Bevor der Amtssitz des Bundespräsidenten für acht Jahre saniert wird, zieht die Kunst ins Schloss Bellevue ein. Die Akademie der Künste bespielt die leeren Räume mit der Ausstellung "Freiraum Kunst". Die Leere des Schlosses wird dabei selbst Teil der Inszenierung.
Kunst Schloss Bellevue Ein Bundespräsident auf 36 Zentimeter geschrumpft
Von Marie Kaiser
Bevor der Amtssitz des Bundespräsidenten für acht Jahre saniert wird, zieht die Kunst ins Schloss Bellevue ein. Die Akademie der Künste bespielt die leeren Räume mit der Ausstellung "Freiraum Kunst". Die Leere des Schlosses wird dabei selbst Teil der Inszenierung.
"Es hat noch nie so gehallt hier": Mit diesem Satz begrüßte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Journalistinnen und Journalisten im Schloss Bellevue. Tatsächlich wirkt der Amtssitz des Bundespräsidenten derzeit ungewohnt: Die prächtigen Möbel sind ausgeräumt, die Vorhänge abgehängt. Die Räume sind leer. Doch die Kronleuchter funkeln weiter, Stuck und Wandverzierungen erzählen von der Bedeutung des Hauses. Bellevue bleibt ein Ort politischer Repräsentation. Auch dann, wenn dort Kunst statt Staatsgäste einziehen.
Bevor das Schloss für acht Jahre saniert wird, übernimmt die Akademie der Künste das Gebäude ab Samstag (13. Juni) für eine Ausstellung, eine Pop-Up-Galerie, wie es die Inititiatoren nennen. "Freiraum Kunst" heißt das Projekt, an dem rund 20 Künstlerinnen und Künstler beteiligt sind - darunter Wolfgang Tillmans, Katharina Grosse oder Monica Bonvicini.
Das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden
Dass es im Schloss tatsächlich ungewöhnlich hallt, erleben Besucherinnen und Besucher schon bei Ankunft im Foyer. Dort erklingt immer wieder ein einzelnes Wort: "Hallo!" Eine männliche Stimme ruft es aus Lautsprechern, immer wieder und immer verzweifelter, bis seine Stimme versagt. Die Arbeit "Rufen bis zur Erschöpfung" des Konzeptkünstlers Jochen Gerz stammt aus dem Jahr 1972.
Anh-Linh Ngo, Vizepräsident der Akademie der Künste und Mitkurator, sieht darin ein Sinnbild für die heutige Kommunikationsgesellschaft: den ständigen Wunsch nach Aufmerksamkeit, Resonanz und Bestätigung. Das immer verzweifeltere "Hallo!" verweise laut ihm auf das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, und zugleich auf die Erfahrung, trotz permanenter Kommunikation oft ins Leere zu sprechen.
Bevor der Amtssitz des Bundespräsidenten für acht Jahre saniert wird, zieht die Kunst ins Schloss Bellevue ein. (Quelle: rbb/Pohst)
Eine Bundespräsidentin für Bellevue
Das Amtszimmer des Bundespräsidenten ist als einziger Raum vollständig eingerichtet geblieben. Betreten darf man das Zimmer zwar nicht, aber durch die geöffnete Tür hineinsehen. Genau gegenüber begegnet den Besucherinnen und Besuchern eine Bundespräsidentin. Zumindest auf einem Gemälde.
Der Berliner Street-Art-Künstler El Bocho zeigt auf seinem Acrylgemälde eine junge Frau mit orangerotem Haar, goldenen Kreolen und selbstbewusstem Blick. Das Bild lehnt an der Wand dort, wo sonst die Porträts von Friedrich Ebert und Theodor Heuss hängen. "El Bocho hat sich gefragt, warum es die deutsche Gesellschaft bisher nicht geschafft hat, eine Bundespräsidentin zu wählen", erklärt Kurator Ngo.
