Vor 40 Jahren wurde der Frankfurter Marathon gerettet. Jetzt steht seine Zukunft abermals auf dem Spiel. Die Vergabe ist heikel. Eine Unterbrechung könnte der Stadt teuer zu stehen kommen. Ein Gastbeitrag.
40 Jahre ist es her. Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1986 in Stuttgart leitete ich als Volunteer die Akkreditierung. Dort sprach mich der damalige Sportchef der F.A.Z., Steffen Haffner, an: „Frau Schenk, der Marathon darf nicht sterben. Da muss man doch was machen!“ Wenige Wochen zuvor hatte die Hoechst AG das Aus für den seit 1981 von ihr jedes Jahr organisierten ersten deutschen Stadtmarathon besiegelt. 1985 noch hatte sie nach der fünften Auflage einen künftig zweijährigen Austragungsrhythmus angekündigt. Viele ahnten da schon, dass dies von Anfang an unrealistisch war und eher dazu dienen sollte, die Empörung über den Rückzug der Hoechst AG kleinzuhalten.
Dreimal war ich in meiner Stadt den Marathon gelaufen, hatte zudem übers Jahr die tägliche Begegnung mit der gestrichelten Linie auf den Straßen als Erinnerung und stete Motivation erlebt. Im April 1986 war ich notgedrungen nach Hamburg ausgewichen – auch eine schöne Stadt, aber kein Ersatz für den Heimvorteil, wenn Freunde und Nachbarn an der Strecke stehen. Und nun nie mehr ein Marathon in Frankfurt? Ich dachte: Da muss ich doch was machen!
Als erstes holte ich den mehrfachen Deutschen Marathon-Meister Günter Mielke, zuletzt Sportlicher Leiter beim Hoechst-Marathon, mit ins Boot. Wir sammelten Unterstützer – von Heinz Ulzheimer, Bronzemedaillengewinner im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Sommerspielen 1952, über Fußball-Profis bis zur Eishockey-Abteilung von Eintracht Frankfurt. Mit einer stattlichen Zahl an prominenten Unterschriften startete Mitte September 1986 die Marathon-Initiative mit der Forderung, dass die Stadt Frankfurt den Marathon übernimmt. Dort herrschte Skepsis, doch die Resonanz in der Öffentlichkeit war überwältigend, von allen Seiten gab es Zuspruch.
Der notwendige DreiklangKurze Zeit später fand ich in meinem Briefkasten einen dicken Umschlag. Der Inhalt: Ein Stadtplan mit detailliert ausgearbeiteter neuer Marathon-Strecke. Fred Illenberger, Mitarbeiter beim Straßenverkehrsamt und selbst begeisterter Läufer, hatte sich für die Initiative ans Werk gemacht. Da wusste ich: Wir gewinnen.
Am 17. Dezember 1986 gab der damalige Sportdezernent Prof. Peter Rhein, Vater des jetzigen hessischen Ministerpräsidenten, in einer Pressekonferenz bekannt: Die Stadt Frankfurt stellt 200.000 DM zur Verfügung, mithilfe von zwei Agenturen, die sich um die Sponsorenakquise kümmern, und mit Eintracht Frankfurt als ausrichtendem Leichtathletikverein wird der sechste Frankfurter Stadtmarathon am 25. Oktober 1987 stattfinden.
Die ersten Jahre nach der Unterbrechung waren mühsam, die vorherigen Starterzahlen wurden nicht erreicht. Vertrauen war verloren gegangen, viele Läufer hatten sich auf andere Marathons umorientiert.
Erst als 1990 nach der Wende der Titelsponsor Deutsche Bundesbahn 1300 kostenlose Bahntickets für Läufer aus den „neuen Bundesländern“ zur Verfügung stellte, gelang wieder eine deutliche Steigerung der Teilnehmerzahlen.
