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INTERVIEW - «Bei uns verschwinden die Gletscher wohl», sagt der bekannteste Gletscherforscher der Schweiz

Дата публикации: 24-07-2026 03:30:00

Der ETH-Glaziologe Matthias Huss dokumentiert seit Jahren den Eisverlust in den Schweizer Alpen. Im Gespräch erklärt er, warum er trotz immer neuen «Hiobsbotschaften» weitermacht, seinen Kindern aber andere Berufe empfiehlt.

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Denis Balibouse / Reuters

Der ETH-Glaziologe Matthias Huss dokumentiert seit Jahren den Eisverlust in den Schweizer Alpen. Im Gespräch erklärt er, warum er trotz immer neuen «Hiobsbotschaften» weitermacht, seinen Kindern aber andere Berufe empfiehlt.

Herr Huss, Sie sind der bekannteste Gletscherforscher der Schweiz. Wie lange wird es Ihren Beruf noch geben?

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Matthias Huss: Meinen Kindern empfehle ich jedenfalls nicht, Glaziologe zu werden. Den Beruf selbst wird es aber noch lange geben, und er wird durch den Klimawandel immer relevanter. Bei uns in den Alpen werden die Gletscher vermutlich verschwinden, aber in anderen Regionen, vor allem an den Polen, werden sie noch wichtiger werden.

Sie haben schon im Frühling darauf hingewiesen, dass auf den Schweizer Gletschern regelrechte Bäche aus Schmelzwasser fliessen. Ist das Ihr bisher schlimmster Sommer?

Stand jetzt ist dieser Sommer nach 2022 der zweitschlimmste – das kann sich bis in den September aber noch ändern. Grundsätzlich war die Situation zwar ähnlich wie heute: Es gab wenig Winterschnee, eine frühe Hitzewelle, dann extreme Temperaturen im Sommer. Allerdings lagerte sich damals auch viel Saharastaub auf den Gletschern ab. Dieses Jahr ist der Schnee relativ sauber und kann die Sonnenstrahlung deshalb besser reflektieren.

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Vor wenigen Jahrzehnten war es normal, dass im Sommer in hohen Lagen Schnee fällt. Für die Gletscher war das eine Verschnaufpause. Gibt es so etwas noch?

Im vergangenen Jahr hatten wir im Juli mehrfach etwas Neuschnee im Gebirge. Im Hochsommer verlieren die Gletscher pro Tag zwischen 5 und 10 Zentimetern Eis. Diese Schneefälle haben also einen grossen Effekt, da sie die Schmelze für ein paar Tage komplett abstellen können. Sie sind weiterhin möglich, aber es gehört angesichts der Hitze inzwischen Glück dazu. Seit Mitte Mai hat es in den Alpen nicht mehr richtig geschneit.

Sie dokumentieren permanent den Verlust. Was macht das mit Ihnen?

Wenn man eine Hiobsbotschaft nach der anderen überbringen muss, ist das deprimierend. Ich habe immer das Gefühl, die Leute mögen das doch nicht mehr hören, denn eigentlich erzähle ich immer dasselbe. Bloss, dass es jedes Jahr schlimmer wird. Allerdings bietet mein Beruf auch eine Chance.

Nämlich?

Viele Schweizer haben eine persönliche Beziehung zu Gletschern. Man kennt sie von Wanderungen in den Ferien, sie sind ein Stück Heimat. Wenn sie verschwinden, ist das, nüchtern betrachtet, eine landschaftliche Veränderung. Weil aber diese emotionale Bindung da ist, können wir anhand der Gletscherschmelze die Klimaveränderung illustrieren.

Sie haben den Pizolgletscher einmal als Ihr «Baby» bezeichnet. Warum vermenschlichen wir die Gletscher?

In einem gewissen Sinn sind sie auch lebendig. Sie verändern und bewegen sich. Wenn du heute einen Gletscher siehst und ein paar Wochen später wieder, sieht er komplett anders aus.

Sie haben vor einigen Jahren an der Trauerfeier für den Pizolgletscher teilgenommen. Wie muss man sich so eine Beerdigung vorstellen?

Das Ganze war nicht die Idee von uns Glaziologen. Eine Umweltorganisation hat diese Feier organisiert und mich angefragt. Es ging darum, die Öffentlichkeit wachzurütteln. Es kamen rund 250 Leute und ein halbes Dutzend Fernsehteams. Später gab es auch für Gletscher in den anderen Sprachregionen der Schweiz solche Trauerfeiern, aber jene am Pizol war für mich besonders eindrücklich, denn ich habe an diesem Gletscher jahrelang meine Messungen durchgeführt. Es war ein grauer Tag, und man konnte die letzten Eisreste noch sehen, die sind inzwischen auch verschwunden. Heute gibt es da nur noch eine instabile Geröllhalde, und wenn man darin gräbt, findet man hin und wieder noch Toteis unter den Steinen.

Matthias Huss nimmt gemeinsam mit einem Kollegen auf dem Rhonegletscher Messungen vor.

Matthias Huss nimmt gemeinsam mit einem Kollegen auf dem Rhonegletscher Messungen vor.

Pierre Albouy / Reuters

Welcher Gletscher stirbt als nächster?

Es gibt Hunderte kleine Gletscher in der Schweiz, die schon bald verschwinden werden. Gemäss unseren Daten verschwanden allein zwischen 2016 und 2023 über 100 Gletscher in der Schweiz.

Überlebt der Grosse Aletschgletscher dieses Jahrhundert?

Ich hoffe es! Sicher ist, der Gletscher wird weiter zurückgehen. In den nächsten 40 Jahren haben unsere Klimaschutzmassnahmen noch kaum Einfluss auf den Eisverlust, da die Gletscher verzögert auf die Erwärmung reagieren. Das bedeutet auch, dass die legendäre Gletscherzunge mit den beiden Mittelmoränen verschwinden wird. Was mit dem Aletschgletscher am Ende des Jahrhunderts passiert, hängt davon ab, ob wir dann eine CO2-neutrale Welt haben. Im optimistischsten Szenario überlebt er oben am Jungfraujoch, aber ist eben viel kleiner als heute.

Hat Sie die Entwicklung eines Gletschers in den vergangenen Jahren überrascht?

Sicher der Oigschtchummun- und der Birchgletscher im Lötschental. Beide haben sich völlig entgegen dem Trend verhalten, das haben wir schon vor dem Bergsturz in Blatten gemerkt. Das sind zwar winzige Gletscher, aber sie haben ihre Dynamik verändert und sind teilweise vorgestossen. Das zeigt, dass es immer wieder Dinge gibt, die wir nicht vollständig verstehen.

Hatten Sie angesichts der Machtlosigkeit gegenüber der Gletscherschmelze schon einmal daran gedacht, Ihren Beruf zu wechseln?

Nein, die Gletscher und die Alpen sind mir wichtig. Zudem ist es auch spannend, diese schnellen Veränderungen zu dokumentieren. Das möchte ich weiterhin tun.

Was überwiegt denn – die Faszination für diese Veränderung oder der Verlust?

Beides hängt zusammen. Als Wissenschafter fasziniert mich die rasante Entwicklung. Als Mensch, der gerne in den Bergen unterwegs ist, bin ich traurig, wenn wir unsere Gletscherlandschaften verlieren, aber ich werde immer wieder da hoch gehen, auch wenn es kein Eis mehr gibt.

Schon heute gibt es im Sommer Beschränkungen bezüglich des Wasserverbrauchs. Was kommt da auf uns zu, wenn die Gletscher verschwinden?

Gletscher sind wichtige Puffer in unserem System, die Wasser zu dem Zeitpunkt abgeben, wenn es gebraucht wird. Je kleiner dieser Puffer wird, desto weniger Wasser haben wir in Hitze- und Dürreperioden für die Wasserversorgung zur Verfügung. Momentan erleben wir noch fette Jahre, aber das wird sich bald ändern. Das kann ein immer grösseres Problem für die Wasserkraft oder die Flussschifffahrt werden, von der in der Schweiz viele Lieferketten abhängen.

«Im Hochsommer verlieren die Gletscher pro Tag zwischen 5 und 10 Zentimeter Eis», sagt der Glaziologe Huss. Im Bild: eine Plane, die den Rhonegletscher vor der Hitze schützen sollte, so wie eine Schneedecke.

«Im Hochsommer verlieren die Gletscher pro Tag zwischen 5 und 10 Zentimeter Eis», sagt der Glaziologe Huss. Im Bild: eine Plane, die den Rhonegletscher vor der Hitze schützen sollte, so wie eine Schneedecke.

Pierre Albouy / Reuters

Sie sind oft auf Gletschern unterwegs. Wie hat sich dieser Alltag durch den Klimawandel verändert?

Wenn man früher eine Stunde bis zu einer Gletscherzunge gewandert ist, sind es heute zwei oder drei. Hinzu kommen Spaltenstürze und die Zunahme von Steinschlag. 2023 haben wir uns zum Beispiel entschieden, unsere Messungen auf dem St.-Anna-Firn bei Andermatt einzustellen. Wenn wir vor Ort waren, konnten wir miterleben, wie die nun eisfreien Felsflanken «lebendig» geworden und ständig Steine heruntergestürzt sind. Inzwischen ist dort eine ganze Bergflanke kollabiert, und das Material hat sich auf dem Rest-Gletscher abgelagert.

Wie stark werden im Zuge der Gletscherschmelze Murgänge und Bergstürze zunehmen?

Das ist kein einfaches Thema; darüber wird auch in der Wissenschaft diskutiert. Wenn es keine Gletscher mehr gibt, brechen keine Gletscherseen mehr aus und keine Gletscherzungen ab. In der Vergangenheit hat das ja schon zu verheerenden Katastrophen geführt. Allerdings stellen wir fest, dass wir in den vergangenen Jahren mehrere Ereignisse erlebt haben, die an den Bergsturz von Blatten erinnern.

Welche?

Der Bergsturz am Piz Cengalo, der eine Mure auslöste, die Teile von Bondo verschüttete, zum Beispiel. 2024 ereignete sich dann am Piz Scerscen im Engadin ein ähnlicher Bergsturz. Das hatte zum Glück keine Konsequenzen, da niemand im betroffenen Berggebiet war. Ein Jahr davor ist der Gipfel des Fluchthorns an der Grenze zu Österreich zusammengebrochen. Allein im letzten Sommer gab es ein halbes Dutzend Stürze im Umfeld von Gletschern, doch das waren kleinere Ereignisse. Die Frage ist jetzt, ob es das schon früher gab und man diese Bergstürze nicht registriert hat oder ob sie sich häufen.

Zu welchem Schluss kommen Sie?

Ich habe das Gefühl, es verändert sich etwas. Ganze Bergflanken, die von Gletschern gestützt wurden, liegen plötzlich offen und instabil da, der Permafrost erwärmt sich. Trotzdem sollten wir nicht glauben, dass jetzt alles instabil wird. Früher wusste man, dieser oder jener Gletscher oder Berg ist gefährlich, in Zukunft werden wir wohl vermehrt Ereignisse an Orten erleben, an denen wir es nicht erwartet hätten.

Der Birchgletscher oberhalb von Blatten wurde überwacht. Gibt es weitere Gemeinden und Täler, die gefährdet sind?

Dazu möchte ich mich als Wissenschafter nicht äussern. Die konkrete Beurteilung und die Warnung der Bevölkerung obliegen den kantonalen Behörden. Das ist gut so, da lokales Wissen absolut zentral ist. Was ich sagen kann: Die genaue Überwachung ist eminent wichtig und wird uns helfen, auch in Zukunft rechtzeitig zu reagieren.

Nach dem Bergsturz von Blatten forderten Politiker, dass die Schweiz in dieser Hinsicht mehr tut. Wie sehen Sie das?

Vor allem bei bekannten Problemzonen sind wir gut aufgestellt. Blatten wurde rechtzeitig evakuiert; stellen Sie sich vor, es hätte keine Überwachung gegeben. Wir sind weiter als Länder in den Anden oder Zentralasien, aber wir haben sicher noch Potenzial, wenn es um einen grösseren Überblick geht. Es geschieht schon heute viel, doch wir sollten uns jetzt auch auf neue Gefahren einstellen.

Zuletzt gab es diesbezüglich Diskussionen über den Einsatz von Satelliten . . .

Es braucht eine Kombination verschiedener Methoden. Satelliten eingeschlossen. Hinzu kommen Luftbilder und verschiedene Sensoren vor Ort. Ich sehe die Schweiz da auch in einer Vorreiterrolle, da sie ihre Erfahrungen und die zu entwickelnde Technik später exportieren kann. Ich denke, dass man auch die lokale Bevölkerung stärker einbinden könnte. Häufig bemerken es einheimische Bergsteiger oder Wanderer, wenn sich am Berg etwas verändert, und sie melden das dann informell weiter. Diese Informationen sollten wir bündeln.

Nach Blatten wurde mancherorts diskutiert, ob es angesichts des Klimawandels nicht besser wäre, gewisse Dörfer aufzugeben. Wie denken Sie darüber?

Diese Fragen sind nicht Teil meiner Forschung. Persönlich denke ich aber, dass die Meinung der lokalen Bevölkerung entscheidend ist. Ausser wenn es wirklich nicht mehr anders geht, sollten wir im Moment keine Dörfer aufgeben. Dafür gibt es im Moment auch keine entsprechende Bedrohungslage. Wir müssen aber die Überwachung ausbauen und vor einem Ereignis reagieren, anstatt die Alpen auf Vorrat zu entvölkern.

Huss sagt über seine Arbeit: «Wenn man früher eine Stunde bis zu einer Gletscherzunge gewandert ist, sind es heute zwei oder drei.»

Huss sagt über seine Arbeit: «Wenn man früher eine Stunde bis zu einer Gletscherzunge gewandert ist, sind es heute zwei oder drei.»

Pierre Albouy / Reuters

Trotzdem: In den Alpen ist die Angst spürbar, dass sich Blatten wiederholen könnte.

Das ist verständlich, Blatten hat uns mitten ins Herz getroffen. Man hatte das Gefühl, derartige Katastrophen würden sich nur weit weg von der Schweiz abspielen. Wir können aber nicht ausschliessen, dass sich ein solcher Bergsturz bei uns wiederholt. Trotz allem plädiere ich für Zurückhaltung und eine gewisse Gelassenheit. Grosse Bergstürze ereignen sich nicht von einem Tag auf den anderen, auch das hat Blatten gezeigt: Wenn die Überwachung stimmt, haben wir Zeit zu reagieren. Immerhin ist es auch ein Teil unserer Identität, dass wir die Alpen bewohnen. Nun müssen wir uns und unsere Einstellung aber anpassen: Möglicherweise kommt der Tag, an dem die Gefahr trotz Monitoring zu gross wird und wir ein Dorf aufgeben müssen.

Studien des Bundes zeigen, dass die Alpen besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. Trotzdem zieht der Tourismus immer mehr Menschen dorthin. Ist das nicht paradox?

Es ist ein Phänomen unserer Zeit. Vor 100 Jahren hatte nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Zeit und Geld zum Reisen. Heute suchen wir in den Alpen die wilde Natur. Das führt allerdings auch dazu, dass die Infrastruktur in den Alpen an Wert gewinnt. Das ist durchaus positiv für die regionale Entwicklung. Zudem ist es nicht so, dass die Alpen durch die Naturgefahren zu einer No-go-Area werden. Dafür sehe ich im Moment keine Anhaltspunkte.

Sie sind auch privat in den Bergen unterwegs. Von Touren auf das Matterhorn wird gegenwärtig abgeraten, auch eine legendäre Route auf die Lenzspitze, in der Nähe von Zermatt, ist nicht mehr zugänglich. Was macht das mit Ihnen?

Zu sehen, wie die Eisflanke der Lenzspitze verschwindet, ist dramatisch und öffnet Bergsteigern die Augen. Und als ich kürzlich das Matterhorn sah, bin ich erschrocken. Selbst im Sommer gab es an der Nordwand doch immer noch einige weisse Flecken. Aber diesen Sommer ist der Berg einfach komplett schwarz. Bei der Veränderung von klassischen Bergtouren ist es wie mit den Gletschern: Der Klimawandel wird besonders deutlich sichtbar. Beobachtungen und Nachrichten wie diese rütteln wach. Nicht nur Wissenschafter, sondern alle, die einen Bezug zu den Bergen haben.

Zur Person

Pierre Albouy / Reuters

Matthias Huss, Gletscherforscher

Der Glaziologe Matthias Huss (46) hat ursprünglich in Zürich Erdwissenschaften studiert. Heute forscht er an der ETH Zürich zur Klimaerwärmung und ihren Auswirkungen auf die Gletscher. Ausserdem leitet er seit zehn Jahren das Schweizer Gletschermessnetz Glamos.

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