Allein in Deutschland haben mehrere Millionen Menschen umgangssprachlich „Plattfüße“. Doch was hilft wirklich? Ein Orthopäde weiß Rat.
Wer Knick-Senkfüße hat (oft auch als Plattfüße bezeichnet), bekommt das in jüngeren Jahren gar nicht zwingend mit. Schätzungen zufolge leiden jedoch zwischen zehn und 20 Prozent der erwachsenen Menschen weltweit an dieser Fehlstellung. Deutschlandweit macht das zwischen acht und 16 Millionen Betroffene. Das Problem: Bei Plattfüßen handelt es sich um eine Fehlstellung der Füße, die unbehandelt zu starken Schmerzen und Einschränkungen beim Gehen führen kann.

Doch gerade gegen diese Schmerzen kann häufig etwas unternommen werden. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt Dr. Jörn Dohle, Arzt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC), wie genau der „Plattfuß“ entsteht, wie man am besten dagegen vorgeht und warum orthopädische Einlagen nicht immer eine gute Idee sind.
Herr Dr. Dohle, wie entstehen Knick-Senkfüße eigentlich?
Dr. Jörn Dohle: Knick-Senkfüße entstehen nicht einfach, jedes Kind kommt damit auf die Welt. Die Fußstellung entwickelt sich dann im Laufe des Wachstums zurück. Es ist jedoch wichtig, dass man die Stellung des Fußes regelmäßig kontrolliert. Was für einen Fünfjährigen noch normal ist, kann bei einem Siebenjährigen schon krank sein.
Grundsätzlich muss man zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden. Das Kind ist noch im Wachstum begriffen, das bedeutet, dass sich vieles normalisieren kann. Bei Erwachsenen funktioniert der Fuß häufig normal, mit der Zeit senkt sich die Fußwölbung immer weiter ab, bis der Fuß quasi „platt“ auf der Erde aufliegt.
Experte erklärt: Ob Einlagen bei Knick-Senkfüßen helfen, ist unklarWas hilft denn gegen Plattfüße?
Die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen kriegen aus pragmatischen Gründen Einlagen. Wenn Sie wissenschaftliche Hardliner befragen würden, dürften die nur mit dem Kopfschütteln antworten, da es für die Wirkung von Einlagen keine Evidenz gibt. Will man das den Eltern kommunizieren, gibt es oft Probleme, da diese aus ihrer Kindheit selbst mit Einlagen versorgt wurden. Damals wurden Einlagen oft großzügig verschrieben, einfach weil man das Gefühl vermitteln wollte, dass man etwas unternimmt. Streng genommen fehlt aber der wissenschaftliche Beleg für die Wirkung der Einlagen.
Wirkungsvoller sind bei Kindern minimalinvasive Operationen. Das ist aber nur bei einem verschwindend kleinen Anteil der Kinder wirklich notwendig.

Und wie ist es bei Erwachsenen?
Die erste Frage, die man sich als behandelnder Orthopäde zuerst stellt, ist, ob der Fuß funktioniert. Die Patienten bemerken, dass der Fuß jahrelang seinen Dienst tut und dann plötzlich unter Belastung schmerzt. Dieser Schmerz entsteht aufgrund des bereits genannten Verlusts der Fußwölbung. Die Muskulatur des Fußes, die Sehnen und die Bänder verschleißen und sind geschwächt. Diese Fälle sehe ich in meiner Sprechstunde am häufigsten. Dann wird erst mal versucht, das Fußgewölbe mithilfe einer Einlage abzustützen, oft hilft auch schon ein gutes Fußbett. Wenn das nach einem längeren Zeitraum auch nicht mehr helfen sollte, wird eine Operation durchgeführt.
Plattfüße: Übungen ersetzen keine ReparaturWie genau sieht so ein operativer Eingriff aus? Was wird dort vorgenommen?
Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Das hängt ganz individuell vom Schweregrad der Fehlstellung ab. In der Regel ist die Innenseite des Fußes überlastet, die dann wiederum geschädigt ist und repariert werden muss. Dazu werden dann Teilgelenke im Sprunggelenk verblockt. Dadurch richtet sich die Fußwölbung wieder auf.

Dr. Jörn Dohle ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) sowie Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).© Privat | Privat
Oft wird den Betroffenen empfohlen, die Muskulatur des Fußes zu trainieren, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Funktioniert das?
Oft hört es sich so an: „Hättest du deine Übungen gemacht, bräuchtest du keine Operation.“ Dabei ist der Plattfuß bei Erwachsenen oft ein Prozess über 30 oder 40 Jahre. Die Betroffenen hatten schon als Kind eine Fehlstellung, die im Laufe der Jahre einfach schlechter geworden ist. Das ist auch ein natürlicher Alterungs- und Abnutzungsprozess. Die Füße sind tatsächlich aber nur bei wenigen Mitte-50- bis 60-Jährigen so platt, dass wirklich operiert werden muss.
Natürlich ist es naheliegend, es mit Muskeltraining zu versuchen. Die Wirksamkeit solcher Fußübungen ist allerdings nicht durch Daten belegt. Vielen Patienten fällt es außerdem schwer, die Übungen als dauerhafte Routine in den Alltag einzubauen.
Viele Menschen schwören heutzutage aufs Barfußlaufen. Wie stehen Sie dazu?
Auf weichem Boden oder für kurze Strecken im Haus ist das sicherlich eine gute Idee, etwa im Wald oder auf einer Wiese. Für harte Böden wie Asphalt oder Pflaster sind unsere Füße jedoch nicht gemacht und könnten zusätzlichen Schaden nehmen.
Diese Einlagen sollte man auf keinen Fall kaufenDie Schmerzen werden oft durch Überbelastung getriggert. Worauf sollte man achten?
Beim Sport ist die Belastung verständlicherweise besonders hoch. Man merkt aber eigentlich selbst, wann es zu viel wird. Persönlich habe ich in allen Schuhen Einlagen. Wichtig ist es, dass man individuell angefertigte Schuheinlagen trägt, die den Fuß wirklich perfekt abstützen. Der Orthopäde kann die Einlagen verschreiben, die man sich dann im Sanitätshaus anfertigen lassen kann. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für zwei Paar pro Jahr (plus gesetzliche Zuzahlung von bis zu zehn Euro, ausgefeiltere Varianten kosten mehr. Anm. d. Red.).
Auf Universal-Einlagen, die man im Internet kaufen kann, sollte man jedoch verzichten, da die Fehlstellung sonst nicht perfekt abgestützt wird und die Schmerzen somit nur verlagert oder sogar verstärkt werden.
Welche Folgen drohen, wenn man sich nicht zeitnah behandeln lässt, sei es mit Einlagen oder durch andere Maßnahmen?
Wenn der Fuß „kaputt“ ist, kann das zu Muskelverspannungen führen, die übers Knie bis in die Hüfte ausstrahlen. Sowohl das Knie als auch die Hüfte werden dadurch jedoch nicht beschädigt.
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