Sie macht keine Kompromisse. Über eine Frau und ihren gerechten Kampf.
Sie macht keine Kompromisse. Über eine Frau und ihren gerechten Kampf.

Karin Hofer / NZZ
Das Haus ist eingerichtet, um im Kampf zu bestehen. Im untersten Stock stehen Fitnessgeräte, schlicht und funktional aufgereiht. Es ist ein Kraftraum, der nicht Wellness, sondern Abhärtung verspricht. Im obersten Stock befindet sich der Stehtisch, an dem die gelernte Fitnesstrainerin Franziska Herren ihre politischen Kämpfe ausficht. Wenn sie von hier aus dem Fenster schaut, weiss sie, weshalb sie sich das antut, die Arbeit und den massiven Gegendruck, den sie erfährt – sie blickt auf die Wälder des Juras, in die Natur. In den Fensterrahmen hat sie eine Karte gestellt, darauf steht ein Gedicht von Hilde Domin: «Nicht müde werden / sondern dem Wunder leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten.» Sie muss sich manchmal daran erinnern.
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Auf dem Stehtisch liegen Flyer der Ernährungsinitiative, mit der Herren die schweizerische Agrarpolitik revolutionieren will: Innerhalb von zehn Jahren soll die Schweiz eine Selbstversorgung von mindestens 70 Prozent anstreben – derzeit sind es 42 Prozent, Tendenz sinkend. Die Landwirtschaft müsste sich dafür radikal verändern: weniger Dünger und Pestizide, mehr pflanzliche Lebensmittel, weniger Fleisch. «Es muss etwas passieren», sagt Franziska Herren, «Pestizide und zu viel Gülle zerstören unsere Böden, und wir können uns in einer Krise nicht einmal selbst ernähren.» Der Bauernverband spricht nur von «Vegan-Zwang», wenn es um die Initiative geht. Sie wolle den Leuten «den Menuplan vorschreiben», sagt der Bauernpräsident Markus Ritter, sie kämpfe gegen Milch, Eier und Fleisch. Sie betreibe Zwängerei.
Sie – das ist Franziska Herren. Eine ruhige Frau, die die Bauern reizt wie fast niemand sonst. Bekannt wurde sie durch die Trinkwasser-Initiative, die der Bauernverband im Juni 2021 in einem lauten Abstimmungskampf bodigte. Herren erzählte damals, was sie zu lesen bekommen habe: «Wären Sie eine Kuh in meinem Stall, würde ich Sie zu Tode prügeln.» Sie bekämpfte eine Grossmacht: die Bauern draussen im Land und drinnen im Bundeshaus, bis hinauf zum zuständigen Bundesrat Guy Parmelin, einem Weinbauern.
Nach der verlorenen Initiative hat Herren ihr Engagement noch verstärkt. Doch inzwischen hat sie selbst viele ihrer natürlichen Verbündeten verloren. Als am Dienstag der Ständerat ihre Ernährungsinitiative behandelte, engagierten sich wie schon im Nationalrat nicht einmal mehr die Grünen dafür. Die grüne Nationalrätin Franziska Ryser sagte in der «WoZ», die Initiative sei «gut gemeint, aber nicht gut gemacht». Auch der Umweltverband Pro Natura, der Franziska Herren anfangs unterstützte, hat sich distanziert. Nur ein kleines Team bleibt ihr, mit dem sie in den kommenden Monaten für die Initiative kämpfen will. «Ich habe so viel erlebt», sagt sie, «und ich habe gelernt, viel auszuhalten.»
Allein gegen alle: Darauf läuft der gerechte Kampf von Franziska Herren hinaus.
Die Vertreibung aus dem ParadiesIhre Politisierung klingt wie eine Variation von der Vertreibung aus dem Paradies. Aufgewachsen ist Franziska Herren in einer Familie mit eigenem Pflanzblätz. Die Mutter führte einen Biostand in Münsingen, als es im Coop noch kein Biogemüse gab. Sie machte das Brot selbst und kaufte das Getreide in der Biofarm Kleindietwil. Sie assen wenig Fleisch. So brachte es Franziska Herren später auch ihren eigenen Kindern bei. «Ich fühlte mich sicher: Wir ernährten uns biologisch, achteten auf Natur, Böden, Wasser.» Dann veränderte sich ihr Leben im Herbst 2004 mit einem Unfall auf der Autobahn. Der Verkehr staute sich, sie bremste ab, setzte den Warnblinker, aber der Fahrer hinter ihr raste ungebremst in sie hinein. Sie erlitt ein Schleudertrauma, musste das Fitnessstudio zeitweise abgeben und sich ins Leben zurückkämpfen.
Auf einem ihrer langen Spaziergänge begegnete sie auf einer Weide einer schreienden Kuh. Sie suchte nach dem Bauern, der ihr erklärt habe: Die Kuh rufe nach dem Kalb, denn so sei das eben, für die Milchproduktion würden die Kühe von den Kälbern getrennt. Als Herren daheim war, las sie, dass Kühe und Kälber auch in der Biolandwirtschaft voneinander getrennt werden.

