Nach jahrelanger Viertklassigkeit und drohender Insolvenz ist Energie Cottbus zurück in Liga zwei. Die Fans feiern die Architekten des Aufschwungs.
Als Leonardo Bittencourt wenige Minuten nach dem überraschenden 3:1-Auftaktsieg des FC Energie Cottbus gegen Hannover 96 bei der Rückkehr in die 2. Bundesliga die Fragen von Sky-Reporterin Nele Ocik beantwortete, strahlte er über beide Ohren. „Es ist natürlich ein schöner Moment, wenn man nach einer langen Vorbereitung so erfolgreich in die Saison startet. Für mich fühlt es sich wie nach Hause kommen an. Die Mannschaft hat in den vergangenen Jahren den Fans das gegeben, wonach sie sich so lange gesehnt haben, und ist total zusammengeschweißt. Für mich war es daher nicht schwer, mich in die Truppe zu integrieren“, sagte der Offensivmann.
Claus-Dieter Wollitz überzeugt Leonardo BittencourtIm Sommer war Bittencourt, der bei Energie ausgebildet wurde und 2011 sein Profidebüt feierte, nach 14 Jahren zu seinem Heimatverein zurückgekehrt – und das trotz einer beachtlichen Bundesligakarriere im Gepäck und zahlreicher Angebote aus dem Ausland.
Der mittlerweile 32-Jährige hätte unter anderem nach Griechenland oder Spanien wechseln können, entschied sich aber für den Schritt in die Lausitz. Hauptverantwortlich dafür: Cheftrainer Claus-Dieter Wollitz, der bereits 2011 beim FCE an der Seitenlinie stand und Bittencourt damals zum Profidebüt verholfen hatte.
Obwohl die Erfolgsaussichten nahe des Nullpunkts lagen, rief Wollitz seinen ehemaligen Schützling und Sohn von Cottbus-Legende Franklin Bittencourt an, überzeugte ihn in einem kurzen Gespräch und weckte bei seinem Königstransfer die Lust und Leidenschaft, zurück zu den fußballerischen Wurzeln zu gehen. Das gab den Ausschlag für die Zusage.
Bis zum Sommer trug Leonardo Bittencourt noch das Trikot von Werder Bremen und spielte in der Bundesliga.
© DeFodi.de/Imago
Dass ein Spieler wie Bittencourt, der in seiner Laufbahn unter anderem das Trikot von Borussia Dortmund, dem 1. FC Köln, der TSG Hoffenheim und des SV Werder Bremen getragen hat, für den FC Energie aufläuft, wäre noch vor drei Jahren völlig undenkbar gewesen. Im Sommer 2023 waren die Cottbuser gerade in der Aufstiegsrelegation zur Dritten Liga an der SpVgg Unterhaching gescheitert und bereiteten sich auf eine weitere Saison in der Regionalliga Nordost vor.
Für den einst stolzen Bundesligisten war es die fünfte Spielzeit in Folge in der Viertklassigkeit; doch ein Jahr nach dem Drama von Unterhaching gelang schließlich die Rückkehr in den bundesweiten Profifußball. Zu verdanken war dieser Erfolg in erster Linie zwei Männern: Präsident Sebastian Lemke und Trainer Claus-Dieter Wollitz, der mittlerweile in seiner dritten Amtszeit beim FCE auf der Bank sitzt.
Lemke hatte den Klub im Corona-Winter 2020 übernommen. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal, es drohte eine Insolvenz. Doch dem studierten Betriebswirt gelang es, Energie durch einen Sparkurs und die erfolgreiche Akquise neuer Sponsoren sukzessive finanziell zu konsolidieren. Sein wohl größter Erfolg war allerdings die Rückholaktion von Wollitz im Sommer 2021, die den Grundstein für den sportlichen Erfolg der darauffolgenden Jahre legen sollte.
„Wollitz und Lemke kann man mittlerweile eigentlich ein Denkmal bauen. Was die beiden für den Verein geleistet haben, ist phänomenal. Es gab zu Regionalligazeiten nicht wenige Fans, die davon überzeugt waren, dass Energie nie wieder höherklassig spielen würde – und jetzt sind wir nach zwölf Jahren zurück in der Zweiten Liga und schlagen zum Auftakt in einem vollen Stadion ein Team wie Hannover 96. Das ist einfach fantastisch“, sagt Energie-Fan Kay Herzberg im Gespräch mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung.
Der gebürtige Brandenburger verfolgt den Verein seit mehr als 20 Jahren und hat in dieser Zeit so manches Auf und Ab erlebt. Von einer Euphoriewelle wie seit 2024 mit zwei Aufstiegen in drei Jahren hätte aber selbst er nicht zu träumen gewagt. Das Vereinsmitglied betont: „Es fühlt sich einfach nur an wie ein Rausch, der nicht mehr aufhört.“
Doch trotz aller sportlichen Erfolge gibt es auch weiterhin Herausforderungen, mit denen der FC Energie zu kämpfen hat. Dazu zählen vor allem infrastrukturelle Probleme: Sowohl das Stadion als auch der Trainingsplatz der Profimannschaft in der Spremberger Vorstadt sind ordentlich in die Jahre gekommen, eine Sanierung schon lange überfällig.
