Uns speist Kia mit dem Sorento ab und will uns den EV9 schmackhaft machen. Doch die Amerikaner verwöhnen die Koreaner mit dem jetzt schon zweiten Telluride. Der ist größer und vornehmer als alles, was das europäische Portfolio hergibt – und dabei auch noch fast lachhaft billig.
Stand: 13.08.2026, 16:19 Uhr

Uns speist Kia mit dem Sorento ab und will uns den EV9 schmackhaft machen. Doch die Amerikaner verwöhnen die Koreaner mit dem jetzt schon zweiten Telluride. Der ist größer und vornehmer als alles, was das europäische Portfolio hergibt – und dabei auch noch fast lachhaft billig.
SP-X/Detroit. Irrungen und Wirrungen im Weißen Haus, Urlaubsreisen schier unbezahlbar und dann auch noch eine verkorkste Geburtstagsparty nebst fragwürdiger WM– so richtig viel Sehnsucht schwingt gerade nicht mit beim Blick in die USA. Und der Neidfaktor hält sich in engen Grenzen. Doch zumindest beim Blick auf den Fuhrpark der Amerikaner flammt dann doch wieder ein bisschen Begehrlichkeit auf. Und die gilt nicht allein den großen Dreien aus Detroit, sondern selbst die Importmarken bauen in und für Amerika ein paar Autos, die uns Europäer neidisch machen. Sie sind vielleicht nicht besser als unsere, aber sie sind besser ausgestattet, bieten mehr Platz und sind vor allem deutlich billiger.
Einer davon ist der Kia Telluride, der in diesem Frühjahr zu Preisen ab 39.190 Dollar oder umgerechnet rund 35.000 Euro in die zweite Generation gegangen ist. Während die Koreaner uns mit dem Sorento abspeisen wollen, der rund 25 Zentimeter kürzer ist und trotzdem 20.000 Euro mehr kostet, oder sie uns gleich in den elektrischen und deshalb noch teureren EV9 stecken wollen, ist das hier ein ebenso klassisches wie kolossales SUV mit drei Sitzreihen und bis zu acht Plätzen. Mit 5,06 Metern Länge und knapp drei Metern Radstand beweist er, wie relativ Größe doch sein kann. Denn bei uns wäre er damit hart an der Komfortgrenze auf dem Supermarkt-Parkplatz und in der Altstadt, aber entlang der Großen Seen von Detroit nach Cleveland schwimmt er ganz unauffällig im Verkehr, macht sich vor Walmart dünn und schlüpft beim Starbucks durch den Drive-thru wie ein Kleinwagen.
Gegenüber seinem Vorgänger hat er sieben Zentimeter Radstand und sechs Zentimeter Länge zugelegt. Das ist keine Kosmetik, das spürt man. Vor allem hinten. In der zweiten Reihe gibt es auf Wunsch zwei Captain-Chairs, in der dritten – in einem Auto dieser Klasse eigentlich das übliche Notlager – tatsächlich noch ausreichend Beinfreiheit für Erwachsene. Der Kofferraum fasst selbst bei voller Bestuhlung genug für einen langen Roadtrip. Kurz: Es ist ein echtes Familienauto, kein aufgeplustertes Kompakt-SUV.
Und dann ist da noch dieses Design. Orangefarbene Tagfahrleuchten, eine breite, düstere, selbstbewusste Front, ein Heck, das deutliche Anleihen beim Range Rover macht – und das Kia-Logo sitzt schwarz auf schwarz, fast versteckt. Als müsste der Telluride seinen Ursprung nicht erklären. Die erste Generation hat in den USA reichlich Lorbeeren eingesammelt und der Marke Kunden beschert, die vorher bei deutschen Premiummarken eingekauft haben. Kein Wunder, wenn Audi Q7, BMW X7 oder Mercedes GLS teilweise doppelt so viel kosten, aber faktisch kaum mehr zu bieten haben. Und mit der zweiten Generation setzen die Koreaner jetzt noch einen drauf.
