Auf dem Tempelhofer Feld wird sichtbar, was die Zahlen beweisen: Der Laufboom hält an. Zwischen Smartwatch, Fitness-Apps und Marathon-Zielen stellt sich nur noch die Frage: Womit ist der Trend zu erklären?
Warum Berlin läuft Auf dem Tempelhofer Feld zeigt sich der Jogging-Boom
Der Mann im etwas abgetragenen Laufshirt am Neuköllner Eingang des Tempelhofer Feldes, er sieht aus wie die sportliche Variante von Bastian Pastewka. Markante Augenbrauen, verschmitztes Grinsen, ozeanblaue Augen. Nur eben etwas mehr in shape.
Der jahrzehntelange Dauerlauf macht die Gesichtszüge scharf, den Körper drahtig.
"Es werden immer mehr"
Seinen Namen will er nicht verraten – doch um Anonymität kann es ihm dabei nicht gehen, denn er sagt freimütig: "Ich war der schnellste Berliner beim Berlin-Marathon 2007." Lässt sich auf die Schnelle nicht überprüfen, man vertraut ihm mal. Zwanzig Marathons habe er "gefinished", wie man mittlerweile das Überqueren der Ziellinie bezeichnet.
Man darf annehmen, dass der Marathon-Pastewka die Entwicklungen des Laufsports ganz gut einschätzen kann. Also: Sind es mehr Läufer geworden? "Auf jeden Fall", sagt er, während er den Blick über den ehemaligen Flughafen streifen lässt, wo am frühen Freitagmorgen zahlreiche Joggerinnen und Jogger in oft grellen magenta, neongelben oder knallgrünen Monturen ihre Runden ziehen. "Seit Jahren denke ich, es müssten doch mal wieder weniger werden – aber es werden immer mehr."
Offen ist die Frage nach dem Warum.
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Ich habe das Gefühl, ein konkretes Ziel hilft mir, dass das Training fester Teil meines Alltags wird.
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Alexis, Joggerin auf dem Tempelhofer Feld, trainiert auf einen Marathon
Kleine, explorative Tempelhofer-Feldstudie, um sieben Uhr morgens auf dem sechs Kilometer langen Rundkurs.
Man lernt Alexis aus Florida kennen, sie joggt mit einem Lächeln im Gesicht über den Asphalt, bei jedem ihrer Schritte gluckert die Plastikflasche mit Getränkevorrat auf ihrem Rücken. Heute macht sie einen zwei-Stunden-Lauf. Sie liebe es draußen zu sein, und fügt hinzu: "Ich habe das Gefühl, ein konkretes Ziel hilft mir, dass das Training fester Teil meines Alltags wird." Sie trainiert für einen Marathon im Herbst.
Die Garmin-Uhr piepst und piepst
Über Felix' Glatze rinnt der Schweiß nach einem 40-Minuten-Morgenlauf. Mit dem Laufen habe der Polizist einst angefangen, um für die Aufnahmeprüfung fit zu sein. "Heute hilft es, den Kopf freizukriegen, an etwas anderes zu denken. Aber auch, um einfach mal ein paar Kilo runterzukriegen."
Julia ist Archäologin, auf dem Kopf trägt sie eine papageibunte Kappe. Sie laufe schon länger, aber erst seit April intensiver: Sie trainiere für den Halbmarathon auf dem Tempelhofer Feld im Oktober. Immer wieder drängelt sich das Piepen ihrer Garmin-Laufuhr ins Gespräch. Das Gerät will seiner Trägerin mitteilen: zu schnell, Trainingsplan einhalten!
Spielt man Fußball wegen eines Ziels?
Außer wenigen Ausnahmen ging es an diesem Morgen bei den emsigen Joggern auf dem Tempelhofer Feld um das Erreichen eines Ziels. Was bei genauerer Überlegung außergewöhnlich für ein Hobby ist.
Würde man auf dem Fußballplatz jemanden fragen, warum er oder sie spielt, wäre die erwartbarste Antwort: "Weil’s Spaß macht." Und nicht: "Weil ich auf ein wichtiges Spiel hintrainiere."
