Nach dem Hackerangriff auf zwei Berliner Senatsverwaltungen zeigt sich immer mehr das Ausmaß. Was betroffen ist – und warum Berlin gewarnt war.
Der Hackerangriff auf zwei Berliner Senatsverwaltungen beeinträchtigt inzwischen digitale Angebote in der ganzen Stadt.
Die Sicherheitsanalysen beanspruchen inzwischen wohl so viel Leistung im Berliner Landesnetz, dass andere Systeme langsam laufen oder zeitweise nicht erreichbar sind. Damit trifft der Vorfall nun die Bürger unmittelbar.
Die Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sowie für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt bleiben seit Freitag vom Landesnetz getrennt. Internet, externe E-Mails und Homeoffice funktionieren dort nicht. Telefonisch sind die Häuser erreichbar. Die Bauverwaltung nennt sich grundsätzlich arbeitsfähig, Beschäftigte sprechen dagegen von weitgehender Arbeitsunfähigkeit.
Öffentlich wurde der Angriff erst am Montag. Die Senatskanzlei teilte mit, forensische Untersuchungen hätten eine „Inkriminierung des Landesnetzes“ ergeben. Gemeint ist: Unbefugte sind in die Verwaltungs-IT eingedrungen. LKA, Staatsanwaltschaft und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik ermitteln, ein Notfallkrisenstab koordiniert die Abwehr. Wann die beiden Häuser wieder ans Netz gehen, ist offen.
Der Ausfall reicht bereits bis in die Bezirke. In Pankow, aber auch in Marzahn-Hellersdorf, ist die Fallbearbeitung bei Wohngeld, Bildung und Teilhabe, Wohnberechtigungsscheinen, Kataster und Zweckentfremdung nicht möglich. Weitere Bezirke bestätigten Störungen; es könnten aber auch Leistungen für Bildung und Teilhabe ausbleiben.
Christine Richter, Sprecherin der Senatskanzlei, bestätigte auf Nachfrage der Berliner Zeitung: „Aufgrund der Isolierung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen vom Landesnetz Berlin gibt es Einschränkungen bei Bürgeramtsdienstleistungen wie der Beantragung von Wohngeld. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen arbeitet mit Hochdruck an einer Lösung, um die Auszahlung von Wohngeld sicherzustellen.“ Es sei noch nicht absehbar, wann die Senatsverwaltungen wieder ans Landesnetz angebunden werden. „Die Sicherheit des Landesnetzes hat oberste Priorität.“
Wohngeld-Auszahlung steht am 31. August anBeim Wohngeld steht am 31. August die Zahlung für September an. Ob mehr als 50.000 Berliner Haushalte ihr Geld rechtzeitig erhalten, ist ungeklärt. Die Anträge bearbeiten zwar die zwölf Bezirke; das zentrale Fachverfahren betreut jedoch die isolierte Bauverwaltung.
Verzögerungen können auch Bau- und Widerspruchsverfahren, Wohnungsbauförderung, Bürgerbeteiligungen, Straßenbau und Baustellenkoordination treffen. Nicht jedes Verfahren ist ausgefallen. Wo Fachsoftware oder der Austausch mit anderen Behörden nötig sind, stockt aber die Arbeit. Wer eine Frist einhalten muss, sollte den Eingang seiner Unterlagen telefonisch klären und dokumentieren.
Auch das Portal für den Online-Antrag auf Briefwahlunterlagen war am Dienstag stundenlang nicht erreichbar. Bei Aufrufen von wahlscheinantrag.berlin.de erschien eine Fehlermeldung des Browsers, die Seite sei vorübergehend nicht erreichbar. Gewählt werden am 20. September das Abgeordnetenhaus und die zwölf Bezirksverordnetenversammlungen. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Inneres sagte der Berliner Zeitung, der Ausfall hänge aber nicht mit dem Hackerangriff zusammen. Das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, arbeite daran, den Fehler zu beheben.
