Bürgergeld wird meist als Frage von Sanktionen diskutiert. Daten zeigen jedoch ein tieferes Problem: Für viele ist Arbeit kein Ziel mehr.
Bürgergeld wird meist als Frage von Sanktionen diskutiert. Daten zeigen jedoch ein tieferes Problem: Für viele ist Arbeit kein Ziel mehr.
Und sie beginnt stets von Neuem: Die Bürgergeld-Debatte kreist wieder um Förderung, Sanktionen, Hilfsbedürftige und Totalverweigerer. Viele Bürger fragen sich daher, ob der Staat seine Mittel in diesem Bereich wirklich zielführend einsetzt.
Die Frage ist verständlich. Sie greift aber zu kurz, wenn sie nur moralisch beantwortet wird. Es geht nicht allein um Fleiß oder Faulheit. Es geht um eine tiefere Verschiebung; denn ein Teil der Langzeitarbeitslosen lebt offenbar längst in einer anderen Normalität und diese Erkenntnis ist nicht nur unangenehm, sondern grundlegend. Sie fordert im Kern einen Paradigmenwechsel.
Andreas Herteux ist Wirtschafts- und Sozialforscher und Autor des Standardwerks zur Geschichte der Freien Wähler (FW). Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Hierfür ist es wichtig, das – bisherige – Leitbild der deutschen Arbeitsmarktpolitik zu kennen: die klassische Defizitthese. Sie prägt große Teile der staatlichen Handlungen. Ihre Logik lautet: Menschen finden keine Arbeit, weil ihnen etwas fehlt. Also müssen Schulabschluss, Ausbildung, Sprache, Gesundheit, Tagesstruktur, Schulden, Suchtprobleme oder soziale Stabilität bearbeitet werden. Sind diese Defizite beseitigt, folgt automatisch die Integration.
Diese Sicht ist nicht grundsätzlich falsch. Sie beschreibt reale Hindernisse. Sie erklärt aber nicht ausreichend, warum Hilfe, Beratung und Maßnahmen bei manchen Menschen trotzdem kaum etwas verändern. Der entscheidende Denkfehler liegt in der Annahme, der Mensch warte nur darauf, repariert zu werden, um anschließend wieder oder auch erstmals in Arbeit zu gehen. Viele tun das tatsächlich. Andere nicht. Es kommt daher offenbar nicht nur auf das Können an, sondern auch auf das Wollen.
Die Auswertung eines großen rehapro-Modellprojekts, an dem ich beteiligt war, zeigt das deutlich. Dabei handelt es sich nicht um eine schnelle Befragung, sondern um eine mehrjährige Begleitung Hunderter Langzeitarbeitsloser mit multiplen Beeinträchtigungen im SGB-II-Bereich und Hunderte Einzeluntersuchungen, die sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt: Routinen, Ausweichbewegungen, Abwehr, Misstrauen, Passivität, Gewöhnung und die langsame Entstehung einer eigenen Normalität.
Der Begriff Arbeitswille ist dabei zentral. Er beschreibt, ob Erwerbsarbeit für eine Person überhaupt noch ein realistischer und gewünschter Bezugspunkt ist. Die Ergebnisse sind hart. Bei 29,8 Prozent galt er als teilweise vorhanden. Bei 21,7 Prozent war er wenig vorhanden, bei 19,8 Prozent nicht vorhanden.
Noch deutlicher wird die Verschiebung bei den Normen. Nur 40,9 Prozent bewerteten bürgerliche Normen positiv. 39,1 Prozent verhielten sich neutral, 12,8 Prozent ablehnend. Das sind nur zwei von mehreren Größen, die aber herausstechen.
Das aus den Daten abgeleitete Milieumodell ordnet diese Unterschiede. Es unterscheidet sechs Gruppen nach Aktivität und Veränderungsbereitschaft.
Veränderungswillige machen 30 Prozent aus. Veränderungsgehemmte 7 Prozent. Orientierungssuchende kommen auf 24 Prozent. Orientierungslose umfassen 15 Prozent. Sie alle sind mit unterschiedlichen Methoden vielleicht noch integrierbar, manche stehen auf der Kippe.
Dann wird es aber problematisch. Eingerichtete machen 17 Prozent aus. Sie müssen nicht laut, aggressiv oder offen verweigernd auftreten. Häufig reicht eine Mischung aus Passivität, Gewöhnung und fehlendem Zukunftsbezug. Noch ein Kurs, noch ein Gespräch, noch ein Angebot verändert dann wenig, weil es keinen inneren Veränderungsimpuls trifft.
Besonders brisant sind die Skeptischen, ebenfalls 7 Prozent. Sie sind nicht unbedingt passiv. Sie können durchaus aktiv sein, aber nicht in Richtung regulärer Arbeitsmarktintegration. Hilfe wird akzeptiert, solange sie den Status quo nicht grundlegend infrage stellt. Genau hier wird sichtbar, warum mehr Angebote allein nicht reichen. Erwerbstätigkeit gehört in diesem Fall für gut 24 Prozent nicht zu einer erstrebenswerten Norm.
Man mag nun die Größe der Stichprobe von einigen Hundert Personen kritisieren, die Regionalität betonen, die Auswahl der Personen oder ideologische Vorbehalte äußern – das Modell ist Anregung, nicht Endstation, und das Material betrachtet sich selbst immer auch kritisch und benennt Limitationen. Und doch bleibt Normverschiebung Realität sowie längst wissenschaftlich anerkannt.
Diese Milieus sind zudem keine Lifestyle-Schubladen. Sie beschreiben, warum dieselbe Maßnahme bei einem Menschen helfen und bei einem anderen scheitern kann. Ein Sozialstaat, der wirklich integrieren will, muss zwischen Bedürftigkeit, Überforderung, Blockade, Passivität und Verweigerung unterscheiden können. Sonst bestraft er die Falschen und erreicht die Richtigen nicht. Und vor allem bewegt sich politisch gar nichts, weil es bei Ideologien bleibt.
Auch die Defizitthese bleibt wichtig. Fehlende Abschlüsse, Krankheiten, mangelhafte Sprachkenntnisse, Integrations- und soziale Probleme verschwinden nicht. Doch sie erklären nur einen Teil des Problems. Der andere Teil liegt in Arbeitswille, Milieu, Normverschiebung und einer Normalität, in der Erwerbsarbeit nicht mehr selbstverständlich ist oder es nie war.
Genau dort beginnt die eigentliche Reformfrage, und sie lautet nicht, wie hart der Staat sein muss. Sondern: Welche Menschen sind noch erreichbar, welche brauchen Stabilisierung, und bei welchen ist klassische Arbeitsintegration zur Fiktion geworden?
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