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Martin war „privilegiert” – dann verlor er alles

Дата публикации: 08-08-2026 06:59:00

Die Kfz-Lehre brachte er zu Ende, dann starb seine Mutter. Für Martin ging es bergab: Drogen, Obdachlosigkeit, Gewalt. Mit fast 50 hat er wieder eine Perspektive. Woher kommt der Wille, sein Leben doch noch zu ändern?

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Die Kfz-Lehre brachte er zu Ende, dann starb seine Mutter. Für Martin ging es bergab: Drogen, Obdachlosigkeit, Gewalt. Mit fast 50 hat er wieder eine Perspektive. Woher kommt der Wille, sein Leben doch noch zu ändern?

„Ist es okay, wenn ich am Fenster rauche?“, fragt Martin, eine Zigarette in der Hand. Es ist Ende Juli, um 11 Uhr sind es fast 30 Grad. Eine Klimaanlage gibt es in der Gemeinschaftsküche der „Aktion Brücke“ in Germering bei München nicht. 

Die Organisation hilft obdachlosen Menschen in München und Umgebung mit warmen Mahlzeiten oder Kleidung. Manchmal auch mit Behördengängen. 

Martin, 49, graue Haare, Muscle-Shirt, volltätowiert, wohnt und arbeitet hier. Er will seinen Nachnamen nicht im Internet lesen. „Bevor ich hierherkam, war mein Leben beschissen“, sagt er und schaut aus dem Fenster.  

„Drogen, Alkohol und Gewalt. Das war mein Alltag“

Die Zigarette zwischen seinen Fingern qualmt. „Auf der Straße, mit Drogen, Alkohol und Gewalt. Das war mein Alltag.“ Martin drückt die Zigarette aus. Dann setzt er sich an den weißen Küchentisch, auf dem zwei weiße Kerzen stehen, und trinkt einen Schluck Wasser. 

Das bedeutet: Sie haben keinen eigenen oder durch einen Mietvertrag abgesicherten Wohnraum. Etwa 56.000 von ihnen lebten 2024 ganz ohne Unterkunft auf der Straße – wie Martin. In solchen Fällen spricht man von Obdachlosigkeit. 

„Ich möchte nur ein stinknormales Leben“ 

Martin steht in seinem Zimmer. Es liegt nur wenige Schritte von der Gemeinschaftsküche entfernt. Zwei, drei Paar Schuhe sind fein säuberlich in einem Regal neben der Tür einsortiert.  

Martins Zimmer ist hell und groß, es hat 20, vielleicht 25 Quadratmeter. Er wohnt seit Februar hier. Auf der rechten Seite befindet sich ein Bett mit roter Decke und vier verschiedenen Kissen, darunter eines in Herzform.

Martin besitzt rund 15 verschiedene Parfums, die auf einer Kommode stehen. Die Flacons glänzen. Auf der Straße konnte er nicht einfach duschen, wann er wollte. Vielleicht markieren die Düfte eine unsichtbare Grenze. Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach der Obdachlosigkeit.

„Eigentlich möchte ich nur ein stinknormales Leben führen“, sagt Martin mit verschränkten Armen. Auf einem prangt ein Totenkopf-Tattoo. „Aufstehen, arbeiten, Freizeit.“ Wenn der Ex-Obdachlose durch sein Zimmer geht, lächelt er. Es ist das erste Mal bei diesem Besuch. 

Martin hatte keine schlechte Kindheit  

Martin sagt, er sei „privilegiert“ aufgewachsen. In München, Stadtteil Hasenbergl. „Meine Familie hatte Geld. Uns ging es gut. Ich hätte 1000 Euro im Monat ausgeben können, kein Problem.“  

Martins Vater leitete ihm zufolge mehrere Unternehmen in der Auto-Branche. Der Sohn trat in seine Fußstapfen und schloss eine Lehre zum Kfz-Mechaniker ab. Es hätte der Startschuss in das stinknormale Leben sein können, das Martin sich heute wünscht.  

Er scheiterte an sich selbst. Mit 13 griff Martin zum ersten Mal zu Drogen. Aus Langeweile, sagt er. Und, weil Drogen in Martins Viertel leicht zu bekommen waren. Das Münchner Viertel Hasenbergl galt lange als sozialer Brennpunkt. Erst in den vergangenen Jahren änderte sich der Ruf.  

Heute spricht Martin vom „Scheißzeug“, das er nie hätte anfassen sollen. Er sagt auch, dass seine Eltern lange nichts von seiner Drogensucht mitbekommen hätten. Der Vater: verliebt in seinen Job. Die Mutter: schwer lungenkrank.  

„Martin ist ein ordentlicher Mensch“ 

Es ist Mittag. Die Temperaturen liegen inzwischen bei über 30 Grad. Martin fragt, ob er sich kurz umziehen kann. Im Hof stehen mehrere Lieferfahrzeuge. Kartons stapeln sich. Mitarbeiter der „Aktion Brücke“ sortieren Kleiderspenden.  