Ungeklärt ist, welche Daten die Täter kopieren konnten. Der RBB berichtet von „zum Teil sehr sensiblen Daten“. Die Senatskanzlei widerspricht: Nach jetzigem Stand seien nur frei zugängliche Geoinformationen abgeflossen. Zugleich wird geprüft, ob der bekannte Vorfall von einem weiteren Angriff ablenken sollte. Zu Tätern, Motiv oder einer Lösegeldforderung gibt es keine belastbaren Erkenntnisse.
Teile der IT in eigener VerantwortungWarum der Schutz versagte, lässt sich noch nicht abschließend sagen. IT-Forensiker müssen Einbruchsweg und Reichweite klären. Laut RBB nutzten die Täter eine Schwachstelle im IT-Betrieb der Bauverwaltung. Für diesen Bereich war nicht der landeseigene IT-Dienstleister ITDZ verantwortlich. Bau- und Verkehrsverwaltung teilen Teile ihrer IT und betreiben sie in eigener Verantwortung.
Darin liegt Berlins strukturelles Risiko. Das vom ITDZ betriebene Landesnetz verbindet über mehr als 1000 Kilometer Glasfaser rund 600 Standorte und wird nach BSI-Vorgaben geschützt. Doch ein sicheres Netz sichert nach Aussage von Fachleuten nicht automatisch jeden angeschlossenen Server, Arbeitsplatz und jedes Fachverfahren. Solange Behörden unterschiedliche Technik selbst betreiben, müssen Updates, Zugriffsrechte und Notfallpläne an vielen Stellen zugleich funktionieren.
Eine Person tippt mit den Fingern auf einer beleuchteten Laptop-Tastatur.
© Philip Dulian/dpa
OneIT@Berlin soll diese zersplitterte Struktur seit Jahren beseitigen. Ende 2025 waren laut Senatskanzlei aber erst rund 2100 Arbeitsplätze auf den standardisierten Berlin-PC umgestellt – bei etwa 84.000 Behördenrechnern. Seit 2026 sollen die Behörden die Migration direkt mit dem ITDZ organisieren; ein zentrales IT-Standard-Controlling wird erst entwickelt. Das Programm soll Ende 2026 aufgelöst, die Zentralisierung anschließend als reguläre Aufgabe des ITDZ fortgeführt werden.
Hinzu kommen Altlasten und Kürzungen. Im Dezember 2024 warnte ITDZ-Chefin Maria Borelli, verschobene Sicherheitsmaßnahmen erhöhten das Risiko von Cyberangriffen. Für den Ausbau des Landesnetzes wurden 2025 ganze 14 von 32 Millionen Euro gestrichen. Im Februar 2025 liefen noch rund 160 Server mit einem Betriebssystem, dessen regulärer Support 2018 geendet hatte. Im März 2026 waren knapp 10.000 Behördenrechner noch nicht auf Windows 11 umgestellt. Das beweist nicht, dass alte Technik den aktuellen Angriff verursachte. Es zeigt jedoch die schwierige Ausgangslage.
Die Risiken sind spätestens seit dem Emotet-Angriff auf das Kammergericht 2019 bekannt. Damals fanden Gutachter unter anderem fehlende Netzsegmentierung und zu weit verteilte Administratorrechte; der Wiederaufbau kostete Millionen. IT-Sicherheitsexperte Manuel Atug urteilt nun, Berlins Cybersicherheit habe sich trotz der Warnungen sogar verschlechtert. Er kritisiert zudem, dass der Senat keine laufend aktualisierte Informationsseite für Bürger anbietet.
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) fordert mehr Investitionen. Die Grünen wollen den Vorfall am Montag im Digitalausschuss behandeln. Zu klären ist: Welche Systeme und Daten waren betroffen? Warum wurde erst Tage später informiert? Welche Notverfahren sichern Leistungen, Fristen und die Briefwahl? Und wann kann ausgeschlossen werden, dass die Täter noch in anderen Teilen des Landesnetzes sind?
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