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L/Ost Poetry-Festival startet in Cottbus mit Musik, Poesie und Kunst

Дата публикации: 16-07-2026 07:36:04

Perspektiven aus dem Osten eine Stimme und einen Raum geben - das will das L/Ost Poetry-Festival in Cottbus und denkt dabei groß. Es gibt ab Donnerstag Musik, Poesie, Workshops und Kunst an einem echten Lost Place.
 


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Interview L/Ost Poetry-Festival in Cottbus "Der Osten soll seine eigenen Geschichten erzählen können"

Die Alte Segeltuchfabrik Cottbus (Bild: Lea Städler)
Die Alte Segeltuchfabrik Cottbus - Schauplatz des L/Ost Poetry Festivals

Perspektiven aus dem Osten eine Stimme und einen Raum geben - das will das L/Ost Poetry-Festival in Cottbus, das zum ersten Mal stattfindet. Von Donnerstag bis Samstag gibt es Musik, Poesie, Workshops und Kunst an einem echten Lost Place. Mitorganisatorin Jessy James LaFleur spricht über die Idee hinter dem Festival und erklärt, warum ostdeutsche Erfahrungen aus ihrer Sicht noch immer zu wenig sichtbar sind und weshalb Kultur und Poesie dazu beitragen können, Vorurteile abzubauen und den Dialog zwischen Ost und West zu fördern.

rbb|24: Frau LaFleur, Sie haben die Spoken Word Akademie gegründet, die nun in Cottbus das L/Ost Poetry-Festival ausrichtet. Was genau passiert dort?

Jessy James LaFleur: Die Idee des Festivals ist es, einen Ort zu kreieren, an dem Menschen aus Ostdeutschland und aus osteuropäischen Ländern zusammenkommen und sich mal nicht erklären müssen. Ich bin Ostbelgierin. Als ich vor einigen Jahren nach Ostdeutschland kam und erzählt habe, dass ich dort Projekte mache, bekam ich darauf immer Reaktionen: "Oh mein Gott, im Osten. Du Arme, das ist ja richtig schlimm." Da ist mir bewusst geworden: wenn jemand sagt, er kommt aus Ostdeutschland, hat diese Person sich immer zu erklären und zu rechtfertigen.

Einige von meinen Freundinnen und Freunden sagen auch, dass sie das sehr anstrengend finden und es schön wäre, wenn es Orte gäbe, an denen man das nicht machen muss. Deswegen habe ich gesagt, wir machen ein Festival, bei dem nur Menschen auftreten dürfen, die sich mal nicht erklären müssen, denn jeder kennt denselben Struggle.

Jessy James LaFleur, Mitorganisatorin des L/Ost Poetry Festivals (Bild: Lea Städler) Jessy James LaFleur, Mitorganisatorin des L/Ost Poetry Festivals

rbb|24: Wen haben Sie eingeladen?

Jessy James LaFleur: Wir haben Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musiker und Poetinnen und Poeten aus ganz Osteuropa und aus ganz Ostdeutschland eingeladen. Wir haben drei Headliner, die an allen drei Tagen spielen: Munterfel., eine Band aus Leipzig, Dukla, die aus Prag anreisen und ein Gast aus den USA, den Rapper M-Dot aus Boston. Der darf auftreten, weil er von der Ostküste kommt.

Das wird alles begleitet durch Lesungen an den Nachmittagen. Immer ab 12 Uhr mittags finden außerdem Workshops statt. Neben dem Bühnenprogramm haben wir auch eine Galerie und Mitmachangebote. Wir versuchen dieses kleine Universum zu schaffen, in dem für alle und jeden etwas dabei ist, aber selbstverständlich geht es vor allem um die Wortkunst.

Und eine Besonderheit: meistens kommen Leute aus Berlin in den ländlichen Raum, um dort Festivals zu veranstalten. In unserem gesamten Aufbau- und Kernteam ist nicht eine Berliner Person dabei. Stattdessen sind alle fünf ostdeutschen Bundesländer vertreten. Wir sind wirklich stolz drauf, dass wir nicht einfach "Ost draufschreiben", sondern dass es auch tatsächlich drinsteckt.