Meinungsstark: Sylvia SchenkLucas BäumlSo zeigte sich die Fragilität des Stadt-Marathons, bei dem nicht nur die Organisation klappen muss, sondern viele Aspekte zu berücksichtigen sind. Die Verbindung von internationalen Stars an der Spitze mit ambitioniertem Sport in allen Altersklassen bis hin zum Breitensport spielt eine entscheidende Rolle. Dieser Dreiklang sichert Medieninteresse, das Marketing, insbesondere Fernsehen und Sponsoren. Auch die Zuschauerinnen und Zuschauer an der Strecke wollen nicht nur Verwandte oder Nachbarn anfeuern, sondern Teil eines sportlichen Großereignisses mit nationalem oder gar internationalem Renommee sein.
Bis 2008 blieb die Stadt Frankfurt selbst Veranstalter des Marathons, seitdem hat sie sich auf die Rolle des Zuschussgebers zurückgezogen, ohne wirtschaftliches Risiko. Dieses liegt bei der Agentur Motion Events mit Jo Schindler als Geschäftsführer.
2025 war der Mainova-Marathon mit 17.000 Anmeldungen ausgebucht und nach Berlin der zweitstärkste Lauf in Deutschland. Hinzu kamen 6844 Starter für den T. Rowe Price Staffelmarathon sowie 2702 beim Mini-Marathon und 1663 für den Struwwelpeter-Lauf der Jüngsten. Das Rennen für 2026 ist gesichert, das Meldeportal wurde wie üblich unmittelbar nach der letztjährigen Auflage eröffnet. Trotzdem bin ich beunruhigt.
Frankfurt könnte das Nachsehen habenWährend es lange Zeit eine Herausforderung war, einen Organisator und Sponsoren für den Marathon zu finden, ist der unter Veranstalter Jo Schindler erfolgreiche Lauf plötzlich zum Objekt der Begierde geworden. Im Frühjahr 2026 meldete sich die neu gegründete Frankfurter Sportagentur mit den Geschäftsführern Andreas Bechmann und Fabian Brügmann als Interessent für die Ausrichtung des Marathons ab 2027. Prompt hob auch die A.S.O. Germany GmbH, die in Frankfurt bereits den Radklassiker Eschborn Frankfurt veranstaltet, den Finger.
Konkurrenz belebt das Geschäft, und so ist die Stadt Frankfurt einerseits in der glücklichen Lage, mittels Ausschreibung das bestmögliche Konzept für die Zukunft herauszufiltern. Andererseits ist dies durchaus verzwickt. Der Marathon findet zwar an nur einem Wochenende statt, ist aber mit der frühzeitig nötigen Aufnahme in den internationalen und nationalen Lauf-Kalender, Abstimmung mit anderen Events – insbesondere Messen – in Frankfurt, langfristig zu ermöglichenden Anmeldungen, Sponsorenplanungen sowie internationaler Werbung und lokalen Angeboten für Neueinsteiger in der Region eine Ganzjahresveranstaltung.
Eine „Staffelübergabe“ zwischen bisherigem und möglichem neuen Veranstalter setzt daher eine detaillierte Zeitplanung und nahtlose Abstimmung voraus, wenn der Läuferstamm gehalten und insbesondere ein Ausfall des Marathons vermieden werden soll. Die Erfahrung aus 1985/1986 zeigt, wie negativ sich eine einjährige Unterbrechung niederschlagen kann. Es ist zweifelhaft, ob in der heutigen Zeit mit vielfachen Konkurrenzveranstaltungen eine Verunsicherung am Markt überhaupt aufgefangen werden kann. Wie schnell könnte eine andere Stadt in die Bresche springen und Frankfurt auf Dauer das Nachsehen haben.
Somit steht das Sportdezernat vor einer kniffligen Aufgabe. An einer EU-weiten Ausschreibung mit vorgegebenen Verfahrensschritten und Fristen führt angesichts der Höhe des Zuschusses von 400.000 Euro kein Weg vorbei. Hierfür müssen belastbare, objektive Kriterien erarbeitet und gewichtet werden. Gar nicht so einfach bei einer komplexen Veranstaltung in disruptiven Zeiten. Sollten neue Möglichkeiten der Digitalisierung bis hin zu Künstlicher Intelligenz berücksichtigt werden? Kann/soll der Termin Ende Oktober gehalten werden, welche Rolle spielen Risiken durch den Klimawandel? Was bedeuten Baustellenplanungen in der Stadt für die Streckenführung, wie wirkt sich die wirtschaftlich schwierige Lage auf Meldegebühren und Sponsoren aus? Lässt die demographische Entwicklung einen Rückgang der Teilnehmerzahlen erwarten oder können neue Bevölkerungsgruppen erschlossen werden? Was erwartet die Stadt, was bleibt der Kreativität der Bewerber überlassen?