Innen fühlt sich der Telluride entsprechend vornehm an. Klimatisierte Sitze, drei Klimazonen, USB-Anschlüsse an fast jedem Platz, elektrische Verstellung überall – und das in vielen Versionen bereits serienmäßig. Die Materialien fühlen sich hochwertig an, die Verarbeitung stimmt, und das Bedienkonzept hat die Koreaner zu einer klugen Entscheidung gebracht: großer Touchscreen, aber daneben echte Tasten für das Wichtigste. Seit dem EV6 hält Kia daran fest, und es ist richtig so. Einzig der Gangwahlregler fällt aus der Reihe – ein klobiger Drehknopf, der aussieht wie der Griff eines Baseballschlägers und genauso aus der Lenksäule ragt. Verziehen.
Auf den Highways entlang der Großen Seen, zwischen Detroit und Cleveland, zeigt der Telluride dann, wofür er wirklich gebaut wurde. Nordamerikanische Straßen sind keine Autobahnen – sie sind breit, oft geradeaus, aber voller Frostaufbrüche, Querfugen und Unebenheiten, die kleinere Fahrzeuge spürbar durchschütteln. Der Telluride schluckt das alles weg. Klaglos, souverän, ohne dramatische Aufbewegungen. Das Fahrwerk arbeitet im Hintergrund, die Lenkung ist angenehm direkt, ohne nervös zu sein, und nach drei Stunden Fahrt steigt man erstaunlich ausgeruht aus. Er gleitet. Das ist sein Ding.
Angetrieben wird er dabei – und das ist die vielleicht überraschendste Nachricht dieser zweiten Generation – ausschließlich von aufgeladenen Vierzylindern. Der V6 ist weg. Was bleibt, ist ein 2,5-Liter-Turbo mit 201 kW/274 PS und 422 Nm, optional kombiniert mit einem Elektromotor zu einem Hybridsystem, das 329 PS Systemleistung mitbringt. Auf dem Papier klingt das nach Vernunft statt Prestige – in der Praxis merkt man den fehlenden Sechszylinder kaum. Der neue Antrieb passt zum Charakter des Autos: ruhig, effizient, ohne Sendungsbewusstsein.
Wer möchte, kann auch abseits befestigter Straßen unterwegs sein. Die X-Pro-Variante bietet Bergungshaken, grobstollige All-Terrain-Reifen auf 18-Zoll-Felgen und mehr Federweg. Für Waldwege, Bootsrampen und Schotterpisten ist das völlig ausreichend – in Nordamerika keine Randnotiz, sondern Alltag für viele Käufer.
Was fehlt? Luftfederung, Hinterachslenkung, aktive Wankstabilisierung – die klassischen Oberklasse-Extras bleiben dem Telluride verwehrt. Aber ehrlich gesagt merkt man das auf der Straße kaum. Und angesichts des Preises ist es schwer, darüber ernsthaft zu klagen.
Bleibt die eigentliche Crux: In Europa gibt es ihn nicht.
Kia Telluride – Technische Daten:
Viertüriger, acht- oder siebensitziges SUV; Länge: 5,06 Meter, Breite: 1,99 Meter, Höhe: 1,77 Meter (mit Dachreling: 1,82 Meter), Radstand: 2,97 Meter, Kofferraumvolumen: 603 Liter- 2.500 Liter (hinter der 3. Reihe/gesamt), Anhängelast: 2.268 kg
2,5-Liter-Vierzylinder-Turbo; 201 kW/274 PS, maximales Drehmoment: 422 Nm, Frontantrieb oder Allradantrieb, Achtgang-Automatik, Vmax: k. A., Normverbrauch kombiniert (EPA): ca. 10,7 Liter/100 Kilometer (22 mpg), Preis: ab 39.190 Dollar (ca. 35.000 Euro)
2,5-Liter-Vierzylinder-Turbo-Hybrid; 243 kW/329 PS Systemleistung, Allradantrieb, Sechsgang-Automatik, US. Normverbrauch: ca. 6,7 Liter/100 Kilometer (35 mpg), Preis: ab 46.490 Dollar (ca. 42.000 Euro)
Kia Telluride – Kurzcharakteristik:
Warum: weil man für dieses Geld bei den Koreaner nirgendwo mehr Auto bekommt
Warum nicht: weil es ihn in Europa nicht zu kaufen gibt
Was sonst: der Kia EV9, wenn man elektrisch will – oder ein Flug nach Denver und dann Mietwagen
Wann kommt er: in den USA sofort; zu uns leider gar nicht
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit SPS Spot Press Services.
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