Im Schloss Bellevue werden Gemälde gezeigt (Quelle: AP/Markus Schreiber)
Ein kleiner Steinmeier und ein großes SOS
Politische Repräsentation ist eines der wiederkehrenden Themen der Ausstellung. Die Künstlerin Karin Sander hat Frank-Walter Steinmeier per 3D-Scan erfasst und im Maßstab 1:5 reproduziert. Die nur 36 Zentimeter große Figur steht etwas verloren auf einem Sockel in jenem Saal, der als Reservekulisse für Reden unangetastet bleiben musste.
Eindrucksvoll ist die Ausstellung auch nach Einbruch der Dunkelheit. Der Medienkünstler Bjørn Melhus sendet zwischen 22 Uhr und 1 Uhr nachts das Morsezeichen SOS durch die Fenster des Obergeschosses. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Der Lichtimpuls wirkt wie ein Hilferuf aus dem Amtssitz des Bundespräsidenten und erinnert daran, dass demokratische Freiheiten keine Selbstverständlichkeit sind.
Umzug Steinmeier
Kunst ohne politische Vorgaben
Wenn eine Ausstellung im Schloss Bellevue stattfindet und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, drängt sich die Frage auf: Wie frei kann die Kunst hier eigentlich sein? Der Präsident der Akademie der Künste Manos Tsangaris betont die Unabhängigkeit der Ausstellung."Klare Antwort: Es gab keinerlei Einflussnahme. Es war von vornherein die Verabredung, dass die künstlerischen Entscheidungen absolut in den Händen der beiden Kuratorinnen und Kuratoren liegen."
Kunst als Teil der Demokratie
Dass die Ausstellung ausgerechnet im Schloss Bellevue stattfindet, ist für den Schirmherr Steinmeier selbst mehr als eine symbolische Geste. Er versteht Kunst als Teil demokratischer Öffentlichkeit. "Kunst ist kein Luxus, sondern essentieller Teil der demokratischen Debatte", sagt der Bundespräsident beim Presserundgang.
Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche spüre sie oft früher als andere, "was in der Luft liegt", und finde eine Sprache für Entwicklungen, die viele noch gar nicht benennen können. Ähnlich argumentiert auch Co-Kurator Anh-Linh Ngo. "Kunst kann uns dabei unterstützen, unsere Urteilskraft wieder zu stärken, anstatt nur Parolen von uns zu geben", sagt er. Die Ausstellung versteht sich deshalb nicht als politische Belehrung, sondern als Einladung zum Nachdenken.
Steinmeier: Politik hat Aufgabe, Freiheit der Kunst zu schützen
Am Ende des Rundgangs wartet folgerichtig kein weiteres Kunstwerk, sondern ein Ort für Gespräche. Im "Büro der öffentlichen Sache" können Besucher eigene Gedanken einbringen, mit Künstlerinnen und Künstlern diskutieren oder an Veranstaltungen teilnehmen.
Für Co-Kurator Ngo ist dieser Raum das eigentliche Zentrum der Ausstellung. "Wie können wir Teilhabe ermöglichen? Weil eine Person allein wird das nicht schaffen, die Institutionen allein werden das nicht schaffen, sondern wir brauchen die Teilhabe der Menschen, damit wir Demokratie und Freiheit für die Zukunft verteidigen." Auch Steinmeier schlug diesen Bogen zur Gegenwart. In einer Zeit, "in der der Ton nicht nur rauer, sondern auch unversöhnlicher wird", habe Politik die Aufgabe, die Freiheit der Kunst zu schützen.
So wird das leergeräumte Schloss Bellevue für zwei Wochen zu einem Ort, an dem Kunst nicht nur betrachtet wird. Sie soll Gespräche auslösen: über Demokratie, Öffentlichkeit und die Frage, wie eine Gesellschaft zusammenhalten kann.
Das Interesse jedenfalls ist groß: Die kostenlosen Tickets für die Ausstellungstage vom 13. bis 28. Juni sind aktuell ausgebucht. Durch Stornierungen können jedoch zwischenzeitlich Tickets wieder frei werden.
Hinweis: Dieser Text wurde zuerst am 09.06.2026 veröffentlicht
Sendung: radio3 vom rbb, 09.06.2026, 12:30 Uhr
Audio: radio3 vom rbb, 09.06.2026, Andrea Handels
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