In Zeiten von KI spuckt Copilot auf Nachfrage einen detaillierten Kriterienkatalog mit „Eignung und Zuverlässigkeit des Bieters“, „Nachweis über technische, organisatorische und finanzielle Leistungsfähigkeit“, „Erfahrungen mit Laufgroßveranstaltungen“, „Sicherheitskonzept“, „Stadt- und Standortmarketing“, „Nachhaltigkeit“ aus. Schon diese unvollständige Auflistung zeigt, dass (fast) alle städtischen Dezernate an Ausschreibung und Vergabe zu beteiligen sind.
Besondere Bedeutung haben Transparenz und Gleichbehandlung im Vergabeverfahren – und genau dort liegt das größte Risiko für die zeitliche Planung der Ausschreibung und die Zukunft des Marathons.
Eine meiner letzten Amtshandlungen als Sportdezernentin war die Vertretung der Stadt am 11. April 2001 in der mündlichen Verhandlung vor der Vergabekammer des Oberlandesgerichts Frankfurt. Es ging um den Zuschlag für den Umbau des Frankfurter Waldstadions, ein unterlegener Bieter hatte eine Konkurrentenklage eingereicht. Wäre diese erfolgreich gewesen, hätte Frankfurt bis zur Entscheidung über die Host Cities für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 dem DFB keine Garantie für ein WM-reifes Stadion abgeben können.
Wir hatten Glück und gewannen den Prozess, aber das Ergebnis hing am seidenen Faden. In den zuvor ausgetauschten Schriftsätzen hatte mir die Gegenseite mehrfach Äußerungen von Stadtverordneten um die Ohren gehauen, die als Verletzung der Neutralität im Vergabeverfahren gewertet wurden. Die derzeitige öffentliche Diskussion um den Marathon könnte ebenfalls Anlass für eine künftige Klage und daraus resultierende Zeitverzögerung geben.
Dass der Sportkreis Frankfurt einseitig für den Bewerber Frankfurter Sportagentur Position bezieht und damit die kommerziellen Interessen seines stellvertretenden Vorsitzenden Andreas Bechmann unterstützt, ist schon für sich genommen fragwürdig. Da Sportkreis und Sportamt beziehungsweise Sportdezernat in ständiger Interaktion zu allen möglichen Sportthemen sind, sollten zwischen ihnen jegliche Äußerungen zum Vergabeverfahren strikt unterbunden werden.
Zugleich müssen etliche städtische Ämter mit dem bisherigen Veranstalter Motion Events eng zusammenarbeiten, um den nächsten Lauf auf die Beine zu stellen. Auch in diesem Verhältnis ist strikte Neutralität nötig, was allen Beteiligten über längere Zeit viel Disziplin abverlangen wird.
Auf jeden Fall müssen mögliche Klagefristen bei der Planung des Vergabeverfahrens einkalkuliert und dabei die durchgehende Sicherstellung der einzelnen Vorbereitungsschritte für den jeweils nächsten Marathon berücksichtigt werden. Dass die Stadt derzeit von einer Vergabe für 2029 ausgeht, ist unter diesen Gesichtspunkten realistisch – 2028 würde den Marathon in Frage stellen.
Steffen Haffner schrieb in seinem Kommentar im Dezember 1986 in Bezug auf den geretteten Frankfurt-Marathon: „Mit dem zweiten Versuch sollte behutsamer und mit längerem Atem zu Werke gegangen werden.“ Das gilt auch noch 40 Jahre später, anno 2026.
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