Bei der Leichtathletik-EM sorgte eine Panne im Stabhochsprung der Zehnkämpfer für viel Aufsehen. Mittendrin war Amadeus Gräber aus Nauen. Der 21-Jährige blickt auf die EM zurück und freut sich auf sein Beinahe-Heimspiel beim Istaf.
Interview Zehnkämpfer Amadeus Gräber "Ich dachte wirklich, er verarscht mich"
In Birmingham laufen noch bis Sonntag (16. August) die Leichtathletik-Europameisterschaften. Für Spannung und auch eine kuriose Panne sorgte dabei der Zehnkampf. Mittendrin war Amadeus Gräber. Der 21-jährige gebürtige Brandenburger kam bei seiner ersten EM auf Rang acht. Am Tag nach dem Wettkampf spricht er im Interview über schwere Beine, das Teamgefühl unter den Athleten und seine bevorstehende Rückkehr zum Istaf nach Berlin.
Von Lisa Surkamp-Erler
rbb24: Herr Gräber, was tut Ihnen heute am meisten weh?
Amadeus Gräber: Tatsächlich die Waden. Ich bin heute Morgen aufgewacht und dachte, mir geht es ja überraschend gut. Mit dem ersten Schritt aus dem Bett hat sich die ganze Sache dann auch wieder erübrigt. Die Waden sind schon ordentlich fest, die Beine generell. Jeder Schritt tut so ein bisschen weh, aber ich bin trotzdem einfach glücklich, den Wettkampf geschafft zu haben.
Amadeus Gräber wurde 2005 in Brandenburg geboren. Er startete seine Karriere in der Leichtathletik beim SV Leonardo-Da-Vinci Nauen (Havelland). 2022 wurde er U18-Europameister im Zehnkampf und gewann anschließend auch die Deutsche Meisterschaft der U18 in dieser Disziplin. 2023 wurde Gräber dann U20-Europameister. Beim Mehrkampf-Meeting in Götzis stellte er in diesem Jahr eine neue persönliche Bestleistung von 8.345 Punkten auf und belegte Rang neun. Bei der EM in Birmingham gelang ihm Platz acht.
rbb24: Sie haben den Wettkampf auf dem achten Platz abgeschlossen - und zur Einordnung muss man dazusagen, dass das Ihre erste Europameisterschaft der Männer war. Wie bewerten Sie Ihre Leistung?
Ja, ich bin völlig zufrieden, vor allem für diese unglaublichen Bedingungen: mit dem Gegenwind eigentlich in jeder Disziplin und den Temperaturen. Und diesen Verzögerungen im Stabhochsprung. Ich bin da gut durch den Wettkampf gekommen und hatte unglaublich viel Spaß dabei. Und auch wenn da keine neue PB [Persönliche Bestleistung, Anm. d. Red.] steht, weiß ich, was da noch geht, und freue mich auf die nächsten Jahre.
rbb24: Wir müssen direkt über den Stabhochsprung sprechen. Da wurden in Ihrer Gruppe - so dachten alle - die 4,80 Meter aufgelegt und Sie konnte diese Höhe bereits überspringen, als dann die Nachricht kam: Das waren gar nicht 4,80, sondern 4,70. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?
Der Erste, der mir das gesagt hat, war der Norweger Sander Skotheim. Ich dachte, es ist ein Witz, also ich dachte wirklich, er verarscht mich so ein bisschen. Ich habe dann nochmal nachgefragt und dann kamen wirklich die Kampfrichter zu uns und sagten das. Dann haben wir natürlich sofort Rücksprache mit unseren Trainern gehalten. Wir haben auch sofort Protest eingelegt gegen die Entscheidung, was am Ende aber wahrscheinlich nicht so viel bringt. Es ist ein Fehler, den die gemacht haben und die haben sich dafür entschuldigt. Es ist sehr ärgerlich, dass das in solchen Bedingungen passiert und besonders im Zehnkampf, wo jeder Sprung natürlich viel Energie kostet. Am Ende habe ich dann probiert, das einfach auszublenden, bin dann über die 4,80 Meter gesprungen und habe dann ganz normal weitergemacht.
Amadeus Gräber beim Stabhochsprung bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham 2026 (Quelle: imago images/Beautiful Sports International)
rbb24: Sie haben die Disziplin am Ende mit übersprungenen 5,10 m sogar gewonnen. Wie haben Sie es geschafft, dieses Chaos auszublenden?
Natürlich habe ich verärgert reagiert, aber einfach, weil es wie gesagt Energie kostet. Also es war gar nicht so, dass ich dachte: Ich habe es jetzt schon geschafft und jetzt muss ich das nochmal machen. Sondern eher, das ist jetzt blöd, dass ich da noch mehr Energie für eine Höhe verschwende, die eigentlich ja nicht das Ende sein sollte. Und dann bin ich da halt rübergesprungen und in dem Moment war die Sache für mich erübrigt. Da habe ich einen Sprung mehr gemacht und dann war es halt so. Ich konnte mich dann wieder in den Schatten setzen und habe probiert, das auszublenden und einfach weiter mit meinem Wettkampf zu machen. Denn am Ende hatte ich natürlich schon das Ziel, noch ein bisschen höher zu springen, und habe mich dann auf die nächsten Höhen konzentriert.
