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"Everybody" im Georg-Kolbe-Museum: Über Leib und Leben

Дата публикации: 08-08-2026 07:18:12

In der Ausstellung "everybody" zeigt das Georg Kolbe Museum sieben künstlerische Perspektiven, die den Körper als verletzlich, aber auch stark sehen. Und dabei Teil der aktuellen politischen Auseinandersetzung werden.


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Ausstellung "Everybody" im Georg-Kolbe-Museum Über Leib und Leben

Installation "Siège D'Armour (Edward XII)" in der Ausstellung "everybody" im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe)
Installation "Siège D'Armour (Edward XII)" in der Ausstellung "everybody" im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe)

Von Julia S. Fischer

Körper nehmen Schmerzen wahr, bewegen sich, empfinden Lust, werden gepflegt, bedroht und bewertet. Und sind doch viel mehr als nur der eigene intime Raum, obwohl es sich oft anders anfühlt. Wenn sie aufgrund einer Krankheit, des Geschlechts oder Aussehens anders betrachtet und behandelt werden, bekommt das Physische auch eine gesellschaftspolitische Dimension. Wäre es daher nicht heilsam, über einen neuen Blick auf Körper nachzudenken, der sich nicht nur auf das starre gesellschaftliche Korsett beschränkt?

Genau dort setzt die Ausstellung "everybody" im Georg-Kolbe-Museum an und lässt sich von dem gleichnamigen Buch der britischen Autorin Olivia Laing inspirieren. "Körper in Gefahr und Körper als treibende Kraft der Veränderung" sind Gegenstand ihrer Untersuchung, entstanden als Reaktion auf die Flüchtlingskrise 2015 und die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA. Vulnerabilität und Kraft schließen sich für Laing nicht aus.

Schmerzhafte Erkenntnisse

So lädt die Installation "Siège D'Armour (Edward XII)" der kanadischen Künstlerin Lauren Youden auch dazu ein, dieses Paradox zu erleben. Ein aus schwarzem Leder und Stahlrohren bestehendes Tagesbett ist mit schwarzen (Bondage-) Seilen an der Decke befestigt und schwebt nahezu auf Sitzhöhe über dem Boden. Rosa Satinschleifen sind an mehreren Elementen angebracht. Youden fügt dem Mobiliar auch andere kleine Gegenstände wie ein BDSM-Spielzeug oder ein Tagebuch eines chronisch kranken Künstlers hinzu.

Mit dieser Formsprache kann sie den Kontext ihrer Arbeit gestalten und zeigt Schmerzen aus der Perspektive von queerer Lust und Krankheit. Durchaus mit biografischem Bezug: Sie selbst leidet an der chronischen Nervenerkrankung Fibromyalgie. Die ursprünglich von der irischen Designerin Eileen Gray 1925 gestaltete Liege wird von ihr in eine barrierefreie Sexschaukel transformiert.

Club-Installation in der Ausstellung "everybody" im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe) Club-Installation in der Ausstellung "everybody" im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe)

Wiederbelebter Club

Auch bei Pauline Boudry und Renate Lorenz steht die Imagination des (queeren) Körpers im Vordergrund. Aus einem dunklen Raum dringen tiefe Bässe und elektronisch-poppige Tracks wie von Haddaway und t.A.T.u. hinaus. Doch die Tanzfläche ist leer. Ein Video zeigt die Trans-Aktivistin Chelsea Manning, wie sie ein Set im legendären und vor kurzem geschlossenen Club Schwuz spielt. Durch den High-End-Sound und die komplex aufgenommenen Tonspuren sind die Tracks physisch erlebbar.

Manning wurde als Whistleblowerin bekannt, weil sie in ihrer Zeit beim US-Militär geheime Dokumente über Gewalttaten im Irak-Krieg öffentlich zugänglich machte und dafür inhaftiert wurde. Diese Information kann auch im Begrüßungsbrief der Künstlerinnen im Eingangsbereich nachgelesen werden. Verfasst wurde er im August 2026, kurz nach dem CSD-Anschlag in Berlin. Und zeigt, wie dringend notwendig gerade jetzt der Erhalt von queeren Räumen ist.

Lebenslange Performance

Ein sentimentales Gefühl kommt bei den "Biographischen Skulpturen" von Eva und Adele auf, dem ikonischen Berliner Künstlerinnenpaar. Immer identisch gekleidet und geschminkt mit Glatze, tauchten sie Jahrzehnte als lebenslange Performance auf Vernissagen und anderen Events zusammen auf. Mit Evas Tod 2025 hat diese nun ein Ende gefunden. Auf mehreren Zwillingsstühlen hängen Jackenpaare, viele mit Pelzbesatz. Sie stehen einer gemeinsamen Malerei gegenüber.

Es ist deutlich spürbar, dass diese nur als Requisiten eines unvergleichlichen Werks fungieren können: Der vollständigen Hingabe des eigenen Körpers und seiner Identität für die Kunst.

"Biographische Skulpturen" in der Ausstellung "everybody im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe) "Biographische Skulpturen" in der Ausstellung "everybody im Georg-Kolbe-Museum (Quelle: Jens Ziehe)

Geschichte und Gegenwart schreiben sich in Körper ein

Eine Serie wurde extra für die Ausstellung angefertigt: In ihren Plastiken konfrontiert sich die Künstlerin Monilola Olayemi Ilupeju mit dem Erbe des Namensgebers des Museums Georg Kolbe. Diese Arbeiten entstanden, indem sie mit Tierhäuten aus der Fleischproduktion seine Statuen umspannte und aushärtete. Auf vielen dieser Abformungen finden sich Wörter, Risse und Produktionspuren, ein Torso bekommt einen aus glitzernden Steinen besetzten Slip. Der Abdruck jener Körper, die auch zur Zeit des Nationalsozialismus idealisiert wurden, bekommt somit ein unperfektes Makeover und wirft einen kritischen Blick auf gegenwärtige gesellschaftliche Körperideale.

Die Werke der Ausstellung variieren zwischen Installation, Video, Zeichnung und Skulptur. Jede Arbeit behauptet auch inhaltlich ihre Eigenständigkeit, gemeinsam entfalten sie jedoch einen facettenreichen Diskurs über politische Körperlichkeit. Ohne dabei auf konventionelle Darstellungen zurückzugreifen, sondern sich eher auf physische Wirkmacht oder Abwesenheit zu beziehen. Und das wirkt gerade erschreckend aktuell und notwendig.

Die Ausstellung "everybody" ist vom 8. August bis 29. November 2026 im Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, 14055 Berlin zu sehen.

Sendung: rbb24 Inforadio, 07.08.2026, 11:54 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 07.08.2026, Barbara Wiegand

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