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Soziales | Störfaktor Obdachlosigkeit

Дата публикации: 26-08-2026 15:21:00

Kurz vor der Abgeordnetenhauswahl beklagen Träger der Wohnungslosenhilfe, dass ihre Klienten stigmatisiert werden.

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Mietenwahnsinn hautnah: Wohnungslose am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Mietenwahnsinn hautnah: Wohnungslose am Kottbusser Tor in Kreuzberg.

Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur

Ein Ereignis ist Tino Kretschmann besonders in Erinnerung geblieben. Zu einer Kundgebung zum Tag der Obdachlosen im September vergangenen Jahres habe man auch eine Gruppe von Trebegängern eingeladen, die sich oft am Alexanderplatz aufhalten, erinnert sich der Streetworker. Die Obdachlosen wollten selbst Schilder und Transparente malen. Doch dazu kam es nicht. Ausgerechnet an dem für die Malaktion verabredeten Tag stand die Polizei vor dem Lager der Obdachlosen und wollte es räumen. »Ihre politische Teilhabe ist damit unmöglich«, sagt Kretschmann. »Bildlich« stehe das für ihn für den Umgang mit Obdachlosigkeit.

Auch in diesem Jahr wollen Initiativen den Tag der Obdachlosen am 11. September begehen. Doch jetzt fällt der Gedenktag mit einem anderen Ereignis zusammen: Nur neun Tage später wird das Abgeordnetenhaus neugewählt. »Bezahlbares Wohnen ist die entscheidende Frage für die Zukunft Berlins«, sagt Timothy Redfern am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Er ist politischer Referent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband.

57 557 Menschen lebten in Berlin zuletzt in Wohnheimen für Wohnungslose.

»Die Menschen können die Mieten nicht mehr zahlen«, so Redfern. Auch deswegen würden immer mehr Menschen wohnungslos. »Armutsbetroffene fallen als Erste aus dem Mietmarkt«, sagt Redfern. 57 557 Menschen lebten nach seinen Angaben in Berlin zuletzt in ASOG-Unterkünften, also Wohnheimen. 2012 seien es nur 6294 Menschen gewesen. Ein signifikanter Anteil des Anstiegs geht allerdings darauf zurück, dass Flüchtlinge, die nach Abschluss ihres Asylverfahrens weiterhin in Flüchtlingsunterkünften leben, statistisch als wohnungslos gelten. Auch wenn man sie herausrechnet, verbleibt aber immer noch eine Vervielfachung der Wohnungslosenzahl. Hinzu kommen 6000 bis 7000 Menschen, die ganz ohne Unterkunft auf Berlins Straßen leben. 364 Millionen Euro jährlich gebe Berlin nach Redferns Angaben für die Unterbringung aus.

»Wir können uns nicht mehr leisten, auf einzelne Instrumente zu setzen und auf andere zu verzichten«, so der Referent. Daher fordert er etwas, das bei keiner Berliner Partei im Wahlprogramm steht: Die Vorgaben für den Neubau sollten radikal entbürokratisiert werden – und zugleich die Regulierung des Mietmarkts ebenso vorangetrieben werden. »Das eine tun und das andere nicht lassen«, nennt Redfern die paradox wirkende Forderung. Zudem will er, dass Mindeststandards in den Wohnheimen angehoben werden. »Die Betreiber sollten verpflichtet werden, dass in den Häusern eine Sozialberatung angeboten wird«, fordert Redfern.

Streetworker Tino Kretschmann bekommt mit, wie das Leben auf der Straße aussieht. »Jeder kann wohnungslos werden«, ist seine Beobachtung. »Außer die Reichen.« Eigentlich sei vorgesehen, dass Wohnungslose nicht länger als drei oder vier Monate in den Unterkünften verbrächten. Real dauerten die Aufenthalte oft deutlich länger. »Manche bleiben bis zu zehn Jahren in einer Unterkunft«, berichtet er. Angenehm sei das nicht. Üblich seien Mehrbettzimmer, in denen es kaum Privatsphäre gebe. Fünfköpfige Familien müssten sich ein Zimmer teilen.

Kretschmann wünscht sich, dass man einen komplett neuen Ansatz im Umgang mit Obdachlosigkeit wählt. »Man sollte ganz von dem Unterbringungsgedanken wegkommen«, sagt er. Stattdessen sollten Wohnungslose ein Apartment mit eigenem Bad und Küche erhalten, damit sie nicht weiter abrutschen. »Wir wissen, dass das viel Geld kostet, aber das ist die einzige Möglichkeit, das menschenrechtlich korrekt umzusetzen«, glaubt er.

Unter den Linke-Sozialsenatorinnen Elke Breitenbach und Katja Kipping war zwischen 2016 und 2023 ein ähnlicher Ansatz unter dem Stichwort »Housing First« verfolgt worden. Reibungslos sei das aber auch nicht immer abgelaufen, weiß Timothy Redfern, unter dessen Paritätischem Wohlfartsverband fünf Träger Housing First-Projekte betreiben. »Das Problem sind die Betreuungskapazitäten.« Viele Klienten hätten psychische Probleme oder Suchtschwierigkeiten. »Die brauchen intensive Betreuung«, sagt er. Daher müssten entsprechende finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Besonders stört Kendra Jonas vom Träger Gangway, wie die Gesellschaft auf Obdachlose blicke. Sie würden als störend empfunden und aus dem öffentlichen Raum vertrieben. »Die Menschen sind dann aber nicht weg, sondern nur woanders«, sagt Jonas. Weil es an Tagestreffs mangele, wichen viele Obdachlose auf öffentliche Plätze oder Bahnhöfe aus. »In der Öffentlichkeit ist man sicher, weil man sichtbar ist«, sagt sie. Angriffe und Überfälle drohten vor allem, wenn man allein sei.

Für Jonas ist die Verdrängung Symptom eines veränderten gesellschaftlichen Klimas. »Obdachlosigkeit wird als sicherheitspolitisches Problem betrachtet«, sagt sie. Obdachlosen werde selbst die Schuld für ihre Lage gegeben. »Es braucht eine sachliche, empathische Auseinandersetzung mit dem Thema«, fordert sie mit Blick auf die Abgeordnetenhauswahl.

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