Zehnkämpfer Amadeus Gräber jubelt nach dem Hochsprung (Quelle: imago images/Eibner)
rbb24: Ihre beiden Teamkollegen Leo Neugebauer und Niklas Kaul haben sich bis zum abschließenden 1.500-m-Lauf um den Sieg duelliert, am Ende mit dem besseren Ende für Neugebauer. Was können Sie von den beiden lernen?
Die Lockerheit und den Spaß im Wettkampf. Das war schon wirklich nochmal deutlich anders als bei den Jugendmeisterschaften. Auch der Zusammenhalt im Team. Da hat jeder nach dem anderen geguckt, ob es einem gut geht. Man hat sich gegenseitig geholfen. Wir haben uns auch teilweise einfach zusammen warm gemacht und das hat einfach unglaublich viel Spaß gemacht. Ich hoffe, dass wir in dieser Konstellation noch ein paar Meisterschaften erleben werden und uns gegenseitig zu neuen Höchstleistungen treiben.
rbb24: Sie haben in Nauen mit Leichtathletik begonnen. Wann war Ihnen klar, dass Sie Zehnkämpfer werden wollen, und was zeichnet diese Disziplin aus?
Das hat sich so ein bisschen entwickelt mit dem Zehnkampf. In einem Winter kam mein Trainer zu mir und hat gesagt: Du lernst jetzt Stabhochsprung, denn nächstes Jahr sollst du mal einen Mehrkampf machen. Ein Neunkampf war es damals noch in der Jugend. Ich habe dann angefangen Stabhochsprung zu lernen und dann einen Neunkampf gemacht. Bei meinen ersten deutschen Meisterschaften habe ich direkt den dritten Platz belegt, was gar nicht so selbstverständlich war, weil ich zu dem Zeitpunkt wirklich noch deutlich kleiner war als die anderen Mehrkämpfer dort. Und da habe ich dann gedacht: Da bin ich offenbar ganz gut drin, das könnte ich doch dann weitermachen. Und so hat sich das quasi entwickelt.
rbb24: Im Mehrkampfzentrum Nauen, wo Sie bis zu Ihrem Wechsel nach Frankfurt am Main trainiert haben, gibt es eine besondere Vernetzung aus Training und Schule. Welchen Anteil haben Ihr Trainingsort und dieses System an den bisherigen Erfolgen?
Einen riesen Anteil. Ich wurde da immer super unterstützt, auch wenn sich mit den Wettkämpfen und den schulischen Sachen was überschnitten hat. Dann wurde ich einfach von der Schule befreit, um mich auf die sportlichen Sachen zu konzentrieren. Da war immer sehr viel Verständnis da und die Schulleitung stand auch total dahinter. Und ich glaube, ohne diese Möglichkeiten, die ich da bekommen habe, hätte ich das so zu dem Zeitpunkt in dem Maß gar nicht absolvieren können.
rbb24: Zehnkampf ist wohl die anspruchsvollste Disziplin in der Leichtathletik. Dazu haben Sie sich dann auch noch den komplexen Studiengang Medizin rausgesucht. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?
Nach dem ersten Semester habe ich relativ schnell gemerkt, dass das mit dem Medizinstudium eine große Belastung ist. Ich wollte dann natürlich den Sport nicht runterfallen lassen. Inzwischen studiere ich Sportwissenschaften, denn ich möchte mein sportliches Wissen auch wissenschaftlich fundieren. Das mache ich online als Fernstudium und das kriege ich eigentlich ganz gut unter einen Hut.
rbb24: Im September steht für Sie fast ein Heimspiel bevor, Sie haben zugesagt für das Istaf im Olympiastadion. Ist das Ihre erste Teilnahme in Berlin und wie groß wird Ihr Fanblock? Der Weg von Nauen nach Berlin ist ja nicht so weit.
Das ist meine erste Teilnahme beim Istaf an sich. Wobei ich sagen muss, ich war schon mal beim Istaf - damals mit den Schülerstaffeln meiner Schule. Da war ich gerade in der siebten Klasse. Aber bei den Großen starte ich das erste Mal und ich hoffe natürlich, dass da einige Leute vorbeikommen werden. Ich werde natürlich mein Bestes geben, um da einen möglichst großen Fanblock zu organisieren, der dann natürlich dem von Leo [Neugebauer, Anm.d.Red.] Konkurrenz machen soll. Wobei das glaube ich eher schwierig wird. Aber ich freue mich auf jeden Fall darauf, dass auch meine Bekannten dort gut zugucken können.
rbb|24: Vielen Dank für das Gespräch.
Der Text ist eine gekürzte, redigierte Fassung des Interviews.
Sendung: rbb|24, 14.08.2026, 18:00 Uhr
Audio: rbb|24, 14.08.2026, Amadeus Gräber im Interview mit Lisa Surkamp-Erler
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