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Fake-Kampagne soll Migranten zu Ceuta-Ansturm animiert haben

Дата публикации: 03-08-2026 09:14:00

Es war der größte jemals auf dem Gebiet der Europäischen Union verzeichnete irreguläre Grenzübertritt an einem einzigen Tag. Wie kam es zum Ansturm auf Ceuta? Eine Rekonstruktion.

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Es war der größte jemals auf dem Gebiet der Europäischen Union verzeichnete irreguläre Grenzübertritt an einem einzigen Tag. Wie kam es zum Ansturm auf Ceuta? Eine Rekonstruktion.

Die Nachricht verbreitete sich zwischen Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche rasch über die sozialen Netzwerke: „Die spanische Grenze ist offen“, lautete eine Kernbotschaft der vorwiegend auf Arabisch verbreiteten Kurzmeldungen. „Man kann ohne Papiere passieren.“

Für viele endete das tödlich: Bis Sonntagmittag wurden 72 Leichen von Ertrunkenen geborgen. Was bewegte Zehntausende, sich auf ein so waghalsiges und – im Rückblick – aussichtsloses Abenteuer einzulassen? Ein Überblick über das, was bisher bekannt ist – und was nicht.

Die Social-Media-Nachrichten

„Wenn ihr diese Treppen seht, ist euer Traum wahr geworden“: So lautete der spanischen Zeitung „El País“ zufolge eine der Botschaften, die am Donnerstagmorgen auf TikTok verbreitet wurde. Dazu kursierten entsprechende Videobilder aus Ceuta.

Auch in zahlreichen anderen Social-Media-Beiträgen wurde behauptet, Spaniens Grenzen seien offen, ein kürzlich ergangenes Gerichtsurteil verbiete die Zurückweisung von Migranten und das Schwimmen von Marokko nach Ceuta sei problemlos.

Bereits in der Woche zuvor hatten rund 1800 Menschen eine Mole umschwommen, um auf das winzige spanische Territorium zu gelangen, wie die „Financial Times“ berichtet. Potenzielle Migranten hätten schon lange zuvor Schwimmunterricht genommen oder sich das Schwimmen selbst beigebracht, zitiert die Zeitung einen marokkanischen Schwimmlehrer.

Auf Facebook boten Menschen dem Bericht zufolge Schwimmflossen oder Neoprenanzüge zum Kauf an. Man tauschte sich aus über die Meeresbedingungen und die Route zum felsigen Tarajal-Strand von Ceuta. Es wurde geraten, keine Rucksäcke oder schweres Gepäck mitzunehmen. „Badehose und körperliche Ausdauer“ seien alles, was man benötige. Man solle Schwimmgruppen von mindestens sieben Personen bilden, um es den Grenzschützern schwerer zu machen.

Orchestrierte Social-Media-Kampagne soll Migranten zu Ceuta-Ansturm bewegt haben

Die knapp sechs Kilometer lange Strecke von marokkanischen Küstenorten wie Fnideq nach Ceuta zu schwimmen, kann mehrere Stunden dauern, auch weil man um Wellenbrecher, Sperren und eine Mole herumschwimmen muss. Kurzvideos zeigten junge Menschen, die durch Ceuta spazierten oder an Stränden feierten, und versicherten, das Schwimmen um die Mole sei einfach gewesen.

Und immer wieder wurden die falschen Behauptungen verbreitet, die Grenze sei offen und Spanien gewähre automatische Einreiserechte für Menschen von außerhalb der EU.

Einige der Benutzerkonten waren Medienberichten zufolge erst seit wenigen Wochen aktiv. Mehrere haben Zehntausende von Likes. Das deutet darauf hin, dass dahinter eine orchestrierte Kampagne stehen könnte.

Viele Migranten, die in Ceuta an Land gingen, sagten, sie seien von diesen Nachrichten auf den sozialen Medien dazu animiert worden, ihr Glück über das Meer zu versuchen.

