Der Vatikan erklärt, die ultrakonservative Priesterbruderschaft befinde sich im Schisma. Das Wort riecht nach Weihrauch und Schwefel. In der Kirchengeschichte ist es gar nicht so selten. Das Schisma ist ein juristischer Akt – und ein Kampf darum, recht zu behalten.
Die vier neugeweihten und direkt exkommunizierten Bischöfe der Piusbruderschaft während der Zeremonie in Êcône im Schweizer Kanton Wallis.
Foto: AP Photo/Baz Ratner/Baz RatnerDüsseldorf · Der Vatikan erklärt, die ultrakonservative Priesterbruderschaft befinde sich im Schisma. Das Wort riecht nach Weihrauch und Schwefel. In der Kirchengeschichte ist es gar nicht so selten. Das Schisma ist ein juristischer Akt – und ein Kampf darum, recht zu behalten.
Wenn es auch ein schweres Vergehen war: Zumindest war man gut gekleidet. Als die ultrakonservative Piusbruderschaft vergangene Woche in der Schweiz vier neue Bischöfe weihte, trotz päpstlichen Verbots, geschah das zwar in einem ordinären Festzelt, aber ansonsten mit allem Pomp, den die katholische Kirche je zu bieten hatte – feierliche Prozession, spitzenbesetzte Messgewänder, rote Handschuhe und so weiter. Papst Leo XIV. würde niemals so auftreten; aber die Piusbrüder wollen ja auch katholischer sein als der Pontifex.
Das hat freilich vorerst nur dazu geführt, dass die vatikanische Glaubensbehörde alle Beteiligten für exkommuniziert erklärt und festgestellt hat: „Geistliche, die der Priesterbruderschaft St. Pius X. angehören, sind im Schisma und daher als schismatisch anzusehen.“ Gleiches gelte für Laien, die „formal“ der Bruderschaft anhingen; Näheres im Anhang.
Schisma, griechisch für „Spaltung“ – das ist ein Wort wie Donnerhall, es riecht nach Weihrauch und Schwefel zugleich, man sieht schon die Blitze zucken. Nun sind die Piusbrüder in der weltumspannenden katholischen Kirche eine winzige Minderheit; immerhin geht es aber doch um geschätzte 600.000 Gläubige. Papst Leo sparte denn auch nicht mit großen Worten, um die störrischen Schafe von ihrem Plan abzubringen: „Kehrt um!“, schrieb er zwei Tage vor der Weihe an den Generaloberen Davide Pagliarani, und: „Ich bete für euch, weil das Zerreißen des nahtlosen Gewandes Christi eine äußerst schwere Sünde ist.“
Das bezieht sich auf die Überlieferung bei Johannes, wonach die Soldaten bei der Kreuzigung Jesu Untergewand nicht zerschnitten, um es zu verteilen, eben weil es ohne Naht gewebt war – seither ein Sinnbild für die Einheit der Kirche, die es als Dogma bis ins Glaubensbekenntnis geschafft hat.
Ein juristischer Vorgang unter vielen – und doch viel mehr
Es half alles nichts; nun ist die Spaltung (wieder) da, trotz der jahrzehntelangen Engelsgeduld des Vatikans. Das Schisma ist dabei konkret ein Delikt nach dem katholischen Kirchenrecht, nämlich die Weigerung, sich dem Papst unterzuordnen. Häresie, also die Ablehnung der kirchlichen Lehre, kann zum Schisma führen, muss es aber nicht. In diesem Sinne sind die Piusbrüder ein juristischer Vorgang unter vielen. Die Exkommunikation wurde auch nicht verhängt, sondern erfolgte automatisch, als sogenannte Tatstrafe; der Vatikan hat nur bestätigt, was Rechtstatsache war: Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft (nicht der Kirche selbst), insbesondere von der Eucharistie. Stempel drauf, fertig.
