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KI-Konzerne wie Anthropic kaufen über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten auf. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 700.000 Titel. Die Werke werden eingescannt, als Trainingsdaten für Chatbots genutzt und dann teilweise entsorgt. Was wie eine Bücherverbrennung 2.0 anmutet, offenbart ein neues Problem: Wer kontrolliert künftig den Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit? Eine kommentierende Analyse. […]
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KI-Konzerne wie Anthropic kaufen über Zwischenhändler massenhaft Bücher aus Antiquariaten auf. Allein in Deutschland sind es schätzungsweise 700.000 Titel. Die Werke werden eingescannt, als Trainingsdaten für Chatbots genutzt und dann teilweise entsorgt. Was wie eine Bücherverbrennung 2.0 anmutet, offenbart ein neues Problem: Wer kontrolliert künftig den Zugang zum gesammelten Wissen der Menschheit? Eine kommentierende Analyse.
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Nicht nur Anthropic, sondern auch Google, Meta und OpenAI haben ein Interesse an dem Stoff, der seit Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten zwischen zwei Buchdeckeln steht. Für Antiquariate mag das zunächst ein unverhofftes und durchaus lukratives Geschäft sein. Doch aus alten Wälzern im Regal ist mittlerweile ein begehrter Datenschatz geworden, der Rohstoff für die KI-Industrie ist.
Der Grund: Das Wissen im Netz ist nicht unendlich. Vieles wurde bereits ausgeschöpft, anderes ist gar nicht digital verfügbar. In alten Büchern schlummert aber noch immer ein gewaltiger Wissensspeicher aus historischen Erkenntnissen, wissenschaftlichen Arbeiten, vergessenen Perspektiven und jahrzehntealten Debatten. Das Problem dabei ist aber nicht nur, dass Bücher für KI digitalisiert werden.
Der Hype um eine vermeintlich neue Bücherverbrennung führt vielmehr in eine falsche Richtung. Oder: Eine Bücherverbrennung 2.0 findet, da es sich allenfalls um einzelne Exemplare handelt, nicht statt. Problematisch wird es vielmehr dann, wenn aus dem kulturellen Gedächtnis ein Rohstofflager wird, das wenige Unternehmen nach Belieben ausbeuten.
Auch rechtlich ist die Sache komplizierter, als es die Debatte vermuten lässt. Das Urheberrecht schützt schließlich nicht das Papier, sondern das geistige Eigentum dahinter – also unter anderem Ideen, Argumente, Methodik, Struktur und die konkrete Verschriftlichung. Das Scannen von Büchern für das KI-Training ist in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen zudem zulässig, etwa wenn das Werk rechtmäßig erworben wurde, nur der Erhebung von Daten dient und nicht vervielfältigt wird.
Eine Vergütung der Urheber ist aber nicht vorgesehen. Spätestens bei der Frage, ob die Trainingskopien nach ihrer Nutzung tatsächlich gelöscht werden oder für die nächste Modellgeneration weiterleben, steht hinter einer rechtlichen Grauzone aber ein fettes Fragezeichen. Hinzu kommt: Werden die Daten in den USA verarbeitet, gilt das dortige Recht, das den KI-Anbietern weitreichende Befugnisse einräumt.
StimmenSelbst wenn die KI-Anbieter sämtliche rechtlichen Vorgaben einhalten würden, bleibt ein Problem, das noch viel größer sein könnte als die Frage nach Millionen gescannten Büchern. Denn: Wer entscheidet, welches Wissen die Gesellschaft zu sehen bekommt? Big Tech bestimmt etwa heute schon über Suchmaschinen und Plattformen mit, welche Informationen prominent auftauchen und welche irgendwo im digitalen Nirvana verschwinden.
Bei Chatbots könnte dieser Einfluss noch unmittelbarer werden. Die Gefahren wären im schlimmsten Fall einseitige, unvollständige oder unkritische Informationen. Denn ein KI-Modell kann nicht nur Wissen zugänglich machen, sondern durch Auswahl und Gewichtung auch die Wahrnehmung prägen. Oder: manipulieren!
Wenn Google, Anthropic und Co. ihren Chatbots diverse Online-Artikel oder Bücher einverleiben, ihre Modelle damit trainieren und geistiges Eigentum ohne Nachfrage oder Vergütung vervielfältigen, entsteht ein ziemlich einseitiger Deal. Oder: Die einen liefern den geistigen Rohstoff, ohne davon zu profitieren, und die anderen bauen daraus KI-Modelle, um Geld zu scheffeln.
Klar: Eine Digitalisierung von altem Wissen und Informationen ist zunächst einmal toll. Doch nicht einzelne Unternehmen sollten die Macht darüber haben, was davon zugänglich gemacht wird und was nicht. Und vor allem: Sie sollten es nicht ohne Absprache tun.
Sonst könnte aus der Digitalisierung des Menschheitswissens am Ende eine Privatisierung des Zugangs dazu werden. Und aus dem Versprechen, Wissen für alle verfügbar zu machen, ein System, in dem einige wenige Konzerne zum Wächter des kollektiven Gedächtnisses werden.
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