Die Szenen am frühen Donnerstagmorgen dann beschreibt die spanische Zeitung „El País“ so: „Vier übernächtigte Journalisten beobachten, wie die Migranten mit ihren Schwimmhilfen, Flossen an den Füßen und an die Unterarme geklemmten Flip-Flops, spärlich bekleidet und mit durchnässten Rucksäcken ankommen.“

Die ersten Schwimmer tauchten der Zeitung zufolge in kleinen Gruppen auf, „während die Sonne gegen den Morgennebel ankämpft“. Die Polizei habe sie bereits erwartet, um sie in die lokale Aufnahmeeinrichtung zu schicken. „Die Jugendlichen, überwiegend Männer, fast alle Marokkaner, sitzen verzweifelt am Grenzübergang, und die angespannte Stimmung lässt eine Massenflucht ahnen, die einige Stunden später tatsächlich eintritt“, schreibt „El País“.

Tatsächlich geriet der Ansturm ab Donnerstagmittag dann außer Kontrolle. Immer mehr Menschen erreichten „unter Jubel und Geschrei spanischen Boden“, wie „El País“ schreibt. Am Schluss sind es offiziellen Schätzungen zufolge bis zu 60.000 Menschen.

Die marokkanische Grenzpolizei

Viele der Migranten, die sich auf den Weg nach Ceuta machten, wurden dazu offenbar von marokkanischen Polizisten und Grenzbeamten ermutigt. Das berichtete unter anderem der 37-jährige Mohammed Ahmidho einem Reporter der „New York Times“. Als er sich der Grenze genähert habe, hätten ihm die Polizisten gesagt: „Willkommen in Spanien.“

Der 25-jährige Youssef Alaoui schildert Ähnliches. Die marokkanischen Grenzpolizisten hätten den Migranten den Weg gewiesen: „Sie sagten nur: ‚Geht in der Richtung weiter, geht in der Richtung weiter!‘“

Offiziell machte die marokkanische Regierung „kriminelle Organisationen“ dafür verantwortlich, ohne dies weiter zu konkretisieren.

Den ganzen Sonntag über begleiten Soldaten Migrantengruppen zurück zur Grenze nach Marokko. Es sollen sich immer noch mehrere Tausend Migranten illegal in Ceuta aufhalten.

Den ganzen Sonntag über begleiten Soldaten Migrantengruppen zurück zur Grenze nach Marokko. Es sollen sich immer noch mehrere Tausend Migranten illegal in Ceuta aufhalten. Ulf Lüdeke / FOCUS online
Jugend ohne Perspektiven

Dass die Social-Media-Botschaften eine solche Massenwirkung entfalten konnten, führen viele Beobachter auf die verzweifelte wirtschaftliche Lage und die fehlenden Zukunftsperspektiven vor allem jüngerer Menschen in Marokko zurück. „Uns geht es darum, unser Leben zu verbessern“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den 16-jährigen Ayoub El Abyad, der sich mit seinem Cousin auf den Weg nach Ceuta gemacht hatte.

Die Ereignisse dieser Woche haben auch Europa politisch erschüttert und erneut die Differenzen in der heiklen Migrationsfrage offenbart, wie die BBC und politische Beobachter kommentierten. Und es stelle sich die Frage, ob hinter dem Ansturm auf Ceuta vielleicht eine organisierte Initiative stecke.

Bericht: Geheimdienst warnte Regierung vor Ceuta-Eskalation

Nach einem Bericht der spanischen Onlinezeitung „The Objective“ hatte der spanische Geheimdienst die Regierung schon Tage vor der Eskalation gewarnt. Quellen aus dem militärischen und zivilen Geheimdienst zufolge ignorierte die Regierung diese Hinweise jedoch.

Und weiteren Recherchen von „The Objective“ zufolge könnte die Untätigkeit marokkanischer Behörden auch mit einem internen Machtkampf in der Regierung des Landes zu tun haben. Marokkanische Quellen in Frankreich, die mit den Machtstrukturen des Königreichs vertraut sind, sehen demnach Fouad Ali El Himma, Berater und persönlicher Freund des marokkanischen Königs Mohammed VI., als Drahtzieher dieser Operation.

