Viele Wirtshäuser kämpfen mit steigenden Kosten und einem Modell, das viel Fläche und Zeit bindet. Zukunft haben Betriebe, die ihre Abläufe ändern.
Viele Wirtshäuser kämpfen mit steigenden Kosten und einem Modell, das viel Fläche und Zeit bindet. Zukunft haben Betriebe, die ihre Abläufe ändern.
Wenn im Dorf oder im Viertel das letzte Wirtshaus schließt, ist das Bedauern meist groß. Der Stammtisch verliert sein Zuhause, der Verein seinen Treffpunkt und Familien den Ort für ihre Feiern. Die Wertschätzung für das klassische Gasthaus ist groß. Das reicht in der Regel aber nicht, um den Betrieb wirtschaftlich zu tragen. Denn die traditionelle Gastwirtschaft geht zugrunde, weil ihr Geschäftsmodell schon längst nicht mehr aufgeht.
Lorenz Strasser ist Gastronom, Unternehmer und Gründer des HR-Tech-Anbieters Pentacode. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der klassische Gastronomiebetrieb ist in den allermeisten Fällen ein Ort der räumlichen Großzügigkeit. Mit einer Wirtsstube für das Tagesgeschäft, einem Nebenraum für die Familienfeier und oft auch mit einem Saal für Hochzeits- und Betriebsfeiern.
Ebenso großzügig sind die Öffnungszeiten gehalten. Mittags für die Senioren, abends für die Stammgäste, Familien und örtlichen Gruppen. Sind dann noch Fremdenzimmer vorhanden, muss morgens auch noch Frühstück zubereitet werden. Und geschlossen wird, wenn der letzte Gast gegangen ist. Das gebietet schließlich die Gastfreundschaft.
So traditionell wie das Konzept ist in solchen Lokalen auch meist das Verhalten der Gäste. Der langen Verweildauer durch „Sitzenbleiben“ steht oft ein geringer Umsatz pro Gast gegenüber.
Vier Bier in drei Stunden beim Schafkopf oder Skat führen bei den meisten Gästen zu einem leicht rauschhaften Zustand, doch für den Wirt zu einem zu geringen Ertrag. Das große Raumangebot wird nur zeitweise ausgelastet. Den vielen umsatzschwachen Öffnungsstunden stehen nur relativ wenige wirklich profitable Zeiten gegenüber. Die gesellschaftliche Funktion als Begegnungsstätte wird von den Gästen nicht bezahlt. Betriebswirtschaftlich ausgedrückt, verkauft das Wirtshaus die Aufenthaltszeit zu billig.
Dies alles geschieht auf dem Rücken des Gastwirts. Wirtsfamilien arbeiten weit mehr als für ihre Leistung tatsächlich bezahlt wird. Sie bezahlen lange Öffnungszeiten mit privater Lebenszeit.
Wenn am Monatsende unterm Strich dennoch etwas übrigbleibt, liegt das meist an einer sehr günstigen Pacht oder dem Umstand, dass das Gasthaus schon seit langen Jahren im Eigentum der Wirtsfamilie ist. Das Geschäftsmodell beruht im Grunde auf günstiger Arbeit durch familiäre Selbstausbeutung und niedrigen Immobilienkosten.
Dieses Modell kann nur funktionieren, solange die Rahmenbedingungen stabil bleiben. Steigende Kosten für Personal, Lebensmittel und Energie können vom Wirt jedoch nicht beeinflusst werden und sind auch durch noch mehr Eigenleistung nicht zu kompensieren.
Eine Erhöhung der Betriebskosten kann unter diesen Umständen nur durch eine Preiserhöhung ausgeglichen werden. Doch auch diese führt aus Rücksicht auf das Stammpublikum häufig nur zum Kostenausgleich – und nicht automatisch zu höherem Gewinn. Angesichts der real sinkenden Kaufkraft vieler Gäste wird aus diesem Nullsummenspiel sogar ein Verlust.
Die besondere Pflege von Stammgästen und deren Privilegien sind Bestandteil der traditionellen Elemente einer Dorfwirtschaft. Mancher Wirt hält an Angeboten fest, die sich schlecht verkaufen, aber von zwei Stammgästen zuverlässig bestellt werden. Da es sich dabei häufig nicht nur um Einzelfälle handelt, wird die Speisekarte immer länger.
Dabei wäre es kaufmännisch klug, ihren Umfang zu reduzieren. Denn jedes schlecht verkaufte Gericht bedeutet einen Extraaufwand in der Vorbereitung und treibt den Wareneinsatz schon durch möglichen Verderb nach oben.
Konzeptunabhängig nimmt heute der Anteil an regelmäßigen Stammgästen ab. Gastronomien werden stattdessen spontaner und anlassbezogen besucht. Dabei wird weniger Alkohol konsumiert. Die Erwartungen an Qualität, Auswahl, Schnelligkeit und Flexibilität sind dagegen gestiegen.
Zukunft haben jene Gastronomien, die auf kleinere Speisekarten und klare Regionalität setzen und ihre Öffnungszeiten an der Nachfrage statt an Gewohnheiten ausrichten. Zusätzliche Erlöse lassen sich durch Catering und Veranstaltungsorganisation erzielen. Wer sich zudem über die Ortsgrenzen hinaus einen Namen macht, spricht neue Gästegruppen an und steigert seinen Umsatz. So entstehen wirtschaftliche Spielräume, um gute Arbeitsbedingungen zu bieten und die professionelle Durchführung von der Eigenleistung der Wirtsfamilie ein Stück weit zu entkoppeln.
Nicht jedes Wirtshaus kann erhalten bleiben und Nostalgie ersetzt weder Nachfrage noch Kalkulation, doch das Wirtshaus als gesellschaftlicher Treffpunkt hat Zukunft. Aber nicht so wie bisher. Überleben werden Betriebe, welche die Tradition der Gastlichkeit bewahren, sich wirtschaftlich jedoch von traditionellen Gewohnheiten lösen – auch wenn dies den einen oder anderen Stammgast vergraulen könnte.
Doch was immer der Wirt auch Richtiges tun mag – es sind im Endeffekt die Gäste, die über die Zukunft des Wirtshauses um die Ecke entscheiden.
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