Zum fünften Mal tanzen Menschen auf der Techno-Parade Rave the Planet für Frieden und Zusammenhalt. Im Angesicht des CSD-Anschlags erst recht. mehr...
Zum fünften Mal tanzen Menschen auf der Techno-Parade Rave the Planet für Frieden und Zusammenhalt. Im Angesicht des CSD-Anschlags erst recht.
Es ist kurz vor 14 Uhr, die Menschentraube unter der Siegessäule vor den mit Musikanlage vollbepackten LKW wird immer größer. Plötzlich verstummt die Menge, nur das laute Rattern eines Stromgenerators ist noch zu hören. Nicht unweit von hier fuhr vor drei Wochen ein islamistischer Attentäter mit einem Auto auf dem Berliner CSD in eine Menschenmenge.
Den Opfern und Angehörigen wird heute auf der Demo „Rave the Planet“ mit einer Schweigeminute gedacht. Ein älterer Herr greift tröstend um die Schulter seines Nebenmanns und wischt sich eine Träne unter der verspiegelten Sonnenbrille weg. Dass heute wieder so viele Menschen auf einer Demo in Berlin zusammenkommen, ist keine Selbstverständlichkeit – oder aus Sicht der Technoliebhaber*innen eben gerade das.
Zum fünften Mal findet die Techno-Parade „Rave the Planet“ statt. Es ist die Nachfolgeveranstaltung der berühmten Love-Parade, die DJ Dr. Motte, eine der prägendsten Personen der Berliner Techno- und Clubkultur, mitbegründet hat.
Raven für den WeltfriedenMit seiner markanten schwarzen Brille ist er heute schnell auf dem ersten Wagen des Demozugs zu erkennen. Auch die heutige Parade hat er mitbegründet, bei seiner Begrüßung braucht er nicht viele Worte, um deutlich zu machen, worum es heute gehen soll. „Wir sind alle Teil einer Familie auf diesem wunderschönen Planeten. Unsere Vision ist der Weltfrieden“, sagt er, bevor er die Besucher*innen zu der Schweigeminute aufruft.
Was auf der Love-Parade 1989 unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ begann, wird heute bei Rave the Planet mit dem Slogan „Imagine Love“ weitergeführt. Tanzen für den Zusammenhalt, zu teils ohrenbetäubenden elektronischen Beats, die die Menschen vereinen.
„Imagine Love ist nicht nur ein Motto, sondern eine Entscheidung, die wir jeden Tag neu treffen“, sagt Anna-Maria Seifert, die nächste Rednerin zu Beginn der Demo und Leiterin des Karnevals der Kulturen. Der ältere Herr sieht konzentriert zu ihr auf den LKW hinauf. Er lauscht ihren Worten gebannt, sein Besuch hat heute wohl auch mit einer Haltung zu tun, die ihm offensichtlich kein Anschlag nehmen kann. Sein Arm, den ein Pride-Armband schmückt, liegt noch immer stützend auf der Schulter seines Nebenmanns.
Ellen Dosch-Roeingh, Projektleiterin von Rave The Planet, schließt mit ihren Worten die Kundgebung zu Beginn der Parade. „Wir wählen Begegnung statt Abgrenzung!“, skandiert sie lautstark ins Mikrofon. Zum ersten Mal zieht tosender Jubel durch die Menge, vorbei an Netzstrumpfhosen, Bierdosen und Demo-Schildern.
Dann lässt der Bass die heiße Luft vibrieren, Dr. Motte spielt seinen Track „Imagine Love“, die Hymne der heutigen Parade. In den Gesichtern der Besucher*innen macht sich ein seliges Lächeln breit. Die Energie, die mit dem Technotrack durch den Körper bitzelt und prompt die Endorphine strömen lässt, wird die Feiernden noch bis tief in die Nacht begleiten.
Politik spielt für viele nur eine NebenrolleObwohl es sich rein formell um eine Demo handelt, die sich für den Erhalt der Kulturszene einsetzt, spielt Politik augenscheinlich für die meisten Tanzenden nur eine Nebenrolle. Im Schatten, ein paar Meter neben der Siegessäule, steht eine Gruppe Männer zusammen. Extra aus Thüringen sind sie angereist, um heute trotz 33 Grad und praller Sonne auf der Demo mitzulaufen.
