Am Wochenende findet der CSD in Berlin statt und feiert das LSBTIQ*-Leben in der Hauptstadt. Doch Orte, die auch den Rest des Jahres einen sicheren Raum für queere Menschen bieten, geraten zunehmend unter Druck.
Steigende Kosten und queerfeindliche Gewalt Immer mehr queere Orte kämpfen in Berlin ums Überleben
Von Luis Babst und Henrike Möller
"Haltung ist hot" heißt das Motto des diesjährigen Christopher Street Days in Berlin. Erstmals findet er an zwei Tagen statt. Eine zentrale Forderung in diesem Jahr ist der Schutz queerer Räume, denn die geraten immer mehr unter Druck. Während am Pride-Wochenende Hunderttausende Berlins buntes Leben feiern, kämpfen viele Räume und Projekte, die das ganze Jahr über queere Kultur- und Community-Arbeit machen, ums Überleben.
Steigende Kosten und Raumsuche
So auch die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft, kurz AHA, in Schöneberg. Der Verein existiert bereits seit 1974. Er veranstaltet unter anderem Lesungen, Spieleabende und queere Karaoke-Abende. Doch wie lange es am jetzigen Standort in der Monumentenstraße 13 noch weitergehen kann, ist unklar. Der Verein sucht einen neuen Raum: Vergangenes Jahr wurde der AHA gekündigt. Die Kündigung wurde nach Gesprächen mit der Vermieterin zurückgenommen, aber nur nach einer Einigung auf eine deutliche Mieterhöhung und eine Kündigungsfrist von neun Monaten. Doch die unsichere Situation belastet die Arbeit zunehmend.
Alle hätten es gerade schwer, Räume zu finden, sagt Volker Surmann von der AHA, doch als queerer Ort sei es nochmal prekärer, wie sie kürzlich bei einer Absage feststellen mussten: "Es gibt eine sexpositive Veranstaltung bei uns. Da kommen ganz düstere Sätze wieder hervor, ob das nicht für die Kinder, wenn die Schwulen da und so ..." Solche Sachen wolle er eigentlich nicht mehr hören, im Jahre 2026. Aber diese Gedanken kämen inzwischen wieder zurück. "Und das ärgert mich schon sehr", sagt Surmann.
Queerfeindliche Gewalt bedroht Standorte
Als queerer Verein müsse man sich auch mehr Gedanken machen, wo man hinzieht, sagt AHA-Vorstandsmitglied Volker Göbeler: "Wir hatten mal ein Angebot in Neukölln und da hat sich die Mitgliederversammlung dann dagegen entschieden, weil man befürchtete, dass man dort als queeres Projekt vielleicht doch nicht so willkommen ist." Seine Befürchtung: Gäste könnten ausbleiben, weil sie sich abends auf dem Weg nach Hause nicht sicher fühlen.
Die Frage der Sicherheit spielt auch im Neuköllner Hoven eine große Rolle. Seit der Eröffnung vor drei Jahren musste das queere Restaurant 85 Strafanzeigen stellen, sagt Inhaber Danjel Zarte: wegen Körperverletzung, einer Beschmierung mit Fäkalien, Sachbeschädigungen. Einmal sei ein Feuerlöscher durchs Bürofenster geflogen. Mittlerweile sei die Situation besser, weil Zarte nach eigenen Angaben politische Arbeit im Kiez gemacht und zusätzliche Maßnahmen ergriffen hat – für die aber zusätzliche Kosten anfallen. Hinzu kommen außerdem Umsatzeinbußen.
"Ich bezahle temporär Security, mehr Personal, damit keiner allein ist und das hat einfach auch Kosten, die damit eingerechnet werden müssen, die man als queerer Gastronom hat, die zu einem heterosexuellen Unternehmen nicht dazu gehören", sagt Zarte.