Deren Ziel könnte es demnach sein, die Regierung von Premierminister Aziz Akhannouch zu schwächen und El Himmas Kontrolle über den Staatsapparat zu stärken – und das knapp zwei Monate vor den Parlamentswahlen, bei denen El Himma mit einer von ihm gegründeten Partei kandidiert.

Folge eines diplomatischen Streits?

Die Grenzüberquerung könnte auch mit der Rivalität zwischen den Nachbarländern Marokko und Algerien sowie mit einer kürzlichen Reise des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez nach Algier in Zusammenhang stehen. Der letzte Massengrenzübertritt im Mai 2021 war damals eine Reaktion auf einen diplomatischen Streit gewesen, in dessen Folge Marokko die Grenzkontrollen gelockert hatte.

Am 20. Juli hatte Sánchez Algerien besucht, was eine Entspannung in den Beziehungen zu dem Land signalisierte. Dies könnte Marokko als regionalem Rivalen verärgert haben, vermutet Matteo Villa, Migrationsforscher am Italienischen Institut für Internationale Politische Studien, im Gespräch mit dem „Guardian“: „Dass Sánchez nach Algerien gereist ist, hat Marokko nicht wirklich gefallen.“

„50.000 Menschen kommen nicht über Nacht, wenn es normalerweise nur Hunderte pro Monat sind.“

Matteo Villa, Migrationsforscher am Italienischen Institut für Internationale Politische Studien

„Marokko hat die Grenzkontrollen möglicherweise gelockert, um zu zeigen, dass es die Oberhand hat“

„Was 2021 geschah, war die kleine Version dessen, was gestern passiert ist“, sagte er am Freitag. „50.000 Menschen kommen nicht über Nacht, wenn es normalerweise nur Hunderte pro Monat sind.“ Villa vermutete, Marokko habe die Grenzkontrollen möglicherweise gelockert, um zu zeigen, dass es „die Oberhand“ habe – insbesondere, weil die dortigen Behörden wüssten, dass dies in Europa eine Überreaktion auslösen würde. „Sie lieben es, all die Streitigkeiten zwischen den europäischen Ländern zu beobachten.“

Wurden die Migranten also möglicherweise als politisches Druckmittel eingesetzt – oder gar als „politische Waffe“, wie die BBC fragt? Und stecken möglicherweise noch andere Kräfte jenseits der regionalen Akteure dahinter?

Wer profitiert von der Krise?

„Bislang sehen wir nur diejenigen, die sich über die Ergebnisse freuen“, bilanziert die BBC. Ähnlich schreibt es der Journalist Andrea Rizzi in der „El País“: Die weltweite Rechte „hyperventiliert vor Freude“.

US-Präsident Donald Trump, der wütend auf Spanien sei, weil es sich seinem Krieg gegen den Iran widersetzt, habe sich an Spaniens Regierung abarbeiten können und von einer „Katastrophe“ und einer „Invasion“ gesprochen. „Auch Russland hat sich hämisch gefreut: Es liebt Chaos und Spaltung in Europa – alles, was die Verbündeten der Ukraine schwächt“, schrieb Rizzi.

Fernsehbilder von der Küste, „wo während des Ansturms noch Tausende Migranten entlangliefen, zeigten am Morgen eine ruhige Lage“, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Versuche, über das Meer in die Exklave zu gelangen, seien nach Angaben der staatlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt RTVE nicht mehr zu beobachten.

Bojenkette und Barriere sollen jetzt Ceuta-Überwachung verbessern

Nach Angaben einer RTVE-Reporterin installieren einige Arbeiter Bojen als physische Grenze. Am Freitag war bereits eine 500 Meter lange, aufblasbare orangefarbene Barriere befestigt worden. Zusammen mit der Bojenkette soll damit die Kontrolle und Überwachung des Gebiets verbessert werden.

Mit der Schaffung dieser physischen Grenze im Meer will Spanien den Angaben zufolge jene Lücke schließen, die durch das Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs entstanden war. Eine sofortige Zurückweisung von Migranten ist demnach nur dann zulässig, „wenn ein Zaun oder eine andere Sperre überwunden werden muss“. Das ist in Ceuta jetzt der Fall.

Von Lars von Törne

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