„Ich bin meine gesamte Jugend schon zu dieser Demo gepilgert“, sagt Daniel, der seine Augen mit einer dunklen Sportsonnenbrille mit Sehstärke schützt. Seit 1989 habe er keine Veranstaltung verpasst, sich jedes Jahr in den Sonderzug Richtung Hauptstadt gesetzt, um mit Menschen aus aller Welt diesem besonderen Gefühl nachzuspüren, sagt er.
„Als das angefangen hat mit der Love-Parade hat das ein ziemliches Statement gesetzt. Berlin stand da, hat diese Parade veranstaltet und den Spirit in die Welt hinaus getragen. Die Musik hat was bewegt, die Leute zusammengebracht“, sagt der 44-Jährige, an dessen Rucksack ein Bund Luftballons bei jeder Bewegung tanzt.
Den Anschlag auf den CSD habe er heute natürlich im Hinterkopf, sagt er. Doch das müsse man verdrängen, den Kopf ausmachen, weil sonst die Freude verfliegen würde. Außerdem fühle er sich sicher, gerade durch das verstärkte Sicherheitskonzept und die vielen Polizeiwagen, die die Zufahrtswege konsequent blockieren.
Ihm gegenüber steht eine zufällige Bekanntschaft, Damian, der auch aus Thüringen angereist ist. Für ihn ist es das erste Mal auf einer Technoparade, erzählt er, während er sich mit einem Bier vom Getränkestand abkühlt, hinter dessen Tresen ein Track von Sven Väth die Leute in Stimmung bringt. Eine Technoparty in diesem Ausmaß kenne er nicht. „Ich komme eher aus dem ländlichen Raum. Corona hat da viel kaputt gemacht in unserer Clubkultur“, erzählt der 24-Jährige.
Dass die Demo heute auch für deren Erhalt aufmerksam machen soll, sei ihm gar nicht bewusst gewesen. Umso besser: Feiern, Tanzen, Spaß haben; das sei schließlich alles systemrelevant. „Wenn man Kultur nicht hat, was bleibt dann vom Mensch?“
Im Hintergrund hallt blechern eine Durchsage der Polizei. „Wir werden in 20 Sekunden den Wasserwerfer einsetzen. Alle, die nicht abgekühlt werden wollen, gehen bitte ein Stück zur Seite.“ Kurz darauf treten triefend nasse Menschen in den Schatten an der Seite der Demo, froh über die kurze Kühlung durch den Sprühnebel.
Generationen tanzen gemeinsamIm Schritttempo ziehen LKW mit tanzenden Menschen um die Siegessäule herum, bis zum Brandenburger Tor fahren sie, bevor sie wieder zum goldenen Wahrzeichen zurückfahren. Ein Vater läuft mit seinen zwei Söhnen nebenher. Sie alle tragen ein lila T-Shirt, mit weißer Rückenaufschrift. „First Rave 1995“, ziert die Schultern des Vaters, die Jahreszahlen 2023 und 2025 die seiner Söhne.
Überhaupt ist beachtlich, wie viele Generationen hier friedlich aufeinandertreffen, um zusammen zu feiern. Auch Sitha bemerkt das, die mit ihrem Mann Thomas aus Osnabrück angereist ist. Für die Demo haben sie sich rausgeputzt, zwei neongelbe Kunsthaarsträhnen hat Sitha in ihre Zöpfe geknotet, über Thomas schwarzen Netzoberteil hängt eine Kette mit Peace-Zeichen. „Techno hat einen ziemlichen Wandel durchlebt, es gab eine Zeit, in der ich im Club komisch angeschaut wurde. Jetzt feiern Jugendliche und Ältere wieder zusammen“, sagt die 50-Jährige.
Auch sie ist seit Beginn der Love-Parade dabei. Das Lebensgefühl, das man hier spüre, sei unvergleichlich. „Die ganze Welt kommt hier zusammen. Alle sind für alle da“, sagt sie und deutet auf die Gänsehaut, die sie beim Erzählen bekommt. Auch der Anschlag vor drei Wochen könne das nicht trüben: „Es gibt immer Menschen, die andere Menschen hassen. Wir setzen heute ein Zeichen dagegen.“
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