Der Aufsichtsrat von VW berät heute Nachmittag in Wolfsburg über mögliche Werksschließungen. IG Metall-Chefin Christiane Benner und Betriebsratschefin-Chefin Daniela Cavallo stemmen sich mit einem bundesweiten Aktionstag gegen den Abbau von bis zu 100.000 Stellen.
Der Aufsichtsrat von VW berät heute Nachmittag in Wolfsburg über mögliche Werksschließungen. IG Metall-Chefin Christiane Benner und Betriebsratschefin-Chefin Daniela Cavallo stemmen sich mit einem bundesweiten Aktionstag gegen den Abbau von bis zu 100.000 Stellen.
09.07.2026, 12.23 Uhr
„Nicht mit uns!“: IG-Metall-Chefin Christiane Benner, Betriebsratschefin Daniela Cavallo und Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt protestieren, gegen die Sparpläne der Konzernspitze
Foto: Lisi Niesner / Reuters / APVor Beginn der Aufsichtsratssitzung zu möglichen weiteren Einschnitten beim VW-Konzern haben Beschäftigte in Wolfsburg lautstark protestiert. Mehrere hundert Mitarbeiter zogen mit Tröten und Sirenen vor das Vorstandshochhaus, wo das Gremium am Nachmittag tagen wollte. Die Sitzung, die um 14.30 Uhr beginnen sollte, verzögerte sich zunächst.
Angeführt wurde der kleine Demonstrationszug von der IG-Metall-Vorsitzenden Christiane Benner (58) und Betriebsratschefin Daniela Cavallo (51), die beide dem Kontrollgremium angehören. „Vereint für unsere Zukunft kämpfen“, stand auf einem Transparent. Dass vier Werke geschlossen werden, das werde die IG Metall nicht mitmachen, sagte Benner. „Das werden wir nicht akzeptieren.“
Die IG Metall zählte rund 500 Teilnehmer der Protestaktion in Wolfsburg. Weitere Aktionen gebe es auch an anderen Konzernstandorten in Deutschland, einschließlich Standorten der Konzerntöchter Audi, Porsche und MAN.
Proteste in Neckarsulm: Dem Werk droht die Schließung
Foto: Bernd Weißbrod / dpaLaut IG Metall handelt es sich nicht um einen Arbeitskampf, sondern um Informations- oder Protestveranstaltungen. Die Versammlungen fallen daher deutlich kleiner aus als bei den Warnstreiks 2024. Damals kamen laut Gewerkschaft mehr als 30.000 Teilnehmer zur Kundgebung in Wolfsburg.
Mit den Protesten reagiert die Gewerkschaft auf Berichte über verschärfte Sparpläne bei VW. Konzernchef Oliver Blume (58) will nach Recherchen des manager magazins bis zu 100.000 Stellen weltweit streichen, doppelt so viele wie bisher geplant. Vier Werken des VW-Konzerns in Deutschland droht demnach sogar die Schließung: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm.
Laut SPIEGEL-Recherchen könnte die Fahrzeugproduktion dort bis Ende 2034 auslaufen. Ab 2031 zunächst in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm.
Der Konzern selbst hat sich bisher nicht zu Details geäußert. „Die genauen Inhalte des Zukunftsplans und die damit verbundenen notwendigen Maßnahmen werden heute zwischen Aufsichtsrat und Vorstand der Volkswagen AG erörtert“, sagte ein Sprecher. „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“ Bei den „Belief Audits“, einer Umfrage unter den Konzernmächtigen, sah eine deutliche Mehrheit der Aufsichtsräte Volkswagen als „existenzgefährdet“ .
Entsprechend engagiert diskutierten die zentralen Figuren des Aufsichtsrats wohl bereits in den vergangenen Tagen; heute geht es weiter. Eine mehrseitige Beschlussvorlage soll auf den Tisch. Dass alles durchkommt, scheint ausgeschlossen. Aber vielleicht findet man starke erste Ergebnisse: eine neue Struktur im Vorstand etwa, mit mehr Macht für die Zentrale? Ankündigungen, die ein oder andere Tochter zu verkaufen? Mehr Zeit für die Werke, um die gesetzten Kostenziele zu erreichen?
Nach der Aufsichtsratssitzung will Volkswagen zügig über mögliche Entscheidungen informieren, wie der Sprecher weiter sagte: „Über die Ergebnisse der heutigen Aufsichtsratssitzung und getroffene Entscheidungen werden wir schnellstmöglich informieren.“ Mit einem Ende der Sitzung rechneten Beobachter nicht vor dem frühen Abend.
Eine Zustimmung zu dem Plan gilt als äußerst unsicher. Blume steht zwar unter dem Druck der Familien Porsche und Piech, deren Holding Porsche SE Milliarden auf ihre VW-Beteiligung abschreiben musste. Doch im Aufsichtsrat herrscht nach dem Rückzug der ehemaligen Rüstungs-Managerin Susanne Wiegand ein Patt. Neben den Arbeitnehmervertretern hat sich auch das Land Niedersachsen bereits ablehnend zu den Plänen geäußert. Werksschließungen seien keine Zukunftsstrategie, so Niedersachsens Vize-Regierungschefin Julia Willie Hamburg (40; Grüne).
Das Land ist mit 20 Prozent an VW beteiligt, Ministerpräsident Olaf Lies (59; SPD) und dessen Stellvertreterin Willie Hamburg sitzen dort im Aufsichtsrat. Zusammen mit den zehn Arbeitnehmervertretern sind sie in der Mehrheit – derzeit sogar deutlich, denn einer der eigentlich zehn Sitze der Kapitaleigner ist unbesetzt.
Zuletzt war es bei VW 2024 zum heftigen Tarifstreit gekommen. Mehrmals legte die IG Metall mit Warnstreiks die Produktion lahm. Auch damals standen Werksschließungen und Stellenabbau im Raum. Erst kurz vor Weihnachten kam es nach einem einwöchigen Verhandlungsmarathon zum Kompromiss. Betriebsbedingte Kündigungen wurden ausgeschlossen, der Stellenabbau erfolgt vorwiegend über Altersteilzeit und Abfindungsprogramme.
Bis 2030 hat Volkswagen bereits den Abbau von konzernweit 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. 35.000 Jobs sollen bei der Kernmarke wegfallen, der Rest bei Töchtern wie Audi und Porsche. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben bereits entsprechende Vereinbarungen unterschrieben.
Die Ende 2024 vereinbarten Sparmaßnahmen reichten angesichts der sich verschärfenden Rahmenbedingungen nicht mehr aus, so Blume. Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und härter werdende Konkurrenz sorgten für Gegenwind, so der Konzernchef.
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Das bisherige Geschäftsmodell von VW, in Europa zu entwickeln und zu produzieren und weltweit zu verkaufen, funktioniere daher nicht mehr. Der Konzern müsse sich neu aufstellen und die Kosten weiter senken. „Wir werden jeden Stein umdrehen“, kündigte Blume bereits im Frühjahr an. Jetzt legt er dem Aufsichtsrat die Ergebnisse vor.
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