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4 Windräder, 18 Jahre Streit: warum die Schweiz beim Windstrom nicht vorankommt

Дата публикации: 07-08-2026 03:30:00

Die Naturschützerin Vera Weber bringt den Windpark Grenchenberg erneut vor Bundesgericht – und zeigt damit, wie leicht sich der Windexpress des Bundes aushebeln lässt.

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Die Naturschützerin Vera Weber bringt den Windpark Grenchenberg erneut vor Bundesgericht – und zeigt damit, wie leicht sich der Windexpress des Bundes aushebeln lässt.

Hat in der Schweiz weiterhin Seltenheitswert: ein Windkraftwerk auf der Weide bei Lutersarni im Entlebuch.

Hat in der Schweiz weiterhin Seltenheitswert: ein Windkraftwerk auf der Weide bei Lutersarni im Entlebuch.

Christian Beutler / Keystone

Noch vor drei Monaten schien es, dass der Windpark auf dem Grenchenberg endlich gebaut werden kann – achtzehn Jahre nach Planungsbeginn. Soeben hatte das Solothurner Verwaltungsgericht die Beschwerden der Windkraftgegner abgelehnt. Der Entscheid sei endgültig, hiess es.

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Doch nun ist wieder alles anders. Oder vielmehr: alles wie immer. Vergangene Woche gewährte das Bundesgericht einer Beschwerde der Stiftung Helvetia Nostra der Naturschützerin Vera Weber aufschiebende Wirkung.

Damit steckt das Windkraftprojekt erneut in einem Rechtsstreit fest. «Es ist bemühend», sagt Lars Losinger, Geschäftsleiter der Stadtwerke Grenchen (SWG), die für das Projekt verantwortlich sind. Nach all den Jahren und Verfahren sei man im Umgang mit Rückschlägen zwar gestählt. «Uns überrascht kaum noch etwas», sagt Losinger. Klar ist aber auch: Der Entscheid der Richter in Lausanne dürfte den Baustart erneut um ein Jahr verzögern. Ursprünglich hätte 2027 mit den Arbeiten begonnen werden sollen, nun dürfte es eher 2028 so weit sein.

Verzögerung geht ins Geld

Der Stillstand kostet die Stadtwerke Geld. Eine konkrete Summe will Losinger nicht nennen. Jedes zusätzliche Planungsjahr verursache jedoch Mehrkosten von mehreren hunderttausend Franken. Zeitpläne, Ausschreibungen und weitere Vorbereitungsarbeiten müssten erneut angepasst werden. Aufgeben wollen die Stadtwerke dennoch nicht. «Nach achtzehn Jahren spielt es fast keine Rolle mehr,ob wir nun ein oder zwei Jahre länger an dem Projekt arbeiten», sagt Losinger. «Wir ziehen es jetzt durch.»

Der Fall Grenchenberg zeigt exemplarisch auf, warum der Ausbau der Windkraft in der Schweiz nicht vom Fleck kommt: Das Rechtssystem eröffnet Natur- und Landschaftsschützern wie Elias Vogts Freie Landschaft Schweiz und Vera Webers Helvetia Nostra immer wieder neue Wege, geplante Anlagen gerichtlich anzufechten. Und die von der Politik eingeleiteten Gesetze und Erlasse, um die Verfahren zu beschleunigen, greifen häufig ins Leere.

Vera Weber, Präsidentin der Fondation Franz Weber, bekämpft das Windkraftwerk Grenchenberg bis vor Bundesgericht.

Vera Weber, Präsidentin der Fondation Franz Weber, bekämpft das Windkraftwerk Grenchenberg bis vor Bundesgericht.

Severin Bigler / CH Media

2023 verabschiedete das Parlament den sogenannten Windexpress. Dieser sollte die jahrelangen Verzögerungen bei Windkraftprojekten verkürzen. Bei Anlagen von nationalem Interesse sollten kantonale Verwaltungsgerichte abschliessend über Beschwerden entscheiden. Das Gesetz enthält jedoch eine Ausnahmeregel: Betrifft ein Fall eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung, kann das Bundesgericht weiterhin angerufen werden.

Genau auf diese Klausel stützt sich nun Helvetia Nostra. «Das Parlament hat damit ein Schlupfloch geschaffen», sagt Losinger. «Jeder Projektgegner kann behaupten, seine Einwände beträfen eine grundsätzliche Rechtsfrage.»

«Reine Blockade»

Laut dem SWG-Chef hat das Vorgehen von Helvetia Nostra längst nichts mehr zu tun mit einer gewöhnlichen rechtlichen Auseinandersetzung. «Die inhaltlichen Fragen sind längst geklärt. Was jetzt geschieht, ist eine reine Blockade», sagt er. Vera Webers Organisation verfolge ihre Ziele mit einer enormen Radikalität und einem geradezu missionarischen Eifer. Hinter ihrem Widerstand stehe das Ziel, Landschaften möglichst in jenem Zustand zu bewahren, in dem sich die Schweiz früher einmal befunden habe. Diesen «Konservierungsanspruch» verteidige Helvetia Nostra mit allen verfügbaren Mitteln.

Unterstützt wird die Stiftung laut Losinger von einem Netzwerk verschiedener Gruppierungen, darunter auch Freie Landschaft Schweiz, die eng zusammenarbeiteten und dieselben Ziele verfolgten. In diesem Zusammenhang seien auch die Waldschutz- und die Gemeindeschutzinitiative zu sehen, die sich gegen den Ausbau der Windenergie richten und voraussichtlich im nächsten oder im übernächsten Jahr an die Urne kommen.