Landesstrategie für queere Sicherheit
Die Berliner Polizei hat in den vergangenen zehn Jahren einen kontinuierlichen Anstieg von queerfeindlichen Fällen registriert. Vergangenes Jahr waren es 587. Mehr als dreimal so viel wie vor zehn Jahren. Der Senat reagierte dieses Jahr mit dem Beschluss einer Landesstrategie für queere Sicherheit und gegen Queerfeindlichkeit.
Die sei ein wichtiges Signal, sagt der Stadtsoziologe Christian Haid, aber ein wichtiger Punkt fehle. Haid forscht an der TU Berlin zu Queer Urbanism. "Die Landesstrategie fokussiert sich hauptsächlich auf Gewaltprävention, Betroffenenunterstützung, Schutzkonzepte und unterschiedliche Kooperationen. Was das Landeskonzept aber nicht beinhaltet, ist, queere Orte vor Verdrängung zu schützen. Da sehe ich ein großes Defizit."
Die queere Community sei nicht homogen. Sie bestehe aus unterschiedlichen Subcommunitys, so der Stadtsoziologe. "Da sehen wir insbesondere bei Orten, die lesbisch, trans, intersexuell, migrantisch, BIPoc-geführt sind eine viel stärkere Vulnerabilität, was Verdrängung betrifft – weil sie weniger finanzielle Ressourcen haben, aber auch weniger Netzwerkressourcen."
Finanzielle Hilfe für queere Orte
Das BKA-Theater am Mehringdamm ist zwar kein rein queerer Ort, aber mit viel queerem Programm, wie beispielsweise Drag Shows. Und auch dort spürt man den wirtschaftlichen Druck: "Wir kämpfen mit Mieterhöhungen, Preiserhöhungen überall, Mindestlohnerhöhungen", sagt Betreiber Sven Ihlenfeld. Um Förderungen zu beantragen, sei das Theater jedoch zu kommerziell. Ihlenfeld versteht das Theater als Begegnungsort – die Veranstaltungen würden eine Verbindung in alle gesellschaftlichen Schichten schaffen.
Auch deshalb findet Ihlenfeld die Landesstrategie wichtig, wünscht sich aber, dass sie um einen Antrag erweitert wird, der im Dezember vergangenen Jahres von Klaus Lederer eingebracht wurde, dem queerpolitischen Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. In dem Antrag geht es explizit um Schutzmaßnahmen für queere Orte, wie beispielsweise einem Sicherungsfonds für Notsituationen. Queere Orte, wie das Hoven, das immer wieder mit Vandalismus zu kämpfen haben, könnten darüber schnell und unkompliziert finanzielle Hilfe bekommen.
Solch ein Fonds könne auch dafür genutzt werden, neue queere Räumen in ihrer Anfangsphase zu unterstützen, sagt Klaus Lederer im Interview mit dem rbb und reagiert damit auf eine Forderung von Marcel Rohrlack, Vorstandsmitglied des Schwuz: "Wir brauchen Anschubfinanzierung. Das ist die Hürde bei den meisten neuen Räumen, dass sie nicht mit sehr viel Geld in der Tasche um die Ecke kommen." Dabei sei es nicht das Ziel, eine dauerhafte Betriebskostenförderung zu erhalten: "Ich glaube, es gibt sehr viele sehr tragfähige Konzepte für queere Räume", sagt Rohrlack.
Der Antrag der Linksfraktion wurde kürzlich von der schwarz-roten Koalition abgelehnt. In einer Antwort auf eine Presseanfrage des rbb heißt es: "Der Berliner Senat hat in den letzten Jahrzehnten gezielt queere Infrastrukturen und Räume geschaffen, gefördert und gestärkt." Als Beispiel wird ein neues lesbisch-queeres Wohnprojekt an der Berolinastraße genannt. Sven Ihlenfeld vom BKA-Theater reichen die jetzigen Bemühungen nicht. Er wünscht sich, dass Räume, die besonders queer-relevant sind, auch geschützt werden vor Raumverlust.
Sendung: Radio 3, 24.07.2026, 9:20 Uhr
Audio: Radio 3, 24.07.2026, Henrike Möller
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