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Die Idee des Festivals ist es, einen Ort zu kreieren, an dem Menschen aus Ostdeutschland und aus osteuropäischen Ländern zusammenkommen und sich mal nicht erklären müssen.

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Jessy James LaFleur

rbb|24: Sie haben sich dafür die Alte Segeltuchfabrik in Cottbus ausgesucht. Warum dieser Ort?

Jessy James LaFleur: Der Titel lautet "L/Ost Poetry" - im Wort Lost befindet sich auch die Silbe "Ost". Es geht um die vielen verlorenen Geschichten, die über den Osten noch immer nicht erzählt werden. So ist es auch mit vielen Gebäuden in Ostdeutschland - Lost Places, die dort stehen. Um die kümmert sich vielleicht keiner mehr, die haben aber auch sehr viele Geschichten zu erzählen. Die Alte Segeltuchfabrik ist ein Lost Place und die Idee war es die "Lost" Poetinnen und Poeten an einem Lost Place zusammenzubringen und dem Ort so wieder eine Seele zu geben.

Ein weiterer Vorteil ist: aktuell ist Regen angesagt. Mit der Alten Segeltuchfabrik ist es möglich, alles auch drinnen stattfinden zu lassen.

rbb|24: Sie selbst wurden in Ostbelgien geboren, kamen vor einigen Jahren Nach Ostdeutschland. Woher kommt denn Ihr Verständnis für "den Osten"?

Jessy James LaFleur: Ich hatte da nie ein Verständnis für. Es ist ein Teil der europäischen Geschichte, der in Belgien überhaupt nicht gelehrt wird. Das ist das, was mich unfassbar schockiert hat, als ich nach Ostdeutschland gekommen bin: dass es eine ganze europäische Geschichte gibt, die ich gar nicht kenne. Ich sage sehr bewusst "Ostbelgien", die Ostbelgier sind die deutschsprachige Gemeinschaft. Das ist vergleichbar mit den Sorben, wir regieren uns dort allerdings autonom.

Ich kenne das also, wenn man sich in einem Ostbereich eines Landes befindet, und der Rest des Landes etwas irritiert auf diese Ecke blickt und sagt, wir haben gar keinen Plan davon, was dort abgeht. Als Jugendliche habe ich immer gedacht, dass ich mit dieser Identität sehr alleine bin, bis ich in den Osten kam und gemerkt habe, das ist hier in Deutschland genauso. Es gibt hier sehr viel Geschichte, aber eben auch Leid. In jeder Wendegeschichte steckt ein krasses Schicksal. Wir wollen dabei helfen, das aufzuarbeiten - hier eben auf kulturelle und künstlerische Art und Weise.

Infos im Netz

L/Ost Poetry-Festival in Cottbus

vom 16. bis 18. Juli 2026 in der Alten Seifenfabrik: lostpoetryfestival.com

rbb|24: Aus Ihrer Sicht: Warum ist es so wichtig, dass ostdeutsche und osteuropäische Perspektiven eine Stimme bekommen?

Jessy James LaFleur: Wir haben eine unglaublich westeuropäisch zentrierte Sicht auf diesen Kontinent. In Schulen hängt es von den Lehrkräften ab, ob sie darüber sprechen, was in der DDR passiert ist. Das ist aber wichtig. Wenn wir auf den Bruch zwischen Ost und West schauen, wird der Osten oft immer noch belächelt, es wird schlecht über ihn gesprochen. Es gibt dort aber unglaublich viele Geschichten von Widerstand, von Revolution, von einem "Trotzdem". Das sind alles positive Geschichten, die man doch erzählen müsste.

