC und Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordern, statt des geschützten Radstreifens die Parkplätze zu entfernen und durch eine Busspur mit integrierten Ladezonen zu ersetzen, die im Brandfall auch von der Feuerwehr genutzt werden könnte. Ende 2025 übergab der Verband eine Petition dafür mit 4500 Unterschriften an die Verkehrsverwaltung. Parkplätze gebe es in den umliegenden Parkhäusern genug, die meist nur zu einem geringen Teil ausgelastet seien und faire Preise hätten, meint Voget. »Warum sollten Anwohnende überhaupt öffentlich finanzierte Parkplätze haben?« Fahrradbügel gebe es hier schließlich auch fast keine.

»Berlin hätte großes Potenzial für eine Mobilitätswende, aber ist europaweit hintendran.«

Henning Voget Vorstand ADFC Berlin

Auch der Bezirk war gegen die Senatspläne. Verkehrsstadtrat Oliver Schruoffenegger (Grüne) sprach im RBB von einer »verkehrspolitisch schlechten Entscheidung«. Der Bezirk schlug stattdessen vor, den Mittelstreifen so umzubauen, dass er genug Aufstellfläche für die Feuerwehr biete, was der Senat jedoch als zu teuer abgelehnt hatte.

Laut einem Gutachten im Auftrag der DUH aus dem vergangenen Jahr ist der Rückbau des Radwegs sogar rechtswidrig. »Die Fahrbahnbreite lässt lediglich eine schmale Busspur zu, auf der verschiedenen Regelwerken zufolge nur 150 bis 200 Radfahrende pro Stunde fahren dürfen. Ein solches Radverkehrsaufkommen wird auf der Kantstraße regelmäßig überschritten«, heißt es auf der Website der DUH. Der Pop-up-Radweg sei mit 3,6 Kilometern der längste in ganz Deutschland und habe seit seiner Einrichtung zu einer Verdreifachung des Radverkehrs auf der Kantstraße geführt, laut DUH-Untersuchungen außerdem zu einer deutlichen Verbesserung der Luftqualität.

Auch der Berliner Radverkehrsplan sieht vor, dass Busspuren nur im Notfall für den Radverkehr freigegeben werden dürfen und dann mindestens fünf Meter breit sein sollten – das ist auf der Kantstraße laut DUH nicht umsetzbar. Klagen kann die Organisation gegen den Abbau des Radwegs jedoch erst, wenn die Pläne umgesetzt sind, wie DUH-Referent Clemens Schürmann auf der Kundgebung zu Beginn der Fahrraddemo erklärt. »Vielleicht sehen wir uns hier jetzt zum letzten Mal, bevor der Radweg verschwindet«, sagt er zu den Umstehenden. Denn im Juli habe der Senat die Ausschreibung an Bauunternehmen zum Umbau der Straße veröffentlicht. Demnach sollen die Baumaßnahmen von September an ein Jahr dauern.

Laut Voget wird man bis zur Wahl trotzdem wöchentlich weiter demonstrieren und wahrscheinlich auch darüber hinaus, um während der Koalitionsverhandlungen Druck zu machen. Große Hoffnungen setzt er allerdings nicht auf den neuen Senat. Er befürchtet, dass SPD und Grüne mit der CDU koalieren werden – »und die werden die Verkehrswende nicht voranbringen«. Gerade erst hat die CDU-geführte Regierung eine Novelle des Berliner Mobilitätsgesetzes beschlossen, laut der sichere Radwege an Hauptstraßen generell nicht mehr verpflichtend sind. »Berlin hätte großes Potenzial für eine Mobilitätswende, aber ist europaweit hintendran«, kritisiert Voget. Die derzeit Regierenden würden Verkehr einfach nicht verstehen und lieber polarisieren, nach dem Motto: Das Auto darf nicht eingeschränkt werden.

Bis zur Wahl will der ADFC noch mehr Menschen erreichen. Denn obwohl seit zwei Jahren demonstriert werde, lerne man immer wieder Anwohner*innen kennen, die noch nichts vom drohenden Umbau der Kantstraße wüssten, bedauert Voget. Und so werden an diesem Montag von den Fahrrädern aus auch Flyer verteilt. Derweil nehmen die Radfahrenden mit Fahnen und Geklingel die Kantstraße rechts und links des Parkstreifens ein – während der Demo ist sie nämlich für Autos gesperrt.

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