Möglich, dass das auch eine Generationenfrage ist. Je jünger die Hobbyläufer sind, desto wichtiger sind ihnen Wettkämpfe als Ansporn. Das legen jedenfalls Informationen von Strava nahe, die bei Ausdauersportlern beliebte Fitness-App und Online-Plattform: Die Generation Z, also junge Erwachsene, nennen Rennen und Events als Hauptmotivation für Bewegung demnach 75 Prozent häufiger als die Generation X (Jahrgänge 1965 bis 1980).
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Wenn sie den Marathon gelaufen sind, drei Stück, fünf Stück, zehn Stück - was ist dann das nächste Ziel? Der 100-Kilometer-Lauf? Zwei Marathons im Monat?
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Ingo Froböse, Sportwissenschaftler
Laufevents boomen
Zahlen lügen nicht, und die sagen, dass die Teilnehmerzahlen bei Langlauf-Events in der Region seit Corona in die Höhe schießen: In diesem Jahr konnte der Berliner Halbmarathon mit mehr als 42.000 Startern den Vor-Pandemie-Rekord (35.500) erneut deutlich übertreffen.
Der Potsdamer Schlösserlauf deckelt das Event auf 5.000 Startplätze. Die waren 2024 erstmals schon vier Wochen vor der Veranstaltung ausgebucht. Für die Ausgabe 2025 waren die Startnummern sogar schon ein halbes Jahr im Voraus vergriffen.
Beim ältesten Berliner Volkslauf, dem S25, gab es nach den fetten Post-Corona-Jahren erstmals einen Rückgang von 9.953 auf 9.320 Finisher. Allerdings dürfte dabei die wegen der Ringbahnbrücken-Baustelle erneut veränderte und weniger attraktive Streckenführung eine Rolle gespielt haben.
Froböse: Joggen als körperliche Eigenverantwortung
Ein Anruf beim Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse, der in Hamburg ans Handy geht, weil er dort für die NDR-Talksendung "Rotes Sofa" interviewt wurde. Froböse ist ein beliebter Gesprächspartner, wenn es um Fitnessthemen geht, Ratgeber veröffentlicht er verlässlich.
Er jogge mittlerweile weniger, sagt er, die schwächelnden Menisken. Aber natürlich beobachte auch er den Boom. An der Alster etwa, wo er gerade mit seiner Frau saß, da seien ein Drittel der Menschen Jogger gewesen.
"Viele haben erkannt, dass Eigenverantwortung Sinn macht", sagt Froböse. "Dass man einerseits einen Ausgleich finden muss zu dem, was wir an mentalen Belastungen haben und andererseits diese langen Sitzzeiten kompensieren." Walken oder Joggen sei da für viele ideal. "Es ist unheimlich barrierefrei, man braucht nur Schuhe und kann es genauso alleine wie auch in der Gruppe machen."
Ziel: Intrinsische Motivation
Gerade für Anfänger sei es hilfreich, auf ein Ziel hinzuarbeiten, "um neue Motivation zu generieren", so Froböse.
Doch er hat auch Bedenken. "Wenn sie den Marathon gelaufen sind, drei Stück, fünf Stück, zehn Stück - was ist dann das nächste Ziel? Der 100-Kilometer-Lauf? Zwei Marathons im Monat?"
Wer vor allem für den Fortschritt, den Kick, die nächste Steigerung hintrainiert, schaut mit zunehmenden Alter und nachlassenden Kräften - oder zwickenden Menisken - in die Röhre.
Ziel müsse sein, die extrinsische Motivation – also das Bewältigen eines Wettbewerbs – "umzumünzen in eine intrinsische Motivation", sagt Froböse, also: "Ich brauche es, es tut mir gut, es fördert meine Lebensqualität und darüber hinaus ist es auch noch gut für meine Gesundheit."
Vom Tempelhofer Feld aus sieht man die Sonne über Neukölln aufgehen. Es ist ruhig, das Dauerrauschen der Autos auf der A100, man überhört es fast. Dann kündigt sich mit immer lauter werdenden Trippelschritten der nächste Jogger an. Er schaut kurz auf seine Smartwatch, und zieht vorbei.
Sendung: rbb|24, 01.08.2026, 07:24 Uhr
Audio: rbb|24, 01.08.2026, Shea Westhoff
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