Eigentlich soll der Wohnberechtigungsschein (WBS) Menschen mit geringem Einkommen den Zugang zu Sozialwohnungen ermöglichen. Widersprüchliche Regelungen führen in Berlin aber dazu, dass große Familien immer wieder Absagen bekommen und stattdessen in teuren Unterkünften landen.
Tausende Euro für 30 Quadratmeter Wie eine WBS-Regelung die Unterbringung wohnungsloser Familien teuer macht
Von Adrian Bartocha Fabian Bieda und Hannah Weber
Sieben Jahre lang lebte Elena S.* mit ihrem pflegebedürftigen Mann und ihren drei Kindern auf etwa 35 Quadratmetern in Wohnungslosenunterkünften in Berlin. Der Alltag der Familie fand in einem Raum statt: Der Vater lag im Pflegebett, gleich daneben stand der Esstisch. Ihre Hausaufgaben machten die Kinder auf ihren Betten. Die Küche musste sich die Familie mit anderen teilen. “Es war eng, dreckig, laut und gefährlich”, so erinnert sich Elena S., die mit ihrer Familie aus der Slowakei nach Berlin gekommen war.
Trotz intensiver Wohnungssuche, die Elena S. dokumentiert und der Redaktion rbb24 Recherche vorgelegt hat, fand die Familie selbst mit Wohnberechtigungsschein keine Wohnung. Wenn sie eine freie Wohnung fand, dann wurde sie abgelehnt. Meist mit der Begründung: Die Wohnung sei zu klein für ihre große Familie. Also blieb die Familie in Notunterkünften: Kostenpunkt durchschnittlich 35 Euro pro Person pro Nacht – und das über Jahre.
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von einem externen Anbieter.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Das Problem: Eine WBS-Richtlinie selbst
Beim Berliner Verein Phinove e.V. ist dieses Problem bekannt. Der Verein betreibt Unterkünfte für wohnungslose Familien aus dem EU-Ausland und unterstützt Familien bei der Suche nach einer langfristigen Wohnung. “Das sind keine Einzelfälle, das hat System”, sagt Harriet Udroiu, die im Verein für die Wohnungsvermittlung zuständig ist.
Sie sieht das Problem nicht allein darin, dass es grundsätzlich zu wenige Sozialwohnungen für größere Familien gibt. Sondern vor allem bei dem Dokument, das die Wohnungssuche für Menschen mit geringerem Einkommen eigentlich erleichtern soll: dem Wohnberechtigungsschein, kurz WBS. Ohne WBS keine Sozialwohnung.
Ausgestellt wird der WBS von den Wohnungsämtern. Die tragen auf dem WBS auch ein, wie viele Zimmer einer Familie zustehen. Dabei gilt, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen auf Anfrage mitteilt, grundsätzlich folgende Regelung: ein Zimmer pro Person. Fünf Personen steht also eine Fünf-Zimmer-Wohnung zu.
Zwar steht auf dem WBS auch der Hinweis, dass die Anmietung einer Sozialwohnung mit weniger Zimmern möglich sei, "in der Realität ist das aber ungern gesehen," sagt Harriet Udroiu vom Verein Phinove, denn "das gilt dann bei den Wohnungsbaugesellschaften als Überbelegung".
Externer Inhalt
An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von einem externen Anbieter.
Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen
erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Pro erwachsener Person neun Quadratmeter
Wann eine Sozialwohnung in Berlin als überbelegt gilt, das ist im Wohnungsaufsichtsgesetz festgelegt. Es gilt die sogenannte Mindestwohnfläche: Pro Person sind das neun Quadratmeter, für Kinder unter sechs Jahren sechs Quadratmeter. Steht diese Fläche nicht zur Verfügung, gilt die Wohnung als überbelegt.
Doch was gilt in der Praxis: die Quadratmeterzahl oder die Zimmerzahl? Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e.V. (BBU) teilt auf rbb-Anfrage mit, dass die Wohnungsbaugesellschaften sich grundsätzlich an die WBS-Regelung "ein Raum pro Person" halten würden, um eine Überbelegung zu verhindern. Dennoch würde auch die Wohnfläche eine Rolle bei der Vergabe spielen. Maßgeblich sei daher die "Einzelfallbetrachtung", so David Eberhart, Sprecher des BBU.
Bewerbung auf Wohnungen mit weniger Zimmern nicht möglich
rbb24 Recherche liegt die Absage einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft vor. Eine siebenköpfige Familie bewarb sich auf eine Vier-Zimmer-Wohnung mit 114 Quadratmetern. In der Absage argumentiert die Wohnungsbaugesellschaft mit “massiver Überbelegung”. Laut Wohnungsaufsichtsgesetz gilt eine Wohnung für die sieben Personen allerdings erst dann als überbelegt, wenn nicht mindestens 63 Quadratmeter zur Verfügung stehen.