„Normalerweise wär‘ ich jetzt da unten“, sagt Martin. Er trägt mittlerweile ein weißes Ripp-Top. „Möchten Sie noch einen Kaffee?“, fragt er. Dann geht er die Treppe hinunter, durch den Hof zum kleinen Garten der Anlage. Er bürstet schweigend den mittelgroßen Holztisch ab, damit niemand im Schmutz sitzen muss.  

„Martin ist ein sehr ordentlicher Mensch“, sagt Anja Sauer. Sie ist Vorstandsvorsitzende bei der „Aktion Brücke“. Sauer, 41 Jahre alt, schwarze Brille, schulterlange, braune Haare, dunkle Hose und T-Shirt, kennt den Ex-Obdachlosen seit einigen Jahren.  

Sauer und Aichinger

Anja Sauer und Veronika Aichinger sitzen im Garten vor dem Haus, in dem die „Aktion Brücke” untergebracht ist. FOCUS online/Anna Schmid

Martin, erzählt sie, sei einer der wenigen, die es von der Straße in ein geregeltes Leben zurückgeschafft haben. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Klienten der „Aktion Brücke“ sind traumatisiert und drogenabhängig. Sie bleiben auf der Straße, bis sie sterben.  

„Ich fühle mich manchmal wie ein Mörder“ 

Martin hat früh den für ihn wichtigsten Menschen verloren. Seine Mutter starb, als er 23 war. Er ließ die Maschinen im Krankenhaus abstellen, sagt Martin. Das habe seine Mutter so gewollt. „Manchmal fühle ich mich wie ein Mörder, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt.“  

Trauer hat viele Facetten: Leere, Verzweiflung, Wut, Schuld oder das Gefühl, einen Teil von sich selbst verloren zu haben. Martin betäubte seinen Schmerz mit Alkohol und Drogen. Er wurde arbeits- und obdachlos. 

Mehrmals landete Martin im Gefängnis. Wenn man ihn fragt, warum er inhaftiert wurde, sagt er: Körperverletzung, Diebstahl, Betrug. „Beschaffungskriminalität eben.“ Es ist eine schmucklose Erzählung. Martin ist kein Held, das weiß er. Aber er will zeigen, dass er aus seinen Fehlern gelernt hat.  

Bei der „Aktion Brücke“ leistete der 49-Jährige Sozialstunden ab. Er machte sich so gut, dass er bleiben durfte. Als Hausmeister hilft Martin heute beim Be- und Entladen der Spendenfahrzeuge, putzt Autos und Räumlichkeiten der „Aktion Brücke“ und führt kleinere Reparaturen durch. Im Winter schippt er Schnee in der Hofeinfahrt. 

Martins Kampf mit sich selbst 

Wer mit Martin spricht, merkt, dass ihn sein altes Leben begleitet, wie ein Schnupfen, den man nie ganz los wird. Er führt jeden Tag einen Kampf mit sich selbst. Martin nimmt zwar keine Drogen mehr. Er wird aber substituiert, bekommt also legale, ärztlich verordnete Ersatzstoffe für Heroin. 

Martin muss bei der „Aktion Brücke“ Verantwortung übernehmen. Wenn es Probleme gibt, kann er nicht einfach flüchten, sondern muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Sonst läuft er Gefahr, seine Arbeit und seine Bleibe zu verlieren.  

Veronika Aichinger, 51, die die „Aktion Brücke“ mit Anja Sauer gegründet hat, sagt: „Man darf nicht vergessen, dass Martin seit fast 40 Jahren auf Drogen ist. In schwierigen Situationen kommt immer wieder der Gedanke, sich den Kopf freizumachen – mit Substanzen.“ Martins Herausforderung besteht darin, genau das nicht zu tun.  

Er musste auch lernen, zu vertrauen. Im Gefängnis kam ihm sein Glaube an andere Menschen abhanden. Nach seinem Einzug im Februar konnte Martin eine Woche lang nicht schlafen. Weil er dem Frieden nicht traute. Aber: Er will. Und das, sagt er, ist das Wichtigste. Wirklich etwas am eigenen Leben verändern zu wollen. 

Die Normalität, die gar nicht mehr auffällt 

Aichinger hat platinblonde, lange Haare. Heute trägt sie ein lila T-Shirt, die Sonnenbrille hat sie sich in die Haare gesteckt. Einmal lud sie Martin zum Grillen bei sich zu Hause ein, erzählt sie. „Für ihn war das ein besonderer Abend. Er hat sich zigmal bei mir bedankt.“ 

Vielleicht ist die Normalität, die anderen gar nicht mehr auffällt, am Ende das, was Martin am meisten hilft. Grillen im Garten mit Freunden. Über den Alltag quatschen. Meckern über die Hitze. 

Seit ein paar Monaten hat Martin eine Freundin. Er kennt sie schon seit 16 Jahren. Beide kehrten den Drogen und der Obdachlosigkeit den Rücken, haben heute Job und Wohnung. „Vielleicht ist es Schicksal, dass wir erst jetzt zueinandergefunden haben“, sagt Martin, als er in der Gemeinschaftsküche der „Aktion Brücke“ raucht. Und klingt fast ein bisschen stolz auf so viel Normalität. 

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