Das aber ist nicht die ganze Geschichte. Schließlich gibt es noch das Schisma als historisches Phänomen und als kommunikative Waffe. Spaltungen begleiten das Christentum seit seinen frühesten Anfängen; die ganze Religion ist das Ergebnis einer (allmählichen, schmerzhaften und lange nicht eindeutigen) Trennung, nämlich vom Judentum.
Im geschichtlichen Gedächtnis sind Donnerschläge wie die gegenseitige Exkommunikation römischer und byzantinischer Geistlicher in Konstantinopel 1054 geblieben – eine zwar dramatische, aber eigentlich ziemlich begrenzte Eskalation, die dennoch langfristig zur Trennung von westlicher und orthodoxer Kirche führte. Um 1400 war Westeuropa für 40 Jahre gespalten zwischen zwei, später drei Päpsten, und 100 Jahre später setzte der heilige Zorn des Augustinermönchs Martin Luther, der seine katholische Kirche nur reformieren wollte, die Entstehung der evangelischen Kirchen in Gang. Bis heute ist der Protestantismus, der keine starke Zentralgewalt kennt, anfälliger für immer weitere Verästelungen. Der Luzerner Kirchenhistoriker Markus Ries nennt die Piusbrüder denn auch „eine Art katholische Freikirche“, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist.
Keiner will der Spalter sein
Dabei will niemand den Schwarzen Peter haben und sich als Spalter beschimpfen lassen, auch die Piusbruderschaft nicht. Auf deren Seminargebäude im Wallis weht die gelb-weiße Vatikanflagge. „Wir sind und bleiben römisch-katholisch. Daran ändert kein Dekret etwas“, beteuert der deutsche Distriktobere Stefan Pfluger, und: „Wir haben kein Schisma begangen!“ Dahinter dürfte nicht zuletzt die Erkenntnis stehen, dass (zumindest die offizielle) Kirchengeschichte von den Siegern geschrieben wird, wie der Historiker Florian Eßer für das Mittelalter festgestellt hat: „Es ging wortwörtlich darum, (das) Recht zu haben.“ Wer außer den Spezialisten in den Instituten kennt heute noch Markioniten, Montanisten, Donatisten, Akakianer? Schismatiker allesamt, und allesamt dem Vergessen anheimgefallen.
Spalter will also keiner sein, stattdessen wollen alle die Tradition vertreten. Der Papst sieht sich qua Amt als ihr Hüter, was ihm aber von der Piusbruderschaft streitig gemacht wird – nur man selbst überliefere den rechtmäßigen Glauben, weil man an seinem unverfälschten Kern festhalte. Der Streit ist auch eine Schlacht der Schlagworte. Pagliarani selbst sprach schon 2022 von einem „Kampf um die Tradition“.
Einheit gegen Reinheit
Heikel ist es schließlich auch für die andere Seite, in diesem Fall: den Papst, der den Balanceakt zwischen Einheit (der Kirche) und Reinheit (der Lehre) zu vollführen hat. Benedikt XVI. lavierte über Jahre herum, was sogar zur Begnadigung eines Holocaustleugners führte. Der Papst wird, allen Lockerungsübungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Trotz, nicht so entspannt urteilen können wie der Berliner Kirchenhistoriker Jens Schröter, der von „verschiedenen Ausprägungen des christlichen Glaubens“ seit den Anfängen und einem „orientierenden Rahmen“ spricht – Einheit sei stets „Orientierung und Regulativ“, aber nie „tatsächliche Form“ gewesen.
So wundert es nicht, dass die vatikanische Glaubensbehörde zusammen mit dem Dekret und den Erläuterungen zur Exkommunikation auch gleich ein „Verfahren zur Versöhnung“ skizzierte. Nötig sind demnach eine Bitte um Wiederaufnahme (handschriftlich!) sowie ein Glaubensbekenntnis und eine Erklärung, sich der katholischen Lehre und insbesondere den Beschlüssen des Konzils unterzuordnen.
Für Punkt 2 und 3 sind lateinische Vordrucke angehängt. Auch ein Schisma will schließlich ordnungsgemäß beendet sein.
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