Alessandro Della Valle / Keystone
Sie recherchierte über Antibiotika und Pestizide, «all das, was nicht auf den Werbeplakaten steht». Und sie merkte, dass sie zwar bio essen kann – «aber beim Trinkwasser muss ich die halbe Landwirtschaftspolitik mittrinken, ob ich will oder nicht». Das nahm ihr die Sicherheit, in der sie aufgewachsen war.
Der SchlüsselmomentSo wurde Franziska Herren zur Profi-Aktivistin. Im Jahr 2006 setzte sie sich mit einer kommunalen Initiative dafür ein, dass im Wald bei Wiedlisbach (BE) diverse Bäume gerettet wurden. Im Kampf für die Abschaltung des AKW Mühleberg lernte sie Walter Kummer kennen, einen ehemaligen Unternehmer, der sie finanziell unterstützte – und bis heute an ihrer Seite steht. Herren und Kummer standen mit Zylinderhüten auf der Strasse: «Mühleberg vom Netz». Es wirkt wie ein politischer Schlüsselmoment: Herren wurde allseits belächelt und die Initiative im Jahr 2014 abgelehnt, aber später schalteten die Betreiber das Atomkraftwerk von sich aus ab. Seither scheint sie zu glauben, dass sie früher oder später recht bekommt, auch wenn sie jetzt noch alle gegen sich hat.
Im Winter 2014 gründete sie den Verein «Sauberes Wasser für alle», der damals hinter der Trinkwasser- und heute auch hinter der Ernährungsinitiative steht. Ihr neues Projekt vereint, wofür Herren steht: sauberes Trinkwasser, eine giftfreie Landwirtschaft, pflanzliche Ernährung, aber auch den kompromisslosen, gerechten Kampf.
Das grüne DilemmaVor allem die Grüne Partei stürzt Herrens Ernährungsinitiative in ein Dilemma: Zwar teilt man das Fernziel einer ökologischen Wende, hält die Initiative aber im politischen Nahkampf für ungeeignet. Kilian Baumann, als Präsident der Kleinbauern-Vereinigung ein erfahrener Gegner des grossen Bauernverbands, bezeichnet den festgeschriebenen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent als «kontraproduktiv»: «Wir müssten auf Kriegswirtschaft umstellen, das können wir der Bevölkerung nicht vermitteln.»
Seit dem Ende der grünen Welle können die ökologischen Kräfte kaum noch Druck aufbauen, die Machtverhältnisse im Parlament entwickeln sich in die gegenteilige Richtung, mehrere Initiativen sind gescheitert (zuletzt für mehr Biodiversität), man sucht nach breiteren Allianzen. «Auf die Ernährungsinitiative freut sich der Bauernverband», sagt Baumann, «sie ist so radikal, dass er die Reihen dagegen schliessen kann.» Leider, so sagt es nicht nur er, habe Franziska Herren nicht mit sich reden lassen.

Alessandro Della Valle / Keystone
Herren ist ernüchtert, dass inzwischen auch die ökologischen Kräfte müde geworden seien. «Schauen Sie raus», sagt sie an ihrem Tisch in Wiedlisbach, «das Thema ist so wichtig. Wir sollten keine Sekunde mehr warten.» Sie sagt, sie werde auf ihre Art weitermachen, auch wenn sie in manchen Kreisen als Reizfigur dargestellt werde. Mit taktischen Überlegungen will sie sich nicht aufhalten, sie ist bald wieder beim Grundsätzlichen: bei den Pestiziden, bei den Böden. Sie holt Statistiken, einen Flyer des Bauernverbands, der sie empört. Ihr Blick verengt sich, die Augen zeigen die Wut der Missionarin. Doch was wird aus dieser Wut?
Im Februar ging sie noch einen Schritt weiter. Sie reichte eine Aufsichtsbeschwerde gegen den Bund ein. Sie wirft ihm vor, ihre Initiative als «utopisch» zu bezeichnen – obwohl die Landwirtschaft im Krisenfall sogar innert eines Jahres die Selbstversorgung gewährleisten müsse, nicht erst innert zehn Jahren, wie es ihre Initiative fordere. Zudem würden bestehende Vorschriften zum Bodenschutz nicht eingehalten. Falls der Bund weiterhin «irreführend» kommuniziere, behalte man sich eine Abstimmungsbeschwerde vor.
Zu Kompromissen scheint Franziska Herren nicht bereit, vielleicht weniger denn je. Das ist das Problem der Aktivistin: Weil sie keine Mehrheit für ihre Mission hat und deshalb nicht viel geschieht, radikalisiert sie sich. Und weil sie sich radikalisiert, entfernt sie sich immer weiter von einer Mehrheit.
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