Helvetia Nostra macht in ihrer Beschwerde unter anderem geltend, dass der Windexpress im Fall Grenchenberg nicht anwendbar sei, weil der Windpark nicht mehr als Anlage von nationalem Interesse gelte. Hintergrund ist die 2021 vom Bundesgericht angeordnete Reduktion von sechs auf vier Turbinen, hauptsächlich wegen eines Wanderfalkenhorsts in rund einem Kilometer Entfernung.

Die Organisation bezweifelt deshalb, dass der verkleinerte Windpark die dafür erforderliche Jahresproduktion von mindestens 20 Gigawattstunden erreicht. Die Stadtwerke rechnen dagegen mit rund 30 Gigawattstunden, da modernere Anlagen zum Einsatz kommen sollen.

In der Strombranche sorgt diese Argumentation für scharfe Kritik. «Zuerst stauchen die Windkraftgegner das Projekt von sechs auf vier Anlagen zusammen – danach argumentieren sie, mit nur vier Windrädern könne es kaum noch von nationalem Interesse sein», sagt Jan Flückiger, Public-Affairs-Leiter beim Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Der Fall zeige, weshalb der Ausbau der Windkraft in der Schweiz kaum vorankomme, obwohl diese gerade im Winter einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten könnte. «Mit einer Haltung, die alles verhindert, was sichtbar ist, hätten unsere Vorfahren kein Wasserkraftwerk, keine Autobahn und kein Eisenbahnviadukt gebaut.»

Matthias Mast, Sprecher der Fondation Franz Weber, zu der Helvetia Nostra gehört, betont auf Anfrage, dass man Windkraftprojekte grundsätzlich bekämpfe – insbesondere wegen ihrer Auswirkungen auf den Wald, das Landschaftsbild und die Tierwelt. «Wir nutzen deshalb jedes juristische Mittel, bei dem wir eine Chance sehen, einen Windpark zu verhindern.»

Dem laufenden Verfahren um den Windpark Grenchenberg kommt aus Sicht der Weber-Stiftung auch über das konkrete Projekt hinaus Bedeutung zu. Man wolle ausloten, welche rechtlichen Möglichkeiten noch bestünden, sagt Mast. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse könnten auch bei weiteren Windkraftprojekten eine Rolle spielen.

Mast betont, dass Helvetia Nostra nicht jeden Widerstand von Anwohnern unterstütze. In vielen betroffenen Gemeinden sei dem Stromgesetz, das den Bau von Windkraftanlagen erleichtere, vor zwei Jahren mit grosser Mehrheit zugestimmt worden. Sobald jedoch eine konkrete Anlage vor der eigenen Haustür geplant sei, schlage die Zustimmung in Widerstand um. «Mit dieser ‹Not in my backyard›-Haltung haben wir Mühe», räumt der Sprecher ein. Deshalb wähle Helvetia Nostra sehr sorgfältig aus, bei welchen Projekten man sich engagiere.

Im Fall Grenchenberg sieht Mast jedoch genügend Gründe für ein Engagement der Stiftung. Das Gebiet sei bislang weder verbaut noch versiegelt, zudem kämen dort mehrere Interessen des Landschafts-, Wald- und Tierschutzes zusammen.

EWZ-Windpark wartet seit drei Jahren auf Bewilligung

Ernüchtert über den schleppenden Ausbau bei der Windkraft zeigen sich auch andere Energieversorger. EWZ etwa möchte auf einem Höhenzug östlich des Col du Mollendruz im Jura zwölf Windturbinen errichten. Obwohl das Bundesgericht vor drei Jahren alle Beschwerden gegen das Projekt abgewiesen hat, wartet das Unternehmen seit drei Jahren auf die Baubewilligung des Kantons.

Axpo und ihre Tochter CKW verfolgen derweil schweizweit 11 Windkraftprojekte mit zusammen bis zu 45 Turbinen. Noch befinden sich die meisten dieser Projekte in einer frühen Planungsphase, an mehreren Standorten laufen erst Windmessungen und Machbarkeitsstudien. Rückschläge gab es in letzter Zeit am Flumserberg, wo Axpo das Projekt wegen zu geringer Windstärken aufgab, und am Lindenberg, wo die notwendige Umzonung von der Bevölkerung abgelehnt wurde.

Auf Anfrage äussert sich Axpo grundsätzlich zuversichtlich zur Realisierung der geplanten Windparks. Mit verlässlichen Rahmenbedingungen sei man überzeugt, dass Windenergieprojekte in der Schweiz in absehbarer Zeit umgesetzt werden könnten, erklärt ein Sprecher. Da die Projekte von Axpo die neuen Verfahren noch nicht vollständig durchlaufen hätten, sei es für eine abschliessende Beurteilung der Wirkung des Windexpresses aber noch zu früh.

Derzeit liefern die gut 50 in Betrieb stehenden Windkraftanlagen in der Schweiz lediglich rund 180 Gigawattstunden Strom pro Jahr – gerade einmal 0,2 Prozent der gesamten Stromproduktion. Um das Ausbauziel des Bundesrats für 2030 zu erreichen, müsste die jährliche Windstromproduktion innert weniger Jahre auf 2,3 Terawattstunden steigen, also das Zwölffache. Dass dies auch nur annähernd gelingt, halten selbst die grössten Optimisten der Strombranche für unrealistisch.

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