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Seit Anfang August verpasst Anthropic Texten seines Chatbots Claude ein unsichtbares Wasserzeichen und verkauft das als Durchbruch für mehr Transparenz. Die Realität sieht anders aus: Das Wasserzeichen kann nicht zwischen „geschrieben“ und „überarbeitet“ unterscheiden, verwässert bei kleinsten Änderungen und produziert eine Scheinsicherheit, die gefährlicher sein könnte als gar keine Kennzeichnung. Eine kommentierende Analyse. Wie das […]
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Seit Anfang August verpasst Anthropic Texten seines Chatbots Claude ein unsichtbares Wasserzeichen und verkauft das als Durchbruch für mehr Transparenz. Die Realität sieht anders aus: Das Wasserzeichen kann nicht zwischen „geschrieben“ und „überarbeitet“ unterscheiden, verwässert bei kleinsten Änderungen und produziert eine Scheinsicherheit, die gefährlicher sein könnte als gar keine Kennzeichnung. Eine kommentierende Analyse.
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Bei KI-Bildern und -Videos sind mehr oder weniger unsichtbare Wasserzeichen längst gang und gäbe. Bei Texten musste man sich bislang auf sein Bauchgefühl oder bestimmte Erkennungstools verlassen, die nach statistischen Auffälligkeiten suchen. Doch je besser Sprachmodelle werden, desto schwieriger wird es auch, bestimmte KI-Merkmale zuverlässig zu erkennen und von menschlichen Texten zu unterscheiden – zumal Vorverurteilungen aufgrund fälschlicher Verdachtsmomente keine Seltenheit sind.
Im ersten Moment erscheint Anthropics KI-Wasserzeichen deshalb verlockend. Fake-Bewertungen, Social-Media-Bots oder Desinformationskampagnen könnten einfacher enttarnt werden. Das Problem: Fehlinterpretationen sind vorprogrammiert – etwa wenn ein menschlicher Text mit Claude übersetzt, überarbeitet oder nur sprachlich verbessert wurde.
Die technische Umsetzung wirft zudem Fragen auf. Denn: Es wird nicht irgendwo ein verstecktes Zeichen eingebaut, sondern die statistische Auswahl der Token wird beeinflusst, was sich zwangsläufig auch auf die Qualität der Inhalte auswirkt – wenn auch nur marginal.
Indes: Auf Papier ist ein Wasserzeichen an ein Medium gebunden. Bei Bildern und Videos auch, nämlich an eine Datei. Digitaler Text hingegen ist Copy and Paste und damit an praktisch nichts gebunden, außer eben an Buchstaben und Wörter. Daraus zuverlässig gewisse Muster abzuleiten, erscheint mir irrsinnig.
Das ist offenbar auch Anthropic klar. In seinen FAQ gibt das Unternehmen das Problem unverblümt zu. Dort heißt es, dass das Wasserzeichen nur bestimmen kann, dass Claude wahrscheinlich irgendwie mit einem Inhalt zu tun hatte. Es könne aber nicht zwischen „geschrieben“ und „überarbeitet“ unterscheiden. Will heißen: Kann funktionieren. Kann es aber auch nicht. Manchmal. Vielleicht.
Versteht mich nicht falsch: Die grundsätzliche Idee eines solchen Wasserzeichens ist gut. Die Umsetzung und vor allem die Vermarktung sind aber eine Katastrophe. Zumal das Wasserzeichen von Anthropic eher für Verwirrung denn Transparenz sorgt. Etwa dann, wenn die Funktion Texte für sich vereinnahmt, die gar keine KI-Inhalte sind. Anstelle dieses Wirrwarrs hätte Anthropic die EU auch einfach fragen können, wie man die Anforderungen umsetzen soll, wenn man es schon selbst nicht kann.
StimmenFür Nutzer könnte das Anthropic-Wasserzeichen vor allem dann zu einem Problem werden, wenn aus einer kleinen Hilfestellung plötzlich ein vermeintlicher Beweis für den Einsatz künstlicher Intelligenz wird. Denn: Wer einen selbst geschriebenen Text von Claude überarbeiten lässt, muss künftig womöglich mit dem Risiko leben, dass er als KI-Inhalt degradiert wird.
Auch Übersetzungen sind ein Minenfeld. Der AI Act sieht zwar Ausnahmen für Standardbearbeitungen und nicht wesentliche Veränderungen vor. Aber wo genau wesentliche Veränderungen beginnen und wo marginale Anpassungen aufhören, dürfte im Zweifel ebenso schwer zu beantworten sein wie die Frage, ob Claude das überhaupt zuverlässig unterscheiden kann.
Damit könnte das Wasserzeichen sogar ein zusätzliches Hemmnis sein. Außerdem produziert es vermeintliche Sicherheit, die unsicherer sein könnte als völlige Ahnungslosigkeit – etwa bei Überinterpretationen. Zumal die Grenzen zwischen menschlichen und künstlich generierten Texten ohnehin längst verschwommen sind.
Letztlich erweist Anthropic also weder sich selbst noch der EU und noch weniger seinen Nutzern einen Dienst, sondern bindet sich selbst einen Bären auf, wenn der Glaube suggeriert wird, dass sich KI-Inhalte anhand von Wortmustern von menschlichen Inhalten unterscheiden ließen.
Und selbst wenn das Wasserzeichen tatsächlich identifizierbar wird, wobei es eine solche Schnittstelle noch gar nicht gibt, dürfte das Katz-und-Maus-Spiel erst beginnen. Texte könnten etwa im Nachhinein verändert werden, sodass das Wasserzeichen verwässert wird. Vermutlich wird es sogar Tools geben, die versprechen, es zu eliminieren.
Oder kurzum: Besonders aufschlussreich ist das Wasserzeichen von Anthropic nicht. Es stiftet vielmehr Verwirrung und wird als etwas verkauft, das es nicht halten kann. Oder noch kürzer: Es ist nutzlos!
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