Mir reicht es nicht, wenn jemand Ostdeutschland sagt, dass die Antwort immer sein muss: "da wohnen die ganzen Nazis, da ist das Problem mit der AfD". Deswegen ist es wichtig, dem Osten eine Stimme zu geben, damit er seine eigenen Geschichten erzählen kann, die dazu beitragen, dass sich dieses Bild ändert. Dafür ist es wichtig, diese ganzen Menschen an einem Ort zusammen zu bringen.

rbb|24: Welchen Effekt versprechen Sie sich in diesem Zusammenhang vom Festival?

Jessy James LaFleur: Einmal, dass Menschen sehen und fühlen wie viel das gesprochene Wort schaffen kann. Wie sehr Literatur und Poesie einen Einfluss haben können, auch auf gesellschaftspolitische Dinge. Dann freuen wir uns darauf, dass Menschen andere slawische Sprachen hören: tschechisch, polnisch, ukrainisch, niedersorbisch, obersorbisch.

Wir bringen die Diversität der slawischen Sprachen an einen Ort. Und natürlich dieses Gefühl von Miteinander: Wenn man auf das Gebäude der Alten Segeltuchfabrik zugeht, soll man schon das Gefühl von Ankommen haben. Es gibt auch ein Erzählmobil, in dem Menschen ihre Wendegeschichten vortragen können. Die werden dann aufgezeichnet. Deshalb hoffen wir, dass Menschen kommen, ihre Geschichten erzählen, anderen Geschichten zuhören und mit einem Aufbruchsgedanken wieder vom Gelände runtergehen.

rbb|24: Müsste dieses Festival nicht eigentlich in Westdeutschland stattfinden?

Jessy James LaFleur: Das ist richtig und das ist unser Ziel. Wir bauen jetzt hier die Gruppe von Menschen auf, mit denen wir dann auch rüber ziehen können. Eigentlich müsste man das in Köln oder Düsseldorf machen - oder auch in Aachen, in der westlichsten Stadt Deutschlands. Das, was wir erreichen wollen, ist aber erstmal, die Menschen zusammen zu bringen. Die Geschichten werden mittlerweile erzählt, es gibt auch immer mehr Bücher, doch wir hören immer wieder "Das interessiert doch keinen". Es gibt noch kein Netzwerk für osteuropäische oder ostdeutsche Poetinnen und Poeten und das wollen wir jetzt aufbauen.

Ich kann aber jetzt schon sagen: Wenn wir im Westen Veranstaltungen machen, kommen meistens Menschen, die ostdeutsch sozialisiert worden sind. Ich glaube, selbst wenn wir das in Düsseldorf stattfinden lassen würden, dann würden alle Ossis kommen, die an irgendeinem Punkt mal weggezogen sind.

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Wir sind wirklich stolz drauf, dass wir nicht einfach "Ost draufschreiben", sondern dass es auch tatsächlich drinsteckt.

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Jessy James LaFleur

rbb|24: Ist das L/Ost Poetry-Festival einmalig oder soll es regelmäßig stattfinden?

Jessy James LaFleur: Das ist immer eine Frage der Förderung. Der Eintritt zum Festival ist frei, das ist uns ganz wichtig. Gerade in Zeiten von Inflation muss Kultur für alle leistbar sein. Das bedeutet aber auch, dass man Fördergelder braucht. Durch den Teilhabefonds und die Kulturförderung der Stadt Cottbus haben wir Gelder, damit kann man was auf die Beine stellen. Das ist jetzt für uns der Prototyp und wenn der gut läuft würden wir das ganze gern alle zwei Jahre wiederholen. Unsere Hoffnung ist ja auch, dass es sich durchsetzt als Poesieort. Das wäre unser Plan: die Lausitz zum Zentrum europäischer Poesie zu machen.

rbb|24: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Jessy James LaFleur führte Florian Ludwig für rbb|24.

Sendung: rbb24, 16.07.2026, 09:30 Uhr

Audio: rbb|24, 16.07.2026, Florian Ludwig

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