Statistisch gelingt Hertha BSC der beste Saisonstart seit langer Zeit. Trotz vieler Abgänge begeistert das Team von Stefan Leitl mit neuem Kollektivgeist.
2. Bundesliga
Selbst zwei Stunden nach dem Abpfiff war die Freude bei so manchem Fan von Hertha BSC ob des zuvor Erlebten noch nicht verflogen. Wollte man in der vergangenen Saison gerade zu Beginn der Saison nach Heimspielen – anders als es Frank Zander in seiner Kulthymne singt – nur möglichst schnell nach Hause, so sah das am Samstagnachmittag ganz anders aus.
Die Geschichte vom 4:1-Triumph gegen Bundesliga-Absteiger 1. FC Heidenheim musste an der Bushaltestelle im Südosten der Hauptstadt, unweit von der Heimstätte des 1. FC Union Berlin, auch wirklich jedem Wartenden erzählt werden. Manch Fan hatte seine Stimme bereits auf dem Weg dorthin verloren. Tage wie diese, an denen man als Fan von Hertha BSC mit einem Glücksgefühl wie diesem die Heimreise antreten kann, waren in der jüngsten Vergangenheit schließlich rar gesät.
Nach dem 1:0-Sieg zum Zweitliga-Auftakt beim VfL Bochum hatte das Team aus Charlottenburg auch das erste Heimspiel gewonnen. Statistisch gesehen ist der Mannschaft von Trainer Stefan Leitl damit der beste Start seit der Saison 2018/19 gelungen. Selbst in der Spielzeit 2012/13, als Hertha BSC am Ende mit 76 Punkten als Meister mit deutlichem Abstand die direkte Rückkehr in die Bundesliga feierte, war man nur mit einem Punkt aus den ersten beiden Partien gestartet.
Und in der Saison 2010/11, als man nach dem Abstieg ebenfalls souverän Zweitligameister wurde, war man zwar ebenfalls mit zwei Siegen gestartet, aber durch die schlechtere Tordifferenz gegenüber der Konkurrenz nur Fünfter der Tabelle. Nach den Ergebnissen vom Sonnabend war bereits klar, dass Hertha BSC auch diese Bilanz knacken und den zweiten Spieltag mindestens auf Platz drei beenden würde.
Genau das ist mit Blick auf die Zeit nach dem Abstieg vor drei Jahren die wohl spannendste Statistik. Denn: In den zurückliegenden drei Spielzeiten war Hertha BSC nach einem Spieltag nie über Platz sechs hinausgekommen. Genau das hatte man den Mannschaften in diesen drei Saisons wohl eher zugetraut als dem aktuellen Kader.
Die Abgänge von Fabian Reese, Tjark Ernst, Kennet Eichhorn oder Michael Cuisance schienen nur schwer zu kompensieren zu sein. Doch Stefan Leitl hat nach außen keine personellen Forderungen gestellt, sondern die veränderten Bedingungen angenommen und offenbar einen Weg gefunden, wie Hertha BSC auch mit dieser stark veränderten Mannschaft erfolgreich sein kann.
Es ist die Leistung als Kollektiv, gepaart mit Disziplin, harter Arbeit und einem neuen Teamgeist, die für diesen überraschend guten Saisonstart gesorgt hat. „Es liegt daran, dass jeder wieder seine Aufgabe zu 100 Prozent erledigt hat. Wenn sich jeder an den Plan hält, dann sieht es oft gut aus“, sagte Verteidiger Niklas Kolbe nach dem 4:1 gegen Heidenheim.
Das sorgte natürlich für eine wichtige Nachfrage in der Mixed-Zone des Berliner Olympiastadions. Hatte sich in der vergangenen Saison nicht jeder an den Plan des Trainers gehalten? „Doch, aber nicht so als Gemeinschaft“, so Kolbe. „Wenn jeder für den anderen kämpft und jeder dem anderen alles gönnt, sieht man, was dabei herauskommen kann. Dann verschiebt man als Mannschaft seine Grenzen nach oben.“
Ein sehr gutes Beispiel dafür, wie das bei Hertha BSC im Moment gerade gelingt, ist Sebastian Grönning. Durfte er in der vergangenen Saison meistens nur in der Schlussphase ran und konnte dort keine wirkliche Bindung mehr zum Spiel finden, so ist er jetzt ein wichtiger Teil des Plans von Stefan Leitl.
Und das zahlte er mit seinem zweiten Tor im zweiten Spiel prompt zurück. „Mir bedeutet es viel, nach dem Siegtreffer in Bochum wieder getroffen zu haben. Ich hatte nie Zweifel an mir selbst. Ich habe immer das Vertrauen in mich selbst, dass ich ein Tor schießen kann“, so der Torschütze zum frühen 1:0 in der zweiten Minute.
Der Trainer aber freute sich nicht nur über diesen Treffer nach einer einstudierten Freistoßvariante, sondern insbesondere über die „Art und Weise, wie die Jungs immer wieder in ihr Positionsspiel gefunden haben, wie wir auch nach Ballverlust sofort reagieren konnten, um ins Gegenpressing zu kommen. Es freut mich für die Jungs – aber vor allem ebenso, dass wir unseren Plan nicht verlassen und auch schwierige Momente als Team überstehen können“, so Leitl.
Nun gilt es, diesen Schwung mit in die Partie im DFB-Pokal beim 1. FC Saarbrücken zu nehmen und die Form danach in der 2. Bundesliga für die Spiele in Braunschweig (28. August) und daheim gegen den 1. FC Magdeburg (6. September) zu konservieren. Die Fans würden schließlich nur zu gerne ein weiteres Mal auf ihrer Heimfahrt allen Berlinern von einem tollen Auftritt ihrer Mannschaft erzählen wollen.
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