Für die Erneuerung des Trainingsplatzes stellte die Stadt rund um Oberbürgermeister Tobias Schick daher in diesem Sommer Mittel in Höhe von 500.000 Euro zur Verfügung. „Wir sind den Verantwortlichen der Stadt Cottbus sehr dankbar, dass sie dieses Projekt genehmigt haben. (…) Auch wenn es etwas länger gedauert hat, freuen wir uns, dass unsere Mannschaft dann zur kommenden Saison einen neuen und hochmodernen Trainingsplatz zur Verfügung haben wird. Solche Top-Bedingungen sind im Profifußball immens wichtig“, freute sich Lemke über die Fördermittel.
Etwas komplizierter sah die Lage beim Stadion aus. Bereits in der Saison 2024/25, als der FCE schon einmal um den Aufstieg in die Zweite Liga mitspielte, hatten die Vereinsverantwortlichen öffentlich auf den Sanierungsbedarf der Heimspielstätte aufmerksam gemacht. Denn die Ansage der Deutschen Fußball-Liga (DFL) war damals klar und deutlich: Für den Erhalt der Zweitligalizenz müssten Modernisierungsarbeiten in Millionenhöhe stattfinden.
Aus eigener Hand konnte der Verein die Bauarbeiten allerdings nicht stemmen; es folgte daher ein längerer bürokratischer Prozess, an dessen Ende das Land Brandenburg die nötigen Zahlungen schließlich zusagte. Das Problem: Ein knappes Jahr später wartete der FC Energie immer noch darauf – was Wollitz im Februar 2026 zu einer Wutrede auf einer Pressekonferenz veranlasste.
„Sie sind nicht mal in der Lage, zugesagte Sachen, im März letzten Jahres, Ende Februar 2026 umzusetzen. Es ist peinlich, es ist abartig und es ist bodenlos, wie mit diesem Verein, in dieser Region, in diesem Land umgegangen wird. Wir bekommen null Anerkennung, null Respekt, null Unterstützung, das ist einfach nur zum Fremdschämen“, polterte der 61-Jährige damals.
Es waren Worte, die bei der Landesregierung in Potsdam für Verwunderung sorgten. „Mir erschließt sich nicht ganz, was Herr Wollitz damit bezwecken wollte. Das ist eigentlich auch von der Wortwahl her alles ziemlich peinlich. „Ich glaube, im Fußball sagt man zu sowas: Eigentor“, entgegnete der stellvertretende Regierungssprecher Michael Schlick.
Ein knappes halbes Jahr später sind die Wogen zwischen dem Verein und der Politik allerdings wieder geglättet. Mittlerweile hat der FCE Fördergelder in Höhe von 1,67 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen, von denen unter anderem die Flutlichtanlage von 800 auf 1200 Lux erhöht sowie Presse- und Zuschauerbereiche modernisiert wurden.
„Die Zeit drängt und umso wichtiger ist es, dass nun, schon bevor die sportliche Entscheidung fallen wird, Klarheit und Perspektive für uns und das Stadion geschaffen wurden. Jetzt kommt viel Arbeit auf uns zu, die wir dank der Unterstützung durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport allerdings gerne auf uns nehmen“, betonte Lemke.
Ob der Standort des Stadions damit auch langfristig erhalten bleibt, ist allerdings noch offen. Eine vom Verein in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie soll daher die Frage klären, ob perspektivisch ein Stadionumbau an einem anderen Ort in der Stadt sinnvoll sei.
Das Spiel gegen Hannover 96 wurde von den Fans des FC Energie Cottbus im Stadion zu einer emotionalen Rückkehr in die 2. Liga gemacht.
© Fotostand/Weiland/Imago
Eines steht allerdings bereits jetzt fest: In den kommenden Jahren wird weiterhin im ehemaligen Stadion der Freundschaft gespielt. Am vergangenen Wochenende gaben die Fans beim Heimsieg gegen Hannover schon einmal einen Vorgeschmack darauf, was die Teams aus Wolfsburg, Kaiserslautern, Berlin oder Hamburg dort in dieser Saison erwarten wird.
Die Stimmung auf der Nordtribüne war weit vor dem Anpfiff bereits phänomenal, die knapp 18.000 Zuschauer sorgten während der 90 Minuten für Gänsehautatmosphäre und trieben ihre Mannschaft voran.
Überragender Mann auf dem Platz war dabei einmal mehr Tolcay Ciğerci, der bereits in den vergangenen zwei Jahren der Unterschiedsspieler im Cottbuser Kader war und auch gegen Hannover doppelt traf. „Besser hätten wir nicht starten können – nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen aus der ganzen Region, die hier ins Stadion kommen. Dass wir im ersten Spiel in der zweiten Liga den ersten Sieg feiern durften, ist überragend“, betonte der Spielmacher.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Trotz des Auftaktsieges wird es für den FC Energie in dieser Saison nur um den Klassenerhalt gehen. Denn gegen Hannover täuscht das Ergebnis in anderen Statistiken ein wenig über den Spielverlauf hinweg – was auch Claus-Dieter Wollitz nach dem Abpfiff erkannte.
„Wir stellen uns hierhin und sagen: Wir wollen Hurra-Fußball, wir wollen mutigen Fußball. All das ist nicht erkennbar. Eine etwas andere Art sollte man schon an den Tag legen, wenn man der Meinung ist, man muss zweite Liga spielen“, betonte er. Die nächste Chance dazu haben seine Spieler am Sonntag um 13.30 Uhr. Dann tritt der FC Energie auswärts bei Arminia Bielefeld an.
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