Im Sommer endet die Intendanz von Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater in Berlin. Das Ensemble muss gehen, alle Inszenierungen werden abgespielt. Was geht damit verloren?
Langhoff verlässt das Gorki Raum für postmigrantisches Theater in Berlin geht verloren
Mit "Verrücktes Blut" fängt 2010 alles an. Am Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg spielt das multiethnische Ensemble Klischee-Migranten, die von ihrer Lehrerin mit der Knarre gezwungen werden, korrekt Deutsch zu sprechen und mit Schiller Demokratie zu lernen: "Wer soll euch denn glauben, dass ihr keine Affen seid, wenn ihr nicht mal das schöne deutsche Wort Vernunft aussprechen könnt?", ruft die Schauspielerin Sesede Terziyan als eben diese Lehrerin.
Es ist ein Coup - noch nie hat man an einem deutschen Theater so klug, so komisch, so böse die Integrationsdebatte verhandelt gesehen. Der Dramaturg Jens Hillje hat das Stück aus dem Französischen für Berlin adaptiert - der Kassenschlager bringt ihn und die Ballhaus-Intendantin Shermin Langhoff 2013 ans Maxim-Gorki-Theater, wo sie das erste postmigrantische Stadttheater Deutschlands gründen. Hier besteht das Team ausschließlich aus Menschen mit Migrationsbiografie - und hier finden auch Geschichten über Deutschland auf die Bühne, die am Theater nie erzählt worden sind.
Ein Ort der Geschichten und Biografien
Nach 13 Jahren geht am Gorki nun nicht nur die Langhoff-Intendanz zu Ende (Co-Intendant Jens Hillje ist schon vor Jahren ausgestiegen), sondern es wird gleich das komplette postmigrantische Theater abgeräumt. Mit der Intendantin muss das Ensemble gehen, sämtliche Inszenierungen im Repertoire werden abgespielt.
Doch was geht damit eigentlich verloren? Zuvorderst ein Ort der Geschichten und Biografien, dargeboten von Autoren und Autorinnen, die selbst aus Einwandererfamilien stammen. Fatma Aydemir hat hier von Erlebnissen junger Frauen in Berliner Migrantenfamilien erzählt. Gün Tank von den Frauen, den Arbeitsmigrantinnen, die in Deutschland die Fabriken revolutionierten. Behzad Karim Khani, Kind iranischer Einwanderer, vom Leben im Neukölln der 1990er Jahre.
Regisseur Hakan Savaş Mican schenkte dem Theater die schönste Berlin-Kiez-Trilogie der Gegenwart. Mit Menschen wie Can, Sohn türkischer Einwanderer, der im Stück "Berlin Oranienplatz" vom besseren Leben fernab der Fabrik träumt, in der seine Mutter sich abgerackert hat: "Es gibt Menschen, die kommen als Kinder einer reichen und wohlhabenden Familie auf die Welt und führen ein ganz tolles Leben - und andere nicht. Und diese reichen Leute, die werden immer reicher und die anderen werden immer ärmer. Warum? Warum machen wir nichts dagegen?"
Ein neues Publikum
Das Theater prägt ein neues Deutschlandbild. Damit zieht das Gorki ein theaterfernes Publikum an, das weniger am ästhetischen Experiment interessiert ist als an Geschichten, Unterhaltung, Musik. Und es zieht viele junge, politisch aktive Menschen an.
Denn auch gesellschaftspolitische Konflikte spielen auf der Bühne eine Rolle: der Genozid an den Armeniern, Rassismus gegen Roma und Sinti in Europa. Es entstehen mitunter aggressive Agit-Prop-Abende - daher der Ruf des Theaters, hier werde für die Aussagen applaudiert, nicht für die Kunst. Vieles geht auch schief. Vor allem die plakativen, hohlen Deutschland-Bashing-Abende vom späteren künstlerischen Leiter Oliver Frljić.
Die Sternstunden
Sternstunden bleiben die Stücke der israelischen Regisseurin Yael Ronen, die sie anhand der Biografien des Ensembles schreibt und klug und komisch inszeniert: über die Jugoslawien-Kriege, über die dritte Generation nach dem Holocaust, über den Nahost-Konflikt. Ein typischer Dialog: Was denn ihre israelische Mutter dazu sagen würde, dass sie, die jüdische Tochter, ausgerechnet nach Berlin gezogen ist, fragt der geniale Gorki-Protagonist Dimitrij Schaad in "The Situation" als Deutschlehrer seine Schülerin. Und Ohrit Nahmias, ebenfalls eine prägende Gorki-Größe, antwortet: "After I married a Palestinian - Berlin ist ihr kleinstes Problem."
