Wirtschaftswachstum durch Finanz-Rebellen: Berlin hofft, mit Fintech-Unternehmen zum neuen Finanzplatz Nummer 1 in Deutschland zu werden. Orientieren will man sich dabei vor allem an London. Doch bis zur Themse hat es die Spree noch weit.
Fintech-Träume in Berlin "Wir können das London des europäischen Kontinents werden"
Von Sebastian Schöbel
Es ist ziemlich voll auf dem "Innovate Finance Global Summit", der Leitveranstaltung von Londons Fintech-Week. Vor allem junge Menschen sind es, die sich durch die engen Gänge und grandiosen Säle der mittelalterlichen Guildhall schieben, viele mit Kaffee in der einen und dem Handy in der anderen Hand. Mittendrin sitzt Natalie Schleiz unter einem der Buntglasfenster in der Great Hall und wartet: Sie hätte jetzt eigentlich ein Networking-Date gehabt.
"Wir automatisieren den Datenaustausch zwischen Banken oder Fonds und Fintechs, die ihre Finanzierung abwickeln", erklärt sie das Geschäftsmodell ihrer Firma Credibur. Soll heißen: Das Fintech-Unternehmen mit Sitz im Pankower Kollwitz-Kiez macht es Banken leichter, in Finanz-Start-ups zu investieren. Was eher nach einem Business in einem traditionellen Bankenstandort wie Frankfurt am Main oder eben London klingt. Aber Berlin?
Giffey: Berlin wird Frankfurt am Main überholen
"Doch, doch", insistiert Natalie Schleiz. "Berlin ist für uns einfach auch Heimatstandort, und die ganze Fintech-Community dort ist super stark und super groß." Talente und Förderung seien vorhanden, sagt sie, und auch der Unternehmergeist für die neue, digitale Finanzwirtschaft sei vorhanden. "Jeder will was schaffen, will vorangehen. Und das ist eben in Berlin da."
Worte, die hier wohl niemand lieber hört als Franziska Giffey. "It has to be Berlin and will be Berlin", prophezeit die Wirtschaftssenatorin von einer Bühne, Mikrofon in den Händen. Im Publikum sitzen etliche junge Gründerinnen und Gründer, die hier ihre Fintechs bekannter machen wollen, vor allem bei Investoren. "Pitchen" nennt sich das in der Branche. Und Giffey? Pitcht auch: nämlich Berlin. "Wir werden in den nächsten fünf Jahren, spätestens in den nächsten zehn Jahren Frankfurt am Main als wichtigsten Finanzplatz Deutschlands überholt haben", so die SPD-Politikerin.
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) bei einem Besuch in London. (Quelle: rbb/Sebastian Schöbel)
Tatsächlich hat Berlin mit fast 200 Fintechs heute schon mehr Unternehmen dieser Art als München, Frankfurt, Köln und Hamburg zusammengenommen. Laut der landeseigenen Investitionsbank IBB flossen allein im letzten Jahr mehr als 300 Millionen Euro in diese Firmen an der Spree. Der Berliner Senat hofft, sie zum Wachstumsmotor der Stadt zu machen. "Zwei Drittel des gesamten Investitionskapitals im Fintech-Bereich geht nach Berlin, und auf dem europäischen Festland gibt es kaum eine andere Stadt, die da vor uns ist – bis auf Paris vielleicht", referiert Giffey. "Wir haben in Berlin wirklich die Chance, in der Zusammenarbeit mit London quasi das London des europäischen Kontinents zu werden."
Hintergrund
Fintech steht abgekürzt für "Financial Technology". Generell werden mit dem Begriff Unternehmen bezeichnet, die "technologiebasierte Anwendungssysteme rund um das Thema Finanzen" anbieten, wie es die Bundesbank beschreibt [bundesbank.de]. Häufig handelt es sich demnach um Start-ups, ist jedoch nicht zwingend so.
Der Realitätscheck in Canary Wharf
Giffey ist auch deswegen nach London gereist, zusammen mit einer kleinen Delegation von Fintech-Unternehmen, die das Berliner "House of Finance and Tech" zusammengestellt hat: Um von London zu lernen, wie man Fintechs entwickelt und so groß macht, dass sie im globalen Wettbewerb bestehen können. Wie weit dieser Weg allerdings noch ist, sieht man gut fünf Kilometer weiter östlich von der mittelalterlichen Guildhall: in Canary Wharf. Wo einst Schiffe für das Empire Waren umschlugen, schlägt heute das eigentliche Herz des britischen Finanzplatzes, in Hochhäusern aus Beton, Stahl und sehr viel Glas.
