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Patchworkfamilien: Bunte Truppe – wie Sie rechtlich für Alltag und Notfälle vorsorgen

Дата публикации: 07-07-2026 12:32:20

Weil das Gesetz neue Familien­modelle nicht mitdenkt, sollten Eltern vorsorgen – mit Voll­machten und Testament. Wir beant­worten wichtige Rechts­fragen für Bonus­eltern.

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Patchwork­familien - Bunte Truppe – wie Sie recht­lich für Alltag und Notfälle vorsorgen

Elise Bunge. Die Berliner Familien- und Paartherapeutin leitet Work­shops zum Thema Beziehungen. © Nikolai Rohmert

Wo kommt es in Patchwork­familien am häufigsten zu Streit? Was sind die größten Heraus­forderungen?

Viele Konflikte entstehen rund um die Rollenfindung der Familien­mitglieder. Also: Wer bin ich für wen? Wer hat welche Erwartungen an mich? Möchte ich eine erwachsene Freundin sein oder ein Freund oder doch zweite Mama oder zweiter Papa – und will das Kind das auch? Es ist ein komplexer Prozess, bei dem unterschiedliche Wünsche, Bedürf­nisse und Erwartungen abge­stimmt werden müssen.

Für Kinder sind Loyalitäts­konflikte oft heraus­fordernd, der Umgang mit dem Wechsel von einer Familie zur anderen und das Kennen­lernen neuer Geschwister, sofern es welche gibt. Außerdem müssen viele die Trennung der Eltern verarbeiten.

Wo liegt der größte Unterschied zu einer Kernfamilie?

Beim Patchwork treffen zwei Familien­systeme aufeinander, die keine gemein­same Geschichte haben. Beide Seiten haben Gewohn­heiten und Vorstel­lungen etwa in puncto Erziehung und Frei­zeit­gestaltung. Die Systeme müssen zueinander­finden. Das setzt bei allen ein hohes Maß an Integrations­fähig­keit voraus. Es schult die Beziehungs­kompetenz, kann aber sehr anstrengend sein.

Auf Paar­ebene ist der Unterschied, dass es schon Kinder gibt. Das holt eine komplexe Dimension in die Beziehung, die oft viel Pragmatismus von der jungen Liebe fordert.

Sprechen Sie aus Erfahrung?

Ich war selbst Patchworkkind und bin jetzt auch Bonusmutter. Für mich ist das die Normalität, wobei ich das Leben in einer Kernfamilie kennengelernt habe. Meine eigene Erfahrung kann ich in meine therapeutische Arbeit gut einbringen.

Ich weiß, dass das Zusammen­wachsen in vielerlei Hinsicht eine Heraus­forderung ist. Aber wenn man die meistert, kann das Familien­leben sehr schön und in vielen Aspekten sehr bereichernd sein.

Entsteht auch Streit, weil Rechts­fragen nicht geregelt sind, etwa wer was entscheiden darf?

Solche Konflikte gibt es eher unter Ex-Part­nerinnen und Ex-Part­nern. Diese wirken sich aber oft auf die neue Familie aus. Das ließe sich vermeiden, indem Umgang, Unterhalt und Finanzen klar geregelt werden.

Was die Erziehungs­ver­antwortung betrifft, so bleibt sie in der Regel bei den leiblichen Eltern. Sie müssen für sich heraus­finden, was sie davon an neue Part­nerinnen und Partner abgeben. Will der leibliche Vater nicht, dass der Bonus­vater im Alltag mitredet, ist das schlicht nicht umsetz­bar. Man kann nicht Verantwortung für ein Kind über­nehmen, aber nicht spontan entscheiden dürfen, ob es mal Pommes mit Ketchup und Mayo essen darf.

Wie lassen sich Probleme lösen?

Eine gute Methode ist der Familien­rat: Alle Mitglieder setzen sich regel­mäßig zusammen und sprechen darüber, was wen beschäftigt und wo Heraus­forderungen liegen. Eltern können auf die Art einen Rahmen schaffen, der es auch Kindern ermöglicht, Teil des Prozesses zu sein. Sie sollten nicht das Gefühl haben, dass nur über sie bestimmt wird. Sie wollen gesehen werden und sich einbringen.

Außerdem sollten sich Patchwork­familien beim Zusammen­wachsen auf einen Marathon einstellen, nicht auf einen Sprint. Wenn aus zwei Familien eine werden soll, braucht das viel Zeit und Geduld. Der Prozess verläuft in Wellen mit Hochs und Tiefs. Das ist voll­kommen normal.

Was hilft beim Zusammen­wachsen?

Im Ideal­fall schaffen es alle Familien­mitglieder, von Beginn an offen und ehrlich miteinander zu reden. Das macht den Prozess der Familien­zusammenführung einfacher. Gerade am Anfang verbiegt man sich vielleicht, weil man gefallen möchte. Aber wer die eigenen Bedürf­nisse hinten anstellt – für die Part­nerin oder den Partner oder das große Ganze –, dem fällt das meistens irgend­wann auf die Füße. Viele verlieren sich dabei nämlich selbst und haben das Gefühl, im Familien­system unter­zugehen. Und daraus entstehen Konflikte.

Außerdem ist es wichtig, dass sich das Paar Zeit für sich nimmt. Es ist der Ursprung dafür, warum diese zwei Familien über­haupt zusammen­wachsen, die Basis. Es braucht Liebe und Stabilität. Wenn die neuen Part­nerinnen und Partner nicht gut in Kontakt miteinander sind, wird es für alle im Familien­system schwer.