Konfrontiert mit diesem Fall, argumentiert BBU-Sprecher Eberhart, dass deshalb auch die Zimmeranzahl wichtig sei. "Wenn drei Kinder in einem Zimmer untergebracht werden, wo sollen die denn Hausaufgaben machen?"-
Man müsse “langfristig das Wohl der gesamten Familie im Blick haben, um solche Überbelegungen zu verhindern”. Dabei lebt eine siebenköpfige Familie in Berlin laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich auf ähnlich viel Platz – wenn sie eine Wohnung hat: 110 Quadratmeter, 4,8 Zimmer.
Die Einzelfallentscheidungen der Wohnungsbaugesellschaften führen offensichtlich auch dazu, dass Familien sich mitunter gar nicht erst auf Wohnungen mit weniger Zimmern als Personen bewerben können. rbb24 Recherche versucht es in einem Selbsttest auf dem Portal der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Howoge: Sucht man als sechsköpfige Familie nach einer WBS-Wohnung, erscheint bei Wohnungen mit vier oder weniger Zimmern immer wieder der Hinweis: "WBS nicht erfüllt" – dabei scheint es keine Rolle zu spielen, wie viele Quadratmeter die Wohnung hat.
Teure Folgen
Beim Verein Phinove ist man mit den Folgen dieser Regelung täglich konfrontiert: Familien, die jahrelang in Wohnungslosenunterkünften leben – so wie Familie S. Die Mitarbeiterinnen berichten von mehreren Fällen, in denen Familien knapp zehn Jahre in Wohnungslosenunterkünften leben mussten.
Und das ist teuer: Durchschnittlich 35 Euro pro Person pro Nacht kostet die Unterbringung in einer Wohnungslosenunterkunft – meist bezahlt vom Sozialamt oder dem Jobcenter, wie der Senat auf eine parlamentarische Anfrage der Linken mitteilte (Antwort auf Schrftl. Anfrage). Für eine fünfköpfige Familie sind das pro Monat mehr als 5.000 Euro. Im Jahr mehr als 60.000 Euro.
Das löst laut Anna Hanf, Sozialarbeiterin bei Phinove auch bei den betroffenen Familien Frustration aus. "Diese hohen Summen für enge und oft unschöne Wohnungslosenunterkünfte werden bezahlt, ohne dass es groß in Frage gestellt wird", sagt sie. Dabei seien die Familien meist bereit, in eine Wohnung mit weniger Zimmern zu ziehen. "Das versteht eine Familie nicht, das kann ich einer Familie nicht vermitteln und das verstehe ich auch nicht”, so Hanf.
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen teilt dazu auf Anfrage des rbb schriftlich mit, dass für WBS-Wohnungen grundsätzlich die Zimmerregelung gelte. Die Mindestquadratmeterzahl solle lediglich "unzumutbare Wohnverhältnisse" vermeiden. Im Einzelfall hätten die landeseigenen Wohnungsunternehmen allerdings "Spielräume" um "besondere soziale Situationen [zu] berücksichtigen".
Mit Hilfe des Vereins Phinove konnte Familie S. vor einigen Monaten in eine Drei-Zimmer-Wohnung ziehen. Vermietet wird die Wohnung von privat, die WBS-Richtlinien spielten bei der Vergabe daher keine Rolle. Die Familie lebt nun auf knapp 80 Quadratmetern zu einem Mietpreis von etwa 1.400 Euro – weniger als ein Drittel der monatlichen Kosten für die Unterkunft, in der sie zuvor leben mussten.
*Name von der Redaktion geändert
Sendung: rbb|24, 11.06.2026, 06:06 Uhr
Audio: rbb|24, 11.06.2026, Hannah Weber
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Grundsicherung und Wohngeld: Mehr Ältere in Berlin betroffen | 0 | 5.32 | 03-08-2026 |
| 2 | Berliner Mietenkataster: Regelbetrieb wohl erst in mehreren Jahren | 0 | 8.1 | 31-07-2026 |
| 3 | Elektroautos: Zahl der Ladepunkte in Berlin steigt - Preise intransparent | 0 | 8.14 | 02-08-2026 |
| 4 | Beamtenbesoldung: Nachzahlung könnte Berlin Milliarden kosten | 0 | 7.9 | 21-05-2026 |
| 5 | Wohnungsbestand in Berlin und Brandenburg wächst langsamer | 0 | 7.71 | 30-06-2026 |
| 6 | Опрос: жители Дальнего Востока готовы арендовать квартиру почти за 30 тыс. рублей | 0 | 0 | 23-11-2021 |
| 7 | Berliner Senat und Bezirke diskutieren über neues Gaststättengesetz | 0 | 7.51 | 13-05-2026 |
| 8 | Pflegeheim unbezahlbar? Wann Kinder und Sozialamt zahlen müssen | 0 | 4.9 | 19-07-2026 |
| 9 | Helmholtzplatz: Hohe Gewerbemieten vertreiben Läden | 0 | 8.36 | 10-05-2026 |
| 10 | "Известия": ОП РФ предлагает ввести субсидии на аренду жилья для малоимущих граждан | 0 | 0 | 11-10-2020 |