Weil das Gesetz neue Familienmodelle nicht mitdenkt, sollten Eltern vorsorgen – mit Vollmachten und Testament. Wir beantworten wichtige Rechtsfragen für Bonuseltern.
Elise Bunge. Die Berliner Familien- und Paartherapeutin leitet Workshops zum Thema Beziehungen. © Nikolai Rohmert
Wo kommt es in Patchworkfamilien am häufigsten zu Streit? Was sind die größten Herausforderungen?
Viele Konflikte entstehen rund um die Rollenfindung der Familienmitglieder. Also: Wer bin ich für wen? Wer hat welche Erwartungen an mich? Möchte ich eine erwachsene Freundin sein oder ein Freund oder doch zweite Mama oder zweiter Papa – und will das Kind das auch? Es ist ein komplexer Prozess, bei dem unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen abgestimmt werden müssen.
Für Kinder sind Loyalitätskonflikte oft herausfordernd, der Umgang mit dem Wechsel von einer Familie zur anderen und das Kennenlernen neuer Geschwister, sofern es welche gibt. Außerdem müssen viele die Trennung der Eltern verarbeiten.
Wo liegt der größte Unterschied zu einer Kernfamilie?
Beim Patchwork treffen zwei Familiensysteme aufeinander, die keine gemeinsame Geschichte haben. Beide Seiten haben Gewohnheiten und Vorstellungen etwa in puncto Erziehung und Freizeitgestaltung. Die Systeme müssen zueinanderfinden. Das setzt bei allen ein hohes Maß an Integrationsfähigkeit voraus. Es schult die Beziehungskompetenz, kann aber sehr anstrengend sein.
Auf Paarebene ist der Unterschied, dass es schon Kinder gibt. Das holt eine komplexe Dimension in die Beziehung, die oft viel Pragmatismus von der jungen Liebe fordert.
Sprechen Sie aus Erfahrung?
Ich war selbst Patchworkkind und bin jetzt auch Bonusmutter. Für mich ist das die Normalität, wobei ich das Leben in einer Kernfamilie kennengelernt habe. Meine eigene Erfahrung kann ich in meine therapeutische Arbeit gut einbringen.
Ich weiß, dass das Zusammenwachsen in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung ist. Aber wenn man die meistert, kann das Familienleben sehr schön und in vielen Aspekten sehr bereichernd sein.
Entsteht auch Streit, weil Rechtsfragen nicht geregelt sind, etwa wer was entscheiden darf?
Solche Konflikte gibt es eher unter Ex-Partnerinnen und Ex-Partnern. Diese wirken sich aber oft auf die neue Familie aus. Das ließe sich vermeiden, indem Umgang, Unterhalt und Finanzen klar geregelt werden.
Was die Erziehungsverantwortung betrifft, so bleibt sie in der Regel bei den leiblichen Eltern. Sie müssen für sich herausfinden, was sie davon an neue Partnerinnen und Partner abgeben. Will der leibliche Vater nicht, dass der Bonusvater im Alltag mitredet, ist das schlicht nicht umsetzbar. Man kann nicht Verantwortung für ein Kind übernehmen, aber nicht spontan entscheiden dürfen, ob es mal Pommes mit Ketchup und Mayo essen darf.
Wie lassen sich Probleme lösen?
Eine gute Methode ist der Familienrat: Alle Mitglieder setzen sich regelmäßig zusammen und sprechen darüber, was wen beschäftigt und wo Herausforderungen liegen. Eltern können auf die Art einen Rahmen schaffen, der es auch Kindern ermöglicht, Teil des Prozesses zu sein. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass nur über sie bestimmt wird. Sie wollen gesehen werden und sich einbringen.
Außerdem sollten sich Patchworkfamilien beim Zusammenwachsen auf einen Marathon einstellen, nicht auf einen Sprint. Wenn aus zwei Familien eine werden soll, braucht das viel Zeit und Geduld. Der Prozess verläuft in Wellen mit Hochs und Tiefs. Das ist vollkommen normal.
Was hilft beim Zusammenwachsen?
Im Idealfall schaffen es alle Familienmitglieder, von Beginn an offen und ehrlich miteinander zu reden. Das macht den Prozess der Familienzusammenführung einfacher. Gerade am Anfang verbiegt man sich vielleicht, weil man gefallen möchte. Aber wer die eigenen Bedürfnisse hinten anstellt – für die Partnerin oder den Partner oder das große Ganze –, dem fällt das meistens irgendwann auf die Füße. Viele verlieren sich dabei nämlich selbst und haben das Gefühl, im Familiensystem unterzugehen. Und daraus entstehen Konflikte.
Außerdem ist es wichtig, dass sich das Paar Zeit für sich nimmt. Es ist der Ursprung dafür, warum diese zwei Familien überhaupt zusammenwachsen, die Basis. Es braucht Liebe und Stabilität. Wenn die neuen Partnerinnen und Partner nicht gut in Kontakt miteinander sind, wird es für alle im Familiensystem schwer.
Wie kann eine Familientherapie dabei helfen?