Die Schwierigkeiten
Nach dem Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 wird das Stück abgesetzt, das multiethnische Ensemble droht am Konflikt zu zerbrechen. Später inszeniert Ronen süffige Debatten-Musicals zum Thema Cancel-Culture oder Klimawandel. Diese intelligenten, politischen Boulevard-Knaller werden zum typischen Gorki-Sound. Zusammen mit den queeren Geschichten, die der Autor und Regisseur Falk Richter auf die Bühne bringt.
Von Rechtsaußen wird das Theater konstant angegriffen. Das Team erhält Morddrohungen, die AfD will das Haus seit Jahren schon schließen. Shermin Langhoff macht das heute stolz: "Seit ich Intendantin geworden bin, wurde das Gorki doch von dem einen oder anderen öfter mal als das rote Haus beschimpft – linksgrün versifft oder andere Dinge. Für uns ist das ein Ehrentitel."
Shermin Langhoffs problematischer Führungsstil
Höchst problematisch bleibt Langhoffs Führungsstil. Seit 2018 weiß der Berliner Senat von Beschwerden der Mitarbeitenden über ihre Chefin - über Mediation hinaus geschieht nichts, Langhoffs Vertrag wird stillschweigend bis 2026 verlängert. Ihr Co-Intendant Jens Hillje hat da längst schon die Flucht ergriffen. Er leitet inzwischen die Berliner Sophiensäle.
Dass Shermin Langhoffs Zeit nun ein Ende hat, ist folgerichtig. Verantwortungslos bleibt, wie die neue Intendantin Çağla Ilk das politische, migrantische Unterhaltungstheater abschafft - zugunsten eines weiteren internationalen Kunsthauses, das die Stadt längst an vielen Orten hat.
Die Schauspielerin Sesede Terziyan, die schon in "Verrücktes Blut" die Lehrerin spielte und nach 13 intensiven Jahren das Haus verlassen muss, ist fassungslos: "Ich persönlich finde, es ist ein Desaster, dass es diese Inhalte nicht mehr geben wird in Berlin. Gerade jetzt, wo die Sichtbarkeit dieser Geschichten umso wichtiger ist. Wo wir Rechtsradikale im Bundestag sitzen haben, die schon seit 2016 gegen das Haus und gegen unsere Inhalte gewettert haben - und immer noch wettern."
Die AfD wird über die Entwicklung froh sein. Und das diverse, eher theaterferne Publikum verliert seine Heimat. Für dieses Theater gibt es in Berlin bislang keinen Ersatz.
Sendung: rbb24 Inforadio, 10.06.2026, 09:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 10.06.2026, Meret Reh im Gespräch mit Barbara Behrendt
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Tourenstart auf deutscher Oder-Seite: Theaterschiff zeigt deutsch-polnische Schicksale am Ende des Weltkriegs | 0 | 16.5 | 07-07-2026 |
| 2 | Theater in Brandenburg an der Havel: Intendanz wird später ausgeschrieben | 0 | 10 | 03-08-2026 |
| 3 | Neuer Intendant am Staatstheater Cottbus: "Menschen dort begegnen, wo sie sind" | 0 | 8.4 | 09-06-2026 |
| 4 | Atelierhaus Prenzlauer Promenade: Streit um Mietverträge und Genossenschaft | 0 | 6.57 | 09-07-2026 |
| 5 | "Volksbad" der Berliner Volksbühne wird zum politischen Pool | 0 | 7.51 | 04-08-2026 |
| 6 | Eröffnung der Autor:innentheatertage am Deutschen Theater | 0 | 9.44 | 08-06-2026 |
| 7 | Berlin Circus Festival: Absurdes Zirkustheater mit unsicherer Zukunft | 0 | 15.59 | 07-08-2026 |
| 8 | "Unsere kleine Farm" im Ballhaus Ost: Raus aufs Land zum schwangeren Igel | 0 | 12.21 | 05-06-2026 |
| 9 | "48 Stunden Neukölln": Kunstfestival im Berliner Späti | 0 | 11.48 | 03-07-2026 |
| 10 | Politik und roter Teppich - Das Berlinale-Nachbeben | 0 | 7 | 27-02-2026 |