Wie kann eine Familien­therapie dabei helfen?

Familien­therapeuten bieten einen Blick von außen. Sie sind nicht Teil des Familien­systems, nehmen Verhaltens- und Kommunikations­muster anders wahr und können darauf hinweisen. Sie holen verborgene Themen an die Oberfläche und regen Veränderungen an, die sie im Rahmen der Therapie begleiten. Dabei geben sie teil­weise auch simple alltags­praktische Anregungen: vom Familien­rat über einen gemein­samen Kalender bis hin zu Tipps, wie sich die Finanzen regeln lassen.

Therapeutinnen und Therapeuten schaffen einen Raum, in dem sich alle Familien­mitglieder öffnen und reden können und das Gefühl haben „Hier werden wir gesehen, hier werden wir gehört“. Es ist ein Safe Space und allein dieser Rahmen hilft vielen Familien schon weiter.

Was kostet eine Familien­therapie?

Läuft eine Therapie über das Jugend­amt, etwa im Rahmen der sogenannten Aufsuchenden Familien­therapie – das heißt, die Therapeuten gehen zu den Familien nach Hause –, über­nimmt das Amt die Kosten. Erziehungs- und Familien­beratungs­stellen bieten kostenlos oder kostengünstig Therapien an. Wer sich privat Hilfe sucht und selbst zahlt, muss für eine Sitzung von eineinhalb Stunden mit circa 180 Euro rechnen.

Wie läuft eine Familien­therapie ab?

Zunächst vereinbaren Eltern oder nur ein Eltern­teil einen Erst­termin, bei dem sich Familie und Therapeutin beziehungs­weise Therapeut kennen­lernen. Sie klären die Fragen: Was sind die Themen, die uns gerade beschäftigen? Welche Wünsche haben wir? Es geht erst einmal um den Aufbau einer Beziehung zur Therapeutin oder zum Therapeuten. Wenn die Chemie stimmt, werden Ziele definiert und es gibt erste Impulse für zu Hause.

In den Folgesit­zungen steigt man tiefer in den Prozess ein. Ob weitere Termine statt­finden und wie viele es sind, ergibt sich aus der Situation. Niemand muss sich zu etwas verpflichtet fühlen. Die Familie entscheidet selbst, ob sie bereit ist, weiterzuarbeiten.

Was ist bei der Wahl einer Therapeutin oder eines Therapeuten zu beachten?

Zum einen kommt es auf die fachliche Kompetenz an. Wer passt zu den eigenen Heraus­forderungen? Also beispiels­weise: Wer hat seinen Beratungs­schwer­punkt bei Patchwork­konstellationen? Zum anderen ist es wichtig, dass sich die Familie über­legt: Soll es eine Frau sein oder ein Mann, alt, jung, queer? Wo könnten wir uns am wohlsten fühlen?

Entscheidend ist letzt­lich das Bauchgefühl, also die Antwort auf folgende Fragen, die sich nach dem ersten Termin stellen: Kann ich hier alle Themen ansprechen, die mich beschäftigen? Werden diese gut aufgefangen? Fühle ich mich gesehen?

Im familien­therapeutischen Bereich sind es oft Systemiker, die gut qualifiziert sind. Die systemische Sicht­weise auf Familien ist sehr offen.

Was zeichnet Systemike­rinnen und Systemiker aus?

Ihr Ansatz ist, dass man nicht nur die Einzel­person sieht, sondern das ganze Beziehungs­system. Es geht darum heraus­zufinden, welche Wechsel­wirkungen, Muster und Dynamiken inner­halb der Familie wirken, die vielleicht gar nicht sicht­bar sind, und welche Aspekte von außen eine Rolle spielen. Es ist nicht das vordergründige Ziel, ein Label zu finden oder eine Diagnose zu erstellen, sondern zu schauen: Wie interagieren die Menschen, wie kommunizieren sie miteinander – und welche Hinweise gibt das zum Beispiel auf destruktive Kommunikations- und Beziehungs­muster?

Die systemische Heran­gehens­weise ist sehr ressourcen­orientiert und der Ansicht: Jedes Verhalten hat einen guten Grund. Man muss nur heraus­finden, ob der gute Grund über­haupt noch existiert oder ob es zum Beispiel ein Verhalten ist, das man in der Vergangenheit als Lösung eines Problems gelernt hat und das mitt­lerweile obsolet ist, da andere Lösungs­möglich­keiten zur Verfügung stehen.

Wieder­kehrende Konflikte können ein Zeichen dafür sein, dass es ein Thema gibt, das aufgearbeitet werden will – und sind damit nicht per se negativ. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, warum der Konflikt da ist, was er einem sagen will und wie man damit umgehen kann.

Haben Sie den Eindruck, dass sich Menschen scheuen, eine Familien­therapie zu machen?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, viele denken sich: Was bedeutet es für uns als Eltern, wenn wir unsere Probleme nicht allein lösen können? Ist das ein schlechtes Zeichen? Ich sehe das anders. Ich finde, dass es eine Kompetenz ist, dorthin zu schauen, wo es unangenehm wird. Und erst, wenn man die Reife und Stärke aufbringt und den Fokus auf die negativen Punkte richtet, sind persönliche Entwick­lungs­prozesse möglich. Für mich ist das etwas sehr Positives, und ich würde mir wünschen, dass alle Menschen es so sehen. Denn mit anderen zu reden – hilft (fast) immer.

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