Familientherapeuten bieten einen Blick von außen. Sie sind nicht Teil des Familiensystems, nehmen Verhaltens- und Kommunikationsmuster anders wahr und können darauf hinweisen. Sie holen verborgene Themen an die Oberfläche und regen Veränderungen an, die sie im Rahmen der Therapie begleiten. Dabei geben sie teilweise auch simple alltagspraktische Anregungen: vom Familienrat über einen gemeinsamen Kalender bis hin zu Tipps, wie sich die Finanzen regeln lassen.
Therapeutinnen und Therapeuten schaffen einen Raum, in dem sich alle Familienmitglieder öffnen und reden können und das Gefühl haben „Hier werden wir gesehen, hier werden wir gehört“. Es ist ein Safe Space und allein dieser Rahmen hilft vielen Familien schon weiter.
Was kostet eine Familientherapie?
Läuft eine Therapie über das Jugendamt, etwa im Rahmen der sogenannten Aufsuchenden Familientherapie – das heißt, die Therapeuten gehen zu den Familien nach Hause –, übernimmt das Amt die Kosten. Erziehungs- und Familienberatungsstellen bieten kostenlos oder kostengünstig Therapien an. Wer sich privat Hilfe sucht und selbst zahlt, muss für eine Sitzung von eineinhalb Stunden mit circa 180 Euro rechnen.
Wie läuft eine Familientherapie ab?
Zunächst vereinbaren Eltern oder nur ein Elternteil einen Ersttermin, bei dem sich Familie und Therapeutin beziehungsweise Therapeut kennenlernen. Sie klären die Fragen: Was sind die Themen, die uns gerade beschäftigen? Welche Wünsche haben wir? Es geht erst einmal um den Aufbau einer Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten. Wenn die Chemie stimmt, werden Ziele definiert und es gibt erste Impulse für zu Hause.
In den Folgesitzungen steigt man tiefer in den Prozess ein. Ob weitere Termine stattfinden und wie viele es sind, ergibt sich aus der Situation. Niemand muss sich zu etwas verpflichtet fühlen. Die Familie entscheidet selbst, ob sie bereit ist, weiterzuarbeiten.
Was ist bei der Wahl einer Therapeutin oder eines Therapeuten zu beachten?
Zum einen kommt es auf die fachliche Kompetenz an. Wer passt zu den eigenen Herausforderungen? Also beispielsweise: Wer hat seinen Beratungsschwerpunkt bei Patchworkkonstellationen? Zum anderen ist es wichtig, dass sich die Familie überlegt: Soll es eine Frau sein oder ein Mann, alt, jung, queer? Wo könnten wir uns am wohlsten fühlen?
Entscheidend ist letztlich das Bauchgefühl, also die Antwort auf folgende Fragen, die sich nach dem ersten Termin stellen: Kann ich hier alle Themen ansprechen, die mich beschäftigen? Werden diese gut aufgefangen? Fühle ich mich gesehen?
Im familientherapeutischen Bereich sind es oft Systemiker, die gut qualifiziert sind. Die systemische Sichtweise auf Familien ist sehr offen.
Was zeichnet Systemikerinnen und Systemiker aus?
Ihr Ansatz ist, dass man nicht nur die Einzelperson sieht, sondern das ganze Beziehungssystem. Es geht darum herauszufinden, welche Wechselwirkungen, Muster und Dynamiken innerhalb der Familie wirken, die vielleicht gar nicht sichtbar sind, und welche Aspekte von außen eine Rolle spielen. Es ist nicht das vordergründige Ziel, ein Label zu finden oder eine Diagnose zu erstellen, sondern zu schauen: Wie interagieren die Menschen, wie kommunizieren sie miteinander – und welche Hinweise gibt das zum Beispiel auf destruktive Kommunikations- und Beziehungsmuster?
Die systemische Herangehensweise ist sehr ressourcenorientiert und der Ansicht: Jedes Verhalten hat einen guten Grund. Man muss nur herausfinden, ob der gute Grund überhaupt noch existiert oder ob es zum Beispiel ein Verhalten ist, das man in der Vergangenheit als Lösung eines Problems gelernt hat und das mittlerweile obsolet ist, da andere Lösungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Wiederkehrende Konflikte können ein Zeichen dafür sein, dass es ein Thema gibt, das aufgearbeitet werden will – und sind damit nicht per se negativ. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, warum der Konflikt da ist, was er einem sagen will und wie man damit umgehen kann.
Haben Sie den Eindruck, dass sich Menschen scheuen, eine Familientherapie zu machen?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, viele denken sich: Was bedeutet es für uns als Eltern, wenn wir unsere Probleme nicht allein lösen können? Ist das ein schlechtes Zeichen? Ich sehe das anders. Ich finde, dass es eine Kompetenz ist, dorthin zu schauen, wo es unangenehm wird. Und erst, wenn man die Reife und Stärke aufbringt und den Fokus auf die negativen Punkte richtet, sind persönliche Entwicklungsprozesse möglich. Für mich ist das etwas sehr Positives, und ich würde mir wünschen, dass alle Menschen es so sehen. Denn mit anderen zu reden – hilft (fast) immer.
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