Im ikonischsten Turm von allen, dem One Canada Square, fährt Franziska Giffey in den 39. Stock. Die Betreibergesellschaft von Canary Wharf hat hier einen sogenannten Inkubator aufgebaut: "Level39". Er soll Fintechs entdecken, fördern und entwickeln: vom Start-up, das nicht mehr als einen Schreibtisch im Coworking-Space braucht, bis zum Unternehmen in einem der Hochhäuser, die man aus dem Panoramafenster sehen kann. Einer davon ist inzwischen das Hauptquartier von Revolut, eine der am schnellsten wachsenden "Neobanken" der Welt. Angefangen hat diese Geschichte einst in einem kleinen Mietbüro von "Level39".
Milliardengeschäfte in der Sandkiste
Warum das mit dem Fintech-Wachstum in London so gut klappt, weiß Sophie Turner ziemlich genau. Ihr Unternehmen "Beatvest" bringt Menschen bei, wie die moderne Finanzwelt funktioniert, mit einer Lern-App. "Finanzielle Bildung im Duolingo-Style", sagt sie lachend. "Das sind kleine Lerneinheiten, nie länger als drei Minuten, mit Audio, Video und Text." Damit es Spaß macht, gibt es spielerische Elemente und kleine Belohnungen.
Turner war früher aber noch etwas anderes: eine Art Polizistin fürs Geld. Sie hat für die britische Finanzaufsicht gearbeitet. Und die hat bei Fintechs, die am liebsten jede Regel der Finanzwelt neu denken möchten, einen ganz eigenen Ansatz, so Turner. "Weil sie zusammen mit den Unternehmen Lösungen entwickelt." Statt nur zu regulieren, stelle die Behörde den jungen Finanzunternehmern regelrechte Spielwiesen für Experimente bereit. "Sandbox" nennt man es in der Branche: Hier werden neue Finanzprodukte in einem kontrollieren Raum getestet, bevor sie den Markt erreichen. "Das finde ich sehr gut, denn dann fliegt nicht irgendwo eine Entwicklung unter dem Radar", so Turner.
Einladung an die Bafin
Regulierer, die helfen statt verhindern: Ein anderer Ansatz, den zum Beispiel die deutsche Aufsichtsbehörde Bafin verfolgt, das sagen viele der Berliner Fintech-Vertreter, die mit nach London gekommen sind. Ist Deutschland bei den Fintechs also einfach zu ängstlich?
Sebastian Schäfer atmet tief durch und überlegt. "Entscheidend ist, wie eng ein Regulator am Markt ist und auch technologische Innovationen erlebt, um daraus dann Schlüsse zu ziehen", antwortet der Chef des Berliner "House of Finance and Tech" beinahe philosophisch. "Nach vorne gehend muss man sich schon auch Gedanken machen, was die Aufgabe eines Regulators in einer sich veränderten Welt ist, in der Technologiezyklen, Innovationen immer schneller kommen." In Großbritannien jedenfalls würden die Aufsichtsbehörden die neuen Fintechs nicht nur kontrollieren, sondern aktiv fördern.
Ein Ansatz, für den das "House of Finance and Tech" in Berlin werben will, als Brücke zwischen beiden Welten. "Wir stehen im Wettbewerb, ob wir es wollen oder nicht", sagt Schäfer. Die Finanzarchitektur von morgen werde irgendwo zwischen Silicon Valley, London, Europäischer Union und Asien entstehen. "Die Frage ist: Wie viel davon gestalten wir in Deutschland selbst?"
Von London könne Berlin lernen, wie gute Regulierung der entscheidende Faktor sein kann, so Schäfer. Weil sie letztlich auch die so wichtigen Investoren und ihr Geld vor bösen Überraschungen schütze. Und hier wünscht sich Schäfer für Berlin nicht weniger, sondern mehr Aufmerksamkeit der deutschen Finanzaufsicht – als Helfer, Zuchtmeister und Beschützer gleichermaßen. "Denn Fintechs können nur dann skalieren und global erfolgreich sein, wenn sie nach der Gründung auch die nächsten Schritte gehen."
Hätte das "House of Finance and Tech" denn noch Platz, um die Bafin unterzubringen? Schäfer lächelt. "Yes! Haben wir."
Von Einhörnern und Zebras
Kathrin Robeck hört das sehr gern. Sie ist wohl eine der wichtigsten Personen, wenn es um Fintech-Investitionen in Berlin geht. Die Chefin der IBB Ventures hat schon mehrere Millionen in die Branche gesteckt. Wobei der neueste Bericht ihres Hauses so klingt, als würde sie eine Farm für magische Tiere in Afrika führen. Es geht da um "Unicorns", also Einhörner, und Zebras. "Unicorns setzen auf extrem starkes Wachstum", erklärt Robeck. "Auf eine sehr, sehr hohe Verbrennungsrate." Gemeint ist das Geld von Investoren, das die aufstrebenden Fintechs rasant ausgeben, um schnell einen Teil des Marktes zu dominieren – freilich erstmal ohne Gewinne, die sollen sich später umso mehr einstellen. "Bei Zebras ist das Geschäftsmodell eher auf Nachhaltigkeit ausgelegt, auf frühere Profitabilität, auf gesellschaftlichen Nutzen", so Robeck. Genau das sei für Investoren wie die IBB Ventures, die letztlich im Auftrag der öffentlichen Hand agiert, zunehmend interessanter.
Derart "finanz-zoologisch" könnte man auch die beiden Fintech-Standorte London und Berlin erklären: London liebt die riskanten Einhörner, Berlin eher die verlässlichen Zebras. Beide aber brauchen Venture Capital, also Risikokapital, das Investoren mitbringen. Denn selbst das gemütlichste Zebra braucht eine Anschubfinanzierung – ohne Garantie auf spätere Gewinne. Die IBB setzt öffentliches Geld deswegen immer nur in Kooperation mit dem Privatsektor ein, so Robeck. "Ein Euro investiertes Kapital durch die IBB Ventures mobilisiert fünf Euro privates Kapital."
Es geht nicht nur ums Geld - aber auch
Allerdings tut sie das bislang vor allem in den ganz frühen Finanzierungsphasen der Unternehmen. "Unsere Komfortzone liegt bei einer halben Million Euro", so Robeck. "Wir sind da auch extrem kritisch, weil wir natürlich öffentliche Gelder investieren." Doch was für den Start reicht, ist für den nächsten Schritt meist zu wenig. "Scale up", also vergrößern, können Fintechs erst, wenn deutlich höhere Investitionen fließen. Da sei auch bei der IBB Ventures "tatsächlich noch Luft nach oben", räumt Robeck ein. "Da können wir uns auch vorstellen, eine Rolle zu spielen und würden uns natürlich freuen, wenn wir diese gesamte Finanzierungsreise abbilden könnten."
Dann ist es allerdings mit ein paar Millionen nicht mehr getan. Londons Fintechs warben allein im letzten Jahr rund 5,6 Milliarden Euro ein. Zum Vergleich: In Berlin waren es 4,6 Milliarden – in den gesamten vergangenen zehn Jahren zusammengenommen.
Zahlen, die auch Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey kennt. Sie kenne aber auch noch ein paar andere, sagt die ehemalige Neuköllner Bürgermeisterin. "Londons Lebenshaltungskosten sind viel, viel höher", rechnet sie vor. "Öffentliche Verkehrsmittel kosten viel, viel mehr, Wohnen sowieso." In Berlin sei das anders – auch mit Blick auf das Familienleben von Fintech-Gründern. "Kostenlose Kita, kostenloses Schulmittagessen: All die Dinge, für die in London teuer bezahlt wird." Aus Giffeys Sicht Standortvorteile, die man neben Investoren mit tiefen Taschen und unternehmerfreundlichen Aufsichtsbehörden ebenfalls betrachten müsse.
Das geplatzte 2-Milliarden-Euro-Date
In der Londoner Guildhall wartet Natalie Schleiz inzwischen nicht mehr auf ihr Networking-Date. Sie wurde versetzt. Die junge Frau lächelt milde: Der nächste Interessent habe schon angefragt. Dem erzählt Schleiz dann übrigens auch etwas von großen Zahlen: Etwa das Finanzvolumen, das Credibur inzwischen über seine Software abwickle. "Da sind wir gerade über die 2,2 Milliarden Euro gekommen." Sie hält kurz inne und bemerkt, dass die Augen des Gegenüber plötzlich ziemlich groß geworden sind. "Das ist schon ziemlich viel", sagt sie und lacht beherzt.
Für ein Fintech aus Pankow, das es erst seit zwei Jahren gibt, ist das durchaus ein beachtlicher Betrag. Auf jeden Fall genug, um auch im finanzträchtigen London eine Berliner Fintech-Unternehmerin besser nicht sitzen zu lassen.
Sendung: rbb24 Inforadio, 29.04.2026, 15:45 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 29.04.2026, Sebastian Schöbel
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