Der Messi-Kult und eine besondere tiefverankerte Eigenart machen die eigentliche Stärke der Argentinier bei der Fußball-WM aus – jetzt stehen sie im Finale.
Der enorme Messi-Kult und eine besondere tiefverankerte Eigenart machen die eigentliche Stärke der Argentinier bei der Fußball-WM aus – jetzt stehen sie im Finale.
Zehn Mann spielen für einen Fußballgott: Lionel Messi. Die argentinische Mannschaft ist anders motiviert als alle anderen Mannschaften davor. Und eine argentinische Eigenart spielt hier eine besondere Rolle.
Argentinien steht verdient im WM-Finale. Messi ist dabei der Schlüssel zum Erfolg, sowohl durch seine sportliche Klasse als auch durch seine enorme Symbolkraft für die Mannschaft. Als Argentinien im Halbfinale gegen England in Rückstand geriet, hat dies die Mannschaft nicht im Geringsten irritiert.
Es schien, als hätte es sie erst recht motiviert. Während andere Mannschaften sich in einer solchen Situation erst neu finden müssen, zündeten die Argentinier ein emotionales Feuerwerk und gewannen schließlich in den letzten Minuten überragend.
Kishor Sridhar ist angesehener Berater, Keynote-Speaker und Autor, spezialisiert auf Change Management, Führung und Digitalisierung. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Gestandene Weltstars wie Lautaro Martínez brachen anschließend völlig aufgelöst in Tränen aus. In Argentinien ist dieser Vulkanausbruch der Gefühle die logische Folge einer spannenden psychologischen Dynamik, die sich komplett um Messi dreht.
Messi ist in seiner Heimat mehr als ein Weltfußballer. Er ist quasi eine weltliche Gottheit. In Deutschland haben wir keinen Messi, aber eine derartige Verehrung wäre ohnehin undenkbar. Stattdessen lieben wir es, unsere Stars zu kritisieren.
In Argentinien aber nimmt die Messi-Verehrung absurde Züge an: Nach dem WM-Sieg 2022 ließen sich Hunderttausende sein Gesicht tätowieren. In seiner Heimatstadt Rosario musste das Standesamt schließlich das Benennen von Neugeborenen nach seinem Nachnamen verbieten, weil die Flut an kleinen „Messis“ überhandnahm und kaum noch andere Namen vergeben wurden.
Diese religiöse Ehrfurcht herrscht ebenso in der Kabine. Die Spieler betrachten sich als die Jünger Messis. Mittelfeldspieler Leandro Paredes verriet in einem Interview, dass die Nationalspieler eine eigene WhatsApp-Gruppe haben.
Der Name der Gruppe besteht nur aus einem Schlüssel-Emoji. Denn Messi sei, so Paredes, für sie der Schlüssel zu allem: zu ihrem Glück, zu ihrer Ehre, zu ihrer Erlösung.
Genau diese totale Verehrung führt zu der aus der Führungspsychologie bekannten Identitätsfusion. Unter normalen Umständen trennen Menschen strikt zwischen dem eigenen „Ich“ und dem kollektiven „Wir“ einer Gruppe. Bei der argentinischen Mannschaft sind diese Grenzen durch den Messi-Kult vollständig verschwunden.
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Das gesamte Team hat seine eigene Identität mit der seines Anführers verschmolzen. Die Spieler laufen, grätschen und leiden ausschließlich für das Vermächtnis ihrer Nummer 10, für Messis letzte Weltmeisterschaft.
Als sich der Mittelfeldspieler Rodrigo De Paul zwei Tage vor dem WM-Viertelfinale 2022 gegen die Niederlande einen Muskelfaserriss zuzog, galt sein Einsatz als ausgeschlossen und hochgradig riskant für seine weitere Karriere. Messi sah ihm in die Augen und sagte zu ihm: „Spiel nicht, Rodrigo. Ich verspreche dir, ich bringe uns alleine ins Halbfinale. Aber ich brauche dich gesund für das Finale. Vertrau mir einfach.“
Doch obwohl Messi ihm persönlich die Absolution erteilte, konnte De Paul es nicht ertragen, auf der Bank zu sitzen. Entgegen aller medizinischen Warnungen erzwang er seinen Startelf-Einsatz und spielte 66 Minuten gegen die Niederlande wie im Rausch, ehe der Muskel endgültig streikte.
Diese Aufopferungsmentalität wird nur möglich durch die extreme Leidensfähigkeit, für die die Argentinier ein eigenes Wort haben: das „Aguante“, also das Aushalten.
Argentinien blickt auf eine Geschichte voller politischer Krisen und wirtschaftlicher Härten zurück. Die Menschen lernten früh, dem Schmerz mit erhobenem Haupt zu trotzen. Aus dieser kollektiven Resilienz entstand das „Aguante“. In den argentinischen Stadionkurven feiert man also auch immer das gemeinsame Leiden.
Im Spiel gegen England war es dieses „Aguante“, das die Argentinier beflügelte, ihren Messi ins Finale zu bringen. Wehe also den Spaniern, wenn sie beim Finale in Führung gehen sollten.
Das Spiel der Spanier ist Fußballperfektion in Reinform. Es glänzt durch Struktur und Ballkontrolle. Die Argentinier kontrollieren das Spiel jedoch über das Herz und die bedingungslose Loyalität zu ihrem Anführer.
Die Argentinier spielen für das Leiden und ihren Gott Lionel Messi. Und aus der Führungspsychologie wissen wir: Emotionen sind für den Erfolg meist wichtiger als Technik. Insofern steht